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Kultur

Integration gegen Homophobie

Migrantenkinder lehnen Homosexualität stärker ab als ihre deutschen Mitschüler - das ergibt eine Studie der Uni Kiel. Aber: Je besser die Jugendlichen integriert sind, desto weniger neigen sie zur Homophobie.

Zwei homosexuelle Männer, Hand in Hand, Quelle: dpa

Rund 1000 Jugendliche wurden zu ihrer Einstellung gegenüber Homosexualität befragt

"Wenn zwei homosexuelle Männer sich auf der Straße küssen, dann finde ich das abstoßend." Diesem Satz stimmte mehr als die Hälfte der 1000 Jugendlichen zu, die von der Universität Kiel zu ihrer Einstellung gegenüber Homosexualität befragt wurden.

Die wissenschaftliche Studie wurde unter der Leitung des Psychologieprofessors Bernd Simon in Berliner Schulen durchgeführt und wurde vom Bundesfamilienministerium finanziell unterstützt. Je nach Herkunft der befragten Schüler fiel das Gesamturteil jedoch sehr unterschiedlich aus.

Starker Zusammenhang zwischen Religion und Homophobie

"Wir konnten zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund erheblich feindlicher gegenüber Homosexuellen sind als Personen ohne Migrationshintergrund", sagt Bernd Simon. Bei der Gruppe der türkischstämmigen Migranten habe sich außerdem ein besonders starker Zusammenhang zwischen Religiosität und Homosexuellenfeindlichkeit gezeigt.

Gruppe von Jugendlichen, Quelle: AP

Migranten sind homophober als Deutsche - und Jungs mehr als Mädchen

Rund zwei Drittel der türkischstämmigen Jugendlichen äußerte homosexuellenfeindliche Einstellungen. Der negative Einfluss der Religiosität sei jedoch auch bei anderen Migrantengruppen, zum Beispiel bei Kindern von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion messbar.

"Wir müssen davon ausgehen, dass gelebte oder erlebte Religiosität den Unterschied macht", sagt Bernd Simon. Gefragt wurde, wie religiös sich die Befragten selbst einschätzten. Die Studie habe gezeigt: "Je mehr jemand sagt, 'ich orientiere mich an der Religion' - was immer das jetzt im Einzelfall bedeutet - desto stärker neigt diese Person zu Homosexuellenfeindlichkeit."

"Erschreckende" Ergebnisse fordern Reaktionen

Man dürfe deshalb jedoch nicht gleich alle konservativen Muslime für homophob halten, warnt Eren Ünsal. Sie ist Sprecherin der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Die Ergebnisse der Studie seien zwar erschreckend - umso nötiger sei es aber, türkische Migranten in kleinen Schritten zum kritischen Überdenken ihrer Verhaltensmuster zu bringen.

"Es ist jetzt sehr wichtig, dass die Migrantenorganisationen darauf reagieren. Man muss eine gemeinsame Strategie entwickeln, damit eine breite Aufklärung und Sensibilisierung in den Communities gemacht werden kann", so Eren Ünsal. Im ersten Schritt wolle man ein Expertengremium einrichten, "das in der Lage ist, die Betroffenen mitzunehmen und einzubinden."

Ein gesellschaftliches Problem

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nicht die einzige Gruppe, die von starker Homophobie geprägt ist. Junge Männer in Deutschland zeigten sich in der Studie generell schwulenfeindlicher als ihre gleichaltrigen Klassenkameradinnen - sie äußerten rund vier Mal häufiger entsprechende Meinungen. Alle Jugendlichen könne man sowieso nicht zu einer offeneren Einstellung bewegen, sagt Günter Dworek, Sprecher des Lesben und Schwulenverbandes Deutschland.

Türken und Deutsche in Berlin-Kreuzberg, Quelle: Bilderbox

'Gelebte oder erlebte Religiosität macht den Unterschied'

"Wir haben Meinungsfreiheit und man kann Meinungen vertreten, die mir persönlich gar nicht gefallen", sagt Dworek. Man müsse das akzeptieren. Gebe es aber stark ausgeprägte anti-homosexuelle Einstellungen, werde das zu einem gesellschaftlichen Problem. "Denn es bleibt ja nicht im Kopf, es äußert sich."

Plakatkampagnen reichen nicht

Viele Schwule und Lesben seien täglich Pöbeleien und Anfeindungen ausgesetzt. Hier gelte es, eine klare Grenze zu ziehen. Plakatkampagnen alleine seien nicht genug. Es brauche mehr Aufklärung im Schulunterricht und klarere Worte von Politikern. Eren Ünsal von der Türkischen Gemeinde in Deutschland sagt, dass man außerdem die Lebensbedingungen der Migranten verbessern müsse. Sie glaubt, dass migrationsspezifische Belastungen eine große Rolle spielen: "Wenn Menschen selbst Diskriminierungen ausgesetzt sind, in Armut leben und Bildungsprobleme haben" sind das ihrer Meinung nach wichtige Gründe.

"Alarmierende" Zustände

Darüber hinaus stammten viele Einwanderer aus traditionellen Familien und seien von bäuerlich-patriarchalischen Strukturen geprägt, sagt Simon. Negative Einstellungen gegenüber Homosexuellen fänden jedoch nicht nur in solchen Gruppen, sondern allgemein bei der Mehrheit ausländischer Mitbürger.

Sowohl bei Deutschen als auch bei Migranten zeigte sich zudem ein Anstieg der Homosexuellenfeindlichkeit im Zusammenhang mit der verstärkten Akzeptanz von traditionellen Männlichkeitsnormen. "Alarmierend" findet Simon dieses Ergebnis, denn es zeige, dass Sexismus und Homophobie auch unter deutschen Schülern Hand in Hand gehen.

Den Anderen in Frieden leben lassen

Schwules Paar beim Kuss, Quelle: dpa

Integration schafft Akzeptanz - glaubt Studienleiter Bernd Simon

"Es hat mich aber gleichzeitig auch positiv gestimmt, dass es doch auch große Gruppen mit einem durchaus offenen Verhältnis gibt", sagt Simon. Seine Hoffnung ist es, dass sich bei einem zunehmenden Hereinwachsen und Hereinlassen der Migranten in die Gesamtgesellschaft auch hier das Verhältnis zu Homosexuellen normalisieren und verbessern könnte. "Man darf nicht erwarten, dass jede Minderheit irgendwann von allen akzeptiert wird", sagt Simon. Auch Widersprüche und Zumutungen müssten ausgehalten werden. Es gehe aber darum, "den Anderen zumindest in Frieden leben zu lassen".

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