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Asien

Rohingyas: Zwischen allen Fronten

Das Schicksal der Rohingyas überschattete den Demokratisierungsprozess. Militärs und demokratische Kräfte vereint der Hass auf die muslimische Minderheit.

Rohingya refugees from Myanmar sit on a boat as they try to get into Bangladesh in Teknaf June 13, 2012. The UN Refugee Office (UNHCR) has called on Bangladesh to keep its borders open given the rapid escalation of violence in the northern Rakhine State of Myanmar, UN spokesman Martin Nesirky told reporters on Tuesday. REUTERS/Andrew Biraj (BANGLADESH - Tags: SOCIETY IMMIGRATION CIVIL UNREST) TEMPLATE OUT

Myanmar - Flüchtlinge aus Rohingya

Während Aung San Suu Kyi durch Europa reiste, um für ihr Engagement im Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt geehrt zu werden, rief eine populäre myanmarische Schauspielerin auf Facebook dazu auf, im Hass auf die Rohingyas nicht nachzulassen: "Ich hasse sie zu einhundert Prozent." Hunderte Angehörige der buddhistischen Mehrheit versammelten sich Mitte Juni in der Stadt Yangon, um ihrer rassistischen und religiösen Hetze freien Lauf zu lassen. "Rohingyas raus aus Myanmar!" Sie diffamieren die Minderheit als Terroristen. Die staatlichen Medien sprechen nur noch von "den bengalischen Muslimen".

Dabei stammen die Rohingya nicht aus Bangladesch, sondern aus Myanmar. Die ethnische Minderheit lebt vor allem in der im Westen des Landes gelegenen Provinz Rakhaing. Die Rohingya gelten nicht als Staatsbürger und gehören keiner der von der Regierung anerkannten ethnischen Minderheiten an. Seit Jahrzehnten sind sie der Repression durch die buddhistische Mehrheit schutzlos ausgeliefert. Vor drei Wochen ist die Lage eskaliert. Die Unruhen dauern an, auch wenn sich die Situation vorerst beruhigt hat. Mindestens achtzig Menschen – vermutlich aus beiden Lagern – kamen ums Leben, Tausende Häuser wurden niedergebrannt

Ethnische Säuberungen oder Verleumdung?

Rettet die Rohingyas vor Brutalität steht auf deinem Protestplakat (Foto: AP/dapd)

Protestierende Rohingyas fordern ein Ende der Gewalt

Es ist extrem schwierig, belastbare Informationen aus der Region zu bekommen", sagt Ulrich Delius von der Menschenrechtsorganisationen Gesellschaft für bedrohte Völker der DW. Es sei kaum zu unterscheiden, was Gerücht, was Propaganda und was Wahrheit ist. "Die Rohingya-Seite spricht von ethnischen Säuberungen und erhebt den Vorwurf des Völkermords. Auf Seiten der burmesischen Bevölkerungsmehrheit heißt es, diese Anschuldigungen seien alle Erfindungen. Die Rohingya hätten eigentlich kein Recht in Myanmar zu leben. Das seien Menschenfresser und Untermenschen."

Die Äußerungen im Internet und die Demonstration machen deutlich, dass es im Kern der Auseinandersetzung um Rassismus geht. Der Demokratisierungsprozess des Landes spielt dabei eine unglückliche Rolle. Er sei sicherlich nicht die Ursache des Rassismus, habe aber Freiräume geschaffen, den ethnischen Hass auszuleben. "Aufgrund der Lockerung werden jetzt plötzlich ganz neue Kräfte frei." Delius zieht vorsichtig Parallelen zum Vielvölkerstaat Jugoslawien. Ein häufiges Problem in solchen Ländern sei, "dass man sich definiert über die Ausgrenzung einer Minderheit. Das schafft Einigkeit. Jetzt plötzlich stehen in Myanmar die Anhänger der Demokratiebewegung neben den Anhängern des Militärs und beide sagen: 'Wir sind die richtigen Burmesen. Was wollen wir mir diesen Affen hier?'"

Das schlechte Krisenmanagement der Regierung tut ihr Übriges, um die Situation zu verschärfen. "Das Krisenmanagement der Regierung ist katastrophal. Einfach zu sagen, wir verhängen jetzt den Ausnahmezustand, wir wollen jetzt nicht mehr, dass darüber berichtet wird, das ist im Prinzip ein Rückfall in alte Zeiten", urteilt Delius.

Eine südostasiatische Krise

Soldaten bewachen Rohingya Flüchtlinge vor deren Abschiebung nach Myanmar (Foto: Saurabh Das/AP/dapd)

Bangladesch verweigert Rohingyas die Einreise

Um der Gewalt zu entfliehen, suchen die Menschen Schutz im benachbarten Bangladesch. Bangladesch verweigert indessen die Einreise. Asif Nazrul von der Universität in Dhaka sagte gegenüber der DW: "Wenn einige der Asyl suchenden Rohingyas in den Terrorismus verstrickt sind, dann hat das nicht nur für Bangladesh Folgen. Wenn Bangladesh heute 10.000 Rohingyas ins Land lässt, könnten es morgen eine Millionen sein."

Auch hier zeigt sich ein rassistisches Ressentiment. Weder kann man die Rohingyas unter generellen Terrorismusverdacht stellen (obwohl es Verbindungen der Widerstandsgruppe Rohingya Solidaritäts Organisation (RSO) zu radikalen islamischen Gruppen in Pakistan und Bangladesh gibt), noch ist unwahrscheinlich, dass eine Millionen Rohingyas aus der Diaspora in Süd- und Südostasien, nach Bangladesh kommen. In Myanmar leben Schätzungen zufolge ungefähr 800.000 Rohingyas.

Die Rohingyas stehen zwischen allen Fronten. Das ganze Dilemma machen die Aussagen von Flüchtlingen aus Myanmar in Bangladesch deutlich: "Wenn wir nach Bangladesh gehen, dann töten sie uns", sagte ein Mann der DW und eine Frau ergänzte: "Wenn wir zurück nach Myanmar gehen, dann werden sie uns auch umbringen."

Myanmar und Bangladesh versuchen sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben. Wer allerdings denkt, es handelt sich bloß um ein lokales Problem, verkennt die Situation. Die Rohingyas leben nicht nur in Myanmar und Bangladesh, sondern auch in Thailand, Malaysia, Indien, Pakistan und Indonesien. "Diese Nachbarstaaten werden zunehmend ungehalten und fordern eine Lösung innerhalb des Landes, aus dem diese Menschen stammen", sagt Delius. Heute (21.06.2012) wies die Regierung Myanmars ein Hilfsangebot der malaysischen Regierung zurück, wie die dpa berichtet.

Unabhängige Beobachter notwendig

Aung San Suu Kyi beim Weltwirtschaftsgipfel in Bangkok (Foto: Reuters)

Aung San Suu Kyi, Ikone der Menschenrechte, schweigt

Eine Lösung der Situation ist freilich nicht in Sicht. Sogar die Ikone der Menschenrechte, Aung San Suu Kyi, äußert sich nicht. Sie könnte Unterstützer in der Demokratiebewegung verlieren, in der die rassistischen Vorurteile ebenfalls weit verbreitet sind.

Amnesty International fordert wie Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker die Entsendung unabhängiger Beobachter. Nur so könne den Gerüchten und gegenseitigen Anschuldigungen etwas entgegengesetzt werden, das einer weiteren Eskalation Vorschub leistet. Dass sich der Weltsicherheitsrat einschaltet, ist nach Ansicht von Delius allerdings wenig wahrscheinlich. "Dafür haben wir – so brutal es klingt – noch einen zu niedrigen Pegel an Gewalt."

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