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Europa

Der schwere Kampf der lettischen Homosexuellen

In Lettland wird momentan über ein Gesetz gestritten, das Homosexuelle vor Diskriminierung schützen soll. Darüber hat sich ein regelrechter Kulturkampf entwickelt - mit der Kirche in einer Hauptrolle.

Männer, die mit haßerfüllten Gesichtern gegen Homosexuellen-Treffen protestieren hinter Polizisten.

Hass: Demonstration der Homophoben

Es war die Aggressivität, die Evita Gosa schockiert hat. Im vergangenen Juli hatte sie an einem Treffen von Homosexuellen in der lettischen Hauptstadt Riga teilgenommen. Als sie und andere Teilnehmer den Auftaktgottesdienst in der Anglikanischen Kirche in der Altstadt verlassen wollten, da wartete draußen schon der Mob: "Sie haben uns bedrängt, beschimpft und mit Sachen nach uns geworfen – auch mit Beuteln voller Exkremente." Evita Gosa empört noch heute die Doppelmoral der Anti-Homo-Aktivisten. "Sie nennen sich selber Christen, und dann werfen sie mit Kot auf eine Kirche. Was sind das denn für Christen?"

Dabei hatte die eigentlich geplante Parade, auf der lettische Homosexuelle für ihre Rechte demonstrieren wollten, noch nicht einmal stattgefunden – sie war von der Stadt gar nicht erst genehmigt worden. Doch in Lettland kochen Vorurteile schnell zu Aggressionen hoch, wenn es um das Thema Homosexualität geht. Vor allem die Kirchen im Lande haben dabei offenbar die Rolle der Einpeitscher für sich entdeckt – Gedanken an Versöhnung und Nächstenliebe haben das Nachsehen.

Homosexuelle als neue Sündenböcke

Blick über die Düna auf die Altstadt von Riga mit den Türmen der St. Petri-Kirche und des St. Marien-Doms.

Mächtige Lobbygruppe: Die lettischen Kirchen haben ihren gemeinsamen Feind gefunden

"Homosexuelle Beziehungen sind eine schwere Sünde", ließ kürzlich etwa Kardinal Janis Pujats, das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche Lettlands, verlauten. Und: "Es ist gefährlich, wenn Homosexuellen vom Gesetz Schutz gewährt wird." Anlass dieser Äußerungen sind geplante Änderungen am Strafgesetzbuch. Demnach würde es unter bestimmten Umständen strafbar, andere zu diskriminieren – sei es wegen des Geschlechts, der Rasse oder eben auch der sexuellen Orientierung.

Allein diese vergleichsweise vage Formulierung ruft nun wieder einmal diejenigen auf den Plan, die schon seit längerem befürchten, Lettland könne sich zum Sündenpfuhl entwickeln. "Wir werden für alles verantwortlich gemacht", sagt Evita Gosa. "Für die sinkende Geburtenraten, für die Bedrohung durch Russland, für die Kriminalität." Vor den Kirchen Rigas wurden sogar schon Broschüren verteilt, die Homosexuelle gleichsetzen mit Päderasten oder Terroristen und sie auch für die Nazis in Deutschland verantwortlich machen, weil Hitler ebenfalls schwul gewesen sei. Als Herausgeber zeichnete ein "Lettischer Familienfonds" - allerdings weiß niemand, wo dieser sitzt und wer sich hinter ihm verbirgt.

Auswandern als letzte Option

Evita Gosa, die sich bei der bisher einzigen lettischen Homosexuellen-Organisation "Mozaika" engagiert, hat wegen dieses feindseligen Klimas schon ans Auswandern gedacht. Dabei geht es der 27-Jährigen nach eigener Aussage "noch vergleichsweise gut". Die Juristin arbeitet in einer internationalen Kanzlei, "wo die Leute etwas anderes zu tun haben, als andere zu diskriminieren". Auch in Familie und Alltag hat sie keine Probleme.

Anti-Homo-Aktivisten spritzen mit Wasser auf die Menge am Reval Hotel in Riga.

Erst Kot, dann Wasser - Hauptsache gegen Menschen, die anders sind

Maris Sants etwa musste härtere Kämpfe ausfechten. Der 42-Jährige ist wahrscheinlich der bekannteste Schwule Lettlands. Und selbst ehemaliger Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche – bis deren Erzbischof Janis Vanags ihn im Jahr 2005 exkommuniziert hat. "Hinter meinem Rücken, ohne mit mir darüber zu sprechen."

Seit er öffentlich als Homosexueller bekannt ist, wird er auch schon einmal auf der Straße angespuckt oder angegriffen. "Zum Glück bin ich relativ stark und kann schnell rennen", sagt Sants lakonisch. Mittlerweile hält er auch wieder Gottesdienste - in der Anglikanischen Kirche, die im Gegensatz zu den anderen nicht homophob ist.

Taliban oder lettischer Lutheraner: Im Geiste gleich?

Die lettischen Kirchen – evangelisch-lutherisch, römisch-katholisch und russisch-orthodox – hätten scheinbar endlich einen gemeinsamen Feind gefunden, an dem sie sich abarbeiten können, meint Juris Calitis, Dekan der theologischen Fakultät an der Universität Riga und Pastor. Die Kirche sei eine "sehr mächtige Lobbygruppe", vor allem die evangelisch-lutherische. Viel von ihrem Einfluss verdanke sie dabei auch der Unsicherheit, die im Land in moralischen Fragen herrsche – "Da gibt es keine andere Instanz als die Kirche". Und die sei selber unsicher, weil ihr nach der Sowjetzeit die theologische Tradition und vielfach auch das Wissen fehlten, so Calitis. "Wenn man unsicher ist und sich um seinen Glauben sorgt, dann ist das erste, was passiert, dass man radikal-konservativ wird, wie die Taliban. Ein islamischer Taliban und ein lettischer Lutheraner sind zu den gleichen Dingen fähig."

Nur internationaler Druck könne langfristig etwas ausrichten, meinen die lettischen Homosexuellen – zumal Lettland seit 2004 Mitglied in der EU ist. "Auch wirtschaftliche Sanktionen wären sinnvoll, etwas anderes hilft hier nicht", sagt Maris Sants.

Die Homosexuellen-Gegner freilich sehen das etwas anders. Sie meinen, dass eher die EU sich ein Beispiel an Lettland nehmen sollte. In den im vergangenen Jahr verteilten Broschüren heißt es sinngemäß: "Wir können zum Segen werden für ganz Europa, wenn wir diesen amoralischen Lebensstil nicht als Norm akzeptieren."