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Politik

Schwindende Macht der Evangelikalen in den USA

Der US-Präsidentschaftswahlkampf ist eine Show der Polit-Prominenz. Über den Kandidaturen von Obama und Clinton geriet der Wandel der Republikaner in Vergessenheit. Zu Unrecht, meint Michael Knigge in seiner Analyse.

Rudy Giuliani und George W. Bush schütteln sich die Hände, im Hintergrund Laura Bush (Quelle: AP)

Der amtierende US-Präsident mit dem republikanischen, aber liberaleren Nachfolgekandidaten Rudy Giuliani (Archivbild)

Barack Obama (Quelle: AP)

Hoffnungsträger der Demokraten: Barack Obama

Die Rollen für die US-Präsidentschaftswahl sind jetzt klar verteilt: Mit der Erklärung von Senator John McCain, er strebe das höchste politische Amt des Landes an, ist die Riege der prominenten Kandidaten komplett. Für beide Parteien gehen je zwei politische Schwergewichte ins Rennen: Auf republikanischer Seite Rudy Giuliani und John McCain, für die Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama.

Hillary Clinton (Quelle: AP)

Hillary Clinton, Präsidentschaftsandidatin der Demokraten

Die Kandidaturen der Politik-Veteranen Giuilani, McCain und Clinton waren vorhersehbar, das demokratische Wunderkind Obama dagegen kannten bis vor kurzem nur politische Insider. Der kometenhafte Aufstieg Obamas vom Regional-Parlamentarier aus Illinois zum Hoffnungsträger der Demokraten ist sicher eine der Überraschungen dieser Wahlsaison. Die Medien – dankbar für jedes neue Gesicht – inszenierten die Blitz-Karriere des charismatischen Jung-Senators denn auch in einer gigantischen Personality-Show. Die erste politische Schlammschlacht zwischen Clinton und Obama war für die Presse ein weiteres Geschenk.

Schwere Zeiten für Evangelikale

Politisch mindestens ebenso interessant - wenn auch längst nicht so medienwirksam darstellbar wie der Werdegang Obamas oder der Zwist zwischen ihm und Hillary Clinton - ist der Wandel der Republikanischen Partei. Der Einfluss der so genannten "Evangelicals", konservativ orientierter Christen, auf die Kandidaten und die Ausrichtung der Partei ist dramatisch gesunken. Bis vor kurzem unvorstellbar: Keiner der beiden aussichtsreichsten Kandidaten der Republikaner ist dem christlich-konservativen Lager zuzurechnen.

John McCain (Quelle: AP)

John McCain in New York

Im Gegenteil: McCain und Giuliani stoßen bei den Evangelikalen auf Ablehnung. Beide, so der Vorwurf, seien bei wichtigen sozialpolitischen Fragen zu liberal. Gemeint sind die für zahlreiche konservative Wähler bedeutenden Themen Abtreibung, Homosexualität, Waffengesetzgebung und Einwanderung. Und tatsächlich haben McCain und Giuliani im Vergleich zu Präsident George W. Bush oder anderen christlich-konservativen Republikanern ein deutlich sozial-liberaleres Profil. Der New Yorker Giuliani hat sich in der Vergangenheit für das Recht auf Abtreibung und Waffenkontrolle ausgesprochen, und auch McCain gilt den Konservativen bei diesen Themen bestenfalls als Wackelkandidat.

Mormone als Hüter christlich-konservativer Werte

Der sinkende Einfluss der Evangelikalen auf die beiden republikanischen Top-Kandidaten hat kuriose Auswirkungen: Der in Umfragen unter Republikanern derzeit an dritter Stelle liegende Ex-Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney kritisierte seine beiden Kontrahenten in einem Interview mit CBN, dem TV-Sender des Fernsehpredigers und früheren Präsidentschaftskandidaten Pat Robertson, für ihre Toleranz der Homo-Ehe. Giuliani sei zudem für strengere Waffengesetze und verteidige das Recht auf Abtreibung, was für einen republikanischen Kandidaten eine schlechte Ausgangslage sei. Pikantes Detail: Romney ist Mormone und gehört damit einer Religionsgemeinschaft an, deren Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft gerade unter Evangelikalen umstritten ist.

Mitt Romney vor einer US-Flagge (Quelle: AP)

Mitt Romney verteidigt traditionelle Werte

Romneys Strategie ist klar: Er, der während seiner Amtszeit im demokratischen Massachusetts als moderater Gouverneur erfolgreich war, versucht mit christlich-konservativen Themen zu punkten. Dennoch liegt in den jüngsten Umfragen immer noch Giuliani deutlich vor McCain und einem abgeschlagenen Romney. Ob das so bleibt, wenn die Evangelikalen ihre Medienmacht einsetzen, ist eine der spannenden Fragen dieses Wahlkampfs. Denn natürlich wird auch künftig kein republikanischer Kandidat die Nominierung gegen das christlich-konservative Lager gewinnen können. Giuliani und McCain setzen darauf, dass auch für diese Wähler dieses Mal harte politische Themen wie Außen- und Wirtschaftspolitik wichtiger sind als die so genannten "moral issues". Ob ihre Rechnung aufgeht, hängt nicht zuletzt auch von der weltpolitischen Entwicklung ab.

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