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Islam in Deutschland

Religionswissenschaftler sieht "massive Säkularisierung" unter Muslimen

Existiert ein selbstbewusster Islam mit glaubensfesten Muslimen in Deutschland? Von wegen, meint der Religionswissenschaftler Michael Blume. Der Islam stecke tief in der Krise. Mehr dazu im DW-Interview.

DW: Herr Blume, viele Menschen nehmen einen sehr entschieden auftretenden Islam in einem immer weniger christlichen Deutschland wahr. Ihre Forschungsergebnisse sind ganz anders.

Blume: Richtig. Wir machen einen ganz grundlegenden Fehler, indem wir auch in unseren Statistiken alle erfassen, die von muslimischen Eltern abstammen oder die sich irgendwie als Muslime bezeichnen. Das ist, als wenn wir in Sachsen alle Menschen als Christen erfassten, die von christlichen Vorfahren abstammen und Weihnachten begehen, dann wäre Sachsen wieder zu 90 Prozent christlich. Tatsächlich zählen wir aber bei Christen nur die Mitglieder der Kirchen, und das sind in Sachsen 23 Prozent. Das heißt, wir vergleichen Äpfel mit Birnen. Und wenn wir uns das näher anschauen, sehen wir, auch unter Muslimen gibt es massive Säkularisierungsprozesse. Nur noch ein kleiner Teil der Muslime betet regelmäßig. Und wir haben hier die gleichen, wenn nicht noch schnellere Säkularisierungsprozesse wie im Christentum, gerade auch befeuert durch den sogenannten Islamischen Staat und die Gewalt, die im Namen des Islam ausgeübt wird. Das bringt sehr viele Muslime zum Nachdenken.

Können Sie einen Prozentsatz nennen, wie hoch der Anteil der Muslime ist, die ihren Glauben praktizieren?

Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler (privat)

Michael Blume: "stiller Rückzug von der Religion"

Die Frage ist, was praktizieren heißt. Heißt es, die Feste begehen? Dann wäre auch ein Sachse, der an Weihnachten seine Familie beschenkt, ein praktizierender Christ. Oder müssen es regelmäßige Gebete sein? Dann sind wir auch bei Muslimen in Deutschland bereits bei unter 40 Prozent. Ich nenne das den stillen Rückzug, weil die meisten Muslime natürlich wissen, dass es durchaus gefährlich ist: In der Familie ist es mit Sanktionen verbunden, teilweise gibt es noch staatliche Verbote gegen eine Abwendung vom Glauben. Das heißt, die allermeisten machen das ganz privat. Sie reduzieren ihr religiöses Engagement, reden nicht groß darüber und sagen dann, sie seien nicht besonders religiös. Aber wenn man sich das ansieht, merkt man, da ist wirklich ein massiver Traditionsabfall, vor allem unter den Jüngeren, den Gebildeten, auch unter Frauen, die sich dann in den Moscheeverbänden zum Teil nicht mehr wohlfühlen.

Aber wir sehen andererseits, dass zum Beispiel unter den seit Generationen hier lebenden Türken die Jungen oft strenger religiös leben als die Alten, etwa beim Befolgen der Ramadanvorschriften oder indem junge Musliminnen eher wieder Kopfbedeckung tragen als früher. Wie passt das zusammen?

Das ist gerade das Spannende. Denn die Wahrnehmung ist: Die werden immer religiöser. Und wenn man fragt, sagt tatsächlich eine steigende Zahl von jungen Leuten: Ja, ich bin religiös, ich bin Muslim. Schaut man aber näher hin, stellt man fest - beispielsweise die Studie der Universität Münster zu Menschen türkischer Herkunft -, dass der Anteil derjenigen, die regelmäßig beten, die ein Kopftuch tragen, die sagen, ich darf dem anderen Geschlecht nicht die Hand geben, rapide sinkt. Es stimmt eben einfach nicht, dass beides zusammengeht, sondern das ist ganz ähnlich wie bei uns, dass ganz viele Leute wieder sagen: Ich gehöre zum christlichen Abendland, habe aber zum letzten Mal vor zwei Jahren eine Kirche von innen gesehen. Genau das haben wir auf muslimischer Seite auch. Es ist ein Wechsel von der religiösen Praxis zur reinen Bekenntnisreligion. Man bekennt sich zum christlichen Abendland oder zum islamischen Morgenland, aber die religiöse Praxis schmilzt oft ab.

Wie deuten Sie die Radikalisierung von Muslimen, die sich ja oft auf die Religion berufen?

Wir haben das, was wir in Krisen immer wieder in Religionen haben: einen kleineren Teil, der sich radikalisiert, und einen größeren Teil, der sich zurückzieht. Wir hatten das in Europa im Dreißigjährigen Krieg - Protestanten gegen Katholiken - heute haben wir es bei Muslimen mit Sunniten gegen Schiiten. Damals war es auch so, dass ein kleinerer Teil immer radikaler wurde, und nach einer Weile hat sich ein größerer Teil zurückgezogen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es einen massiven Glaubensabfall und die Aufklärung. Es brauchte lange, bis die Kirchen die Glaubwürdigkeit zurückgewinnen konnten, die sie in diesem Krieg verloren hatten. Das haben wir bei Muslimen auch. Ein Teil der Muslime deutet all die Kriege und Krisen als Ergebnis von Verschwörungen. Sie sagen dann: Beim Islam kann gar nichts schieflaufen, das müssen die Freimaurer oder die Juden oder die Amerikaner sein. Diese Menschen ziehen sich gewissermaßen zurück. Anstatt sich mit der Situation auseinanderzusetzen, greifen sie zu Verschwörungsmythen, das macht natürlich die Lage nicht besser.

Ist die Krise des Islam, die Sie hier sehen, vielleicht der Beginn einer Reform des Islam, die sich viele gemäßigte Muslime und die westlichen Gesellschaften wünschen?

Mein Buch soll genau dazu anregen, darüber nachzudenken. Das Problem ist: Es gibt sehr reformorientierte, liberale Muslime, wir haben inzwischen eine sehr beachtenswerte islamische Theologie in Deutschland. Nur genau diese liberaleren Muslime organisieren sich kaum. Die liberal-islamischen Verbände und Moscheen sind bisher sehr klein - jetzt ist ja in Berlin eine neue gegründet worden. Das heißt, die großen Verbände sind überwiegend nationalistisch und konservativ geprägt. Aber es gibt eine größere Zahl von Muslimen, gerade auch Gelehrte, die diese Probleme sehen und sagen: Wir müssen da etwas ändern, sonst fährt uns diese Religion gegen die Wand. 

Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume ist Referatsleiters für die nichtchristlichen Religionen und Minderheiten im baden-württembergischen Staatsministerium. Am 31. August erschien sein Buch "Islam in der Krise".

Das Gespräch führte Christoph Hasselbach.

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