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Kultur

Russisches Roulette

Was passierte wirklich im September 1999, als in Moskau zwei Wohnhäuser in die Luft gejagt wurden? Der russische Regisseur Andrej Nekrasov vertritt in seinem Film "Disbelief" keine neue, aber eine sehr brisante These.

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Misstrauen und Ratlosigkeit

Durch die schreckliche Geiselnahme von Beslan, ist der Tschetschenienkrieg - der von Seiten der Russen ungern als solcher bezeichnet wird - auf tragische Weise wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Doch die wenigsten wissen noch, wie es 1999 zur erneuten Eskalation des Konflikts kam. Der erste Krieg, der unter Jelzin geführt wurde, endete 1996. In den folgenden Jahren, bis zum September 1999, war Tschetschenien sowohl von Russland, als auch in der internationalen Gemeinschaft anerkannt. Was aber passierte im September 1999?

Es waren "die Tschetschenen"

Genau mit dieser Frage beschäftigt sich der russische Dokumentarfilm "Disbelief" (Misstrauen, russisch: Nedoverije), der am Mittwoch (8.9.) in zehn Ländern präsentiert wurde. "Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass etwas falsch war", beschreibt Regisseur Andrej Nekrasov seine Vermutungen nach den Anschlägen auf zwei Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk im September vor fünf Jahren. 240 Menschen kamen dabei ums Leben und schnell waren die Schuldigen gefunden - vielleicht vorschnell. Die damals verhafteten Tschetschenen, die unter Folter und psychologischem Druck zu Geständnissen gezwungen wurden, kamen im Lauf der Untersuchungen wieder frei. Trotzdem machte die russische Regierung "die Tschetschenen" im Allgemeinen für die Bombenattentate verantwortlich und begründete damit ihre neue "Anti-Terror"-Initiative in der russischen Teilrepublik.

Die Analogie mit den Ereignissen in den USA im September zwei Jahre darauf, drängt sich fast auf. Genauso nah liegt auch der Vergleich Nekrasovs mit dem amerikanischen Regisseur Michael Moore. Dokumentarfilme, die eine Verschwörungstheorie beschreiben, haben in diesen Zeiten Hochkonjunktur. Auch Nekrasov selbst scheut den Vergleich mit dem fülligen Dokumentarfilmer nicht. "Wenn ich nur so viel erreichen könnte, wie er", sagt er voller Respekt bei der Premiere in der Akademie der Künste in Berlin.

Steckte der FSB hinter den Anschlägen?

Aber nun zur Verschwörungstheorie: Von Anfang an kursierte die Vermutung, der russische Geheimdienst FSB stecke hinter den Anschlägen auf die Wohnhäuser, um ein Klima der Angst zu schüren und ein hartes Vorgehen in Tschetschenien zu rechtfertigen. Mit dem Versprechen, die "Terroristen" zu vernichten, wurde Vladimir Putin kurz darauf Präsident. Putin, der bevor er Ministerpräsident und dann Präsident wurde, lange Zeit Spion bei der KGB, der Vorgängerorganisation des FSB, gewesen war.

1999 Explosion in Moskauer Wohnhaus - 23 Tote

Das Ausmaß der verheerenden Explosion eines Moskauer Wohnhauses 1999

Der Film "Disbelief" verfolgt diese Spuren des Misstrauens mit Hilfe der Schwestern Tanja und Aljona, deren Mutter in einem der Wohnhäuser ums Leben kam. Obwohl Nekrasov in "Disbelief" eine recht einseitige Version der Ereignisse darstellt, bleibt es am Ende doch dem Zuschauer vorbehalten, sich eine eigene Meinung zu bilden - wenn es gelingt, angesichts des großen persönlichen Leids und dem zwischendurch eingespielten CNN-Kitsch einen objektiven Blickwinkel zu behalten. Nekrasov sieht es als seine Aufgabe, die komplexen und gefährlichen, aber unsichtbaren Probleme mit den Augen der normalen Menschen zu zeigen. Und da diese Menschen eben emotionale Russen sind, können ein paar Tränen dabei nicht ausbleiben.

Gefährlich, die Wahrheit zu sagen

In Putins "gelenkter Demokratie" wird die brisante Dokumentation im staatlich kontrollierten Fernsehen nicht gezeigt werden. Die Rechte des auf dem "Sundance Festival" im Januar hochgelobten Films sind aber bereits an Länder wie die USA, Kanada, Schweiz und in Skandinavien verkauft. Auch mit deutschen Fernsehanstalten wird zurzeit verhandelt. Bleibt nur zu hoffen, dass dem Regisseur aus St. Petersburg in der Zwischenzeit nichts zustößt, denn "es war schon immer gefährlich in Russland die Wahrheit zu sagen." Sergej Kowaljow, Menschenrechtler, Duma-Abgeordneter und Mitglied des Untersuchungsausschusses zu den Anschlägen von 1999, weiß wovon er spricht - er hat bereits zehn Jahre Haft in Sibirien hinter sich.

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