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Kultur

Restauriert: "Der Tag bricht an"

Marcel Carnés "Der Tag bricht an" gilt als eines der großen Meisterwerke der französischen Filmgeschichte. Nun wurde er aufwendig restauriert. Auch vom Vichy-Regime einst zensierte Szenen wurden wieder eingefügt.

In den vergangenen Jahren sind in Deutschland immer wieder restaurierte Meisterwerke der deutschen Filmgeschichte in feierlichem Rahmen gezeigt worden. So auch auf der Berlinale "Die Nibelungen" oder zuletzt "Das Cabinet des Dr. Caligari". Ohne diese aufwendige, digitale und filmwissenschaftliche Bearbeitungdass alte Filme verfallen würden

Große Kunstwerke des Kinos wären für immer verloren. Ein Wettlauf mit der Zeit. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist sich dieses Problems bewusst. Sie hat erst jüngst Geld für diese Art der Film-Rettung zu Verfügung gestellt.

Zensiert vom Vichy-Regime

Bei unseren französischen Nachbarn, im Mutterland des Kinos, sieht man sich mit den gleichen Problemen konfrontiert. Auch hier werden, zumindest singulär, immer mal wieder anerkannte filmische Meilensteine wiederhergestellt. Zuletzt erregte die Rekonstruktion von "Der Tag bricht an" Aufsehen.

Im Vorfeld seines 75. Geburtstages wurde der Film von Regisseur Marcel Carné nicht nur mit neuesten digitalen Methoden aufgerüstet. Carnés Werk musste darüberhinaus auch wieder vervollständigt werden. Mehrere Szenen waren während des Vichy-Regimes in Frankreich nachträglich zensiert und entfernt worden.

Nachdem Sequenzen in Archiven in Frankreich sowie in Mailand und Brüssel wieder aufgespürt werden konnten, kann man den Film nun wieder in seiner ursprünglichen Form und Länge bewundern. Eine erste Aufführung erlebte die wiederhergestellte Fassung im Rahmen der Festspiele in Cannes im Mai. Nun erscheint "Der Tag bricht an" auch in Deutschland auf Blu-ray und DVD. Die vormals zensierten Szenen wurden Deutsch untertitelt wieder eingefügt.

Poetischer Realismus

Auch nach einem dreiviertel Jahrhundert kann man sich der Faszination des Films nur schwerlich entziehen. "Der Tag bricht an" gilt als eines der Hauptwerke des sogenannten "poetischen Realismus". Im französischen Kino der 1930er Jahre hatten Regisseure wie Carné, Jean Renoir oder Jean Grémillon ihre Geschichten in düsterem Schwarz-Weiß erzählt, einer Ästhetik, die sich später in den berühmten Hollywood-Werken des Film Noir wiederfinden sollte. Die französischen Filme der 1930er Jahre waren oft von einer fatalistischen Grundhaltung geprägt, die filmischen Charaktere in einer Mischung aus Melancholie und Widerstand gegen Bürgertum und Staat gezeichnet.

Auch François (Jean Gabin), der Held in "Der Tag bricht an", entspricht diesem Typus. Tagsüber schuftet er in einer Fabrik, Illusionen über das Leben macht er sich nicht mehr. Sein Lebensrhythmus ist immer von den gleichen Abläufen geprägt: arbeiten, essen, schlafen. Einzig die Frauen bringen etwas Licht in sein eintöniges und auch trübseliges Leben.

Als er die junge Françoise (Jacqueline Laurent) kennenlernt, schöpft er Hoffnung. Doch deren Liebhaber, der zwielichtige Tierdompteur Valentin (Jules Berry), macht ihm einen Strich durch die Rechnung. François tröstet sich mit Clara (Arletty), die einst Valentins Geliebte war. Doch François kann Françoise nicht vergessen. Es kommt zum Showdown, in dessen Folge François schließlich Selbstmord begeht.

Der Mörder ein Sympath, die Ordnungsmacht bedrohlich

Die Filmhistoriker Ulrich Gregor und Enno Patalas charakterisierten das Konzept des Films als schwarze Poesie: "Sie gründet sich auf einer totalen Weigerung, die Gesellschaftsordnung als verbindlich anzuerkennen, aber auch auf einem Sinn für Tragik: in der Ästhetik der schwarzen Poesie halten sich letztendlich Revolte und heroische Resignation die Waage."

Das spürten wohl auch die Zensoren des Vichy-Regimes, als sie den Film beschnitten. Entfernt wurden etwa die Szenen, in denen der Unterschied zwischen dem sympathisch gezeichneten François, der einen Mord begeht, und den faschistoid auftretenden Polizeitruppen besonders eklatant erscheint: Die Ordnungsmacht als dunkles Böses, der Mörder als sympathischer Filmheld - das konnte im Vichy-Regime nicht akzeptiert werden.

Darüberhinaus spiegelt ein Film wie "Der Tag bricht an" die Zeit kurz vor Ausbruch des Krieges in Frankreich wider. Kurz zuvor war dort die Volksfront, das Bündnis der Linken, zusammengebrochen. Jede Illusion, sich gegen den nahenden Krieg und die Übermacht der Deutschen zu Wehr setzen zu können, war der Einsicht in die unausweichliche Realität gewichen. Eine fatalistische, pessimistische Grundstimmung machte sich breit.

Das spiegelt der Film wider: "Selten ist in einem Film so konsequent der Geist einer Epoche, die dadurch geprägt war, dass Frankreich hoffte, sich durch Opfer vor dem Untergang retten zu können: 'Frankreich tötet Jean Gabin. Immer wieder. Es findet ein morbides Vergnügen am diesem Tod, der jedes Mal ein wenig sein eigener ist‘", schrieb Günter Giesenfeld in "Reclam Filmklassiker".

Ein Gesamtkunstwerk

Mit "Vergnügen" kann in diesem Zusammenhang nur die auch heute noch nachvollziehbare unvergleichliche Schönheit der Szenerie (Kamera: Curt Courant, Ausstattung: Alexander Trauner), das vollendete Spiel der Darsteller, die eindringlich-rhythmische Musik (Maurice Jaubert) und die straffe Regie Carnés gemeint sein: "Der Tag bricht an" ist auch 75 Jahre nach seiner Erstaufführung ein formvollendetes Meisterwerk.

Marcel Carné: Der tag bricht an, Frankreich 1939, mit Jean Gabin, Arletty, Jacqueline Laurent, Jules Berry, ca. 90 Minuten, mit Extras wie Dokumentationen über die Restaurierung des Films und den Zusammenbruch der französischen Volksfront als DVD und Blu-ray bei Studiocanal/arthaus erschienen.

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