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Kultur

Regiemagier Alejandro Jodorowsky

Surrealismus und Anarchie, Kunst und Provokation - das sind die Zutaten der Filme des Regisseurs Alejandro Jodorowsky. Sein Werk ist jetzt wiederzuentdecken.

"Ich werde stark angezogen von dem, was ich nicht verstehe", hat Alejandro Jodorowsky einmal gesagt. Diesen Hang zu Rätseln und Mysterien hat er in seinen Filmen konsequent umgesetzt - und die Zuschauer daran teilhaben lassen. Jodorowsky ist ein Solitär der Filmgeschichte. Ein Einzelgänger, der zum Mythos wurde. Im vergangenen Jahr hat ihm das

Filmfest München

eine Werkschau ausgerichtet. Der damals 84jährige Jodorowsky war selbst in die bayrische Landeshauptstadt gereist und stellte sich seinem Publikum.

Mythischer Ruf

Dass der Name Jodorowsky heute einen fast mythischen Ruf genießt, hängt wohl auch damit zusammen, dass einige seiner wichtigsten Filme Jahrzehnte aus Gründen der Zensur und juristischer Streitigkeiten weggesperrt in Archiven schlummerten. Nachdem man sich 2013 nun in München zum ersten Mal nach langer Zeit ein umfassendes Bild vom Oeuvre dieses außergewöhnlichen Künstlers machen konnte, sind jetzt drei seiner Filme in einer sorgfältig zusammengestellten DVD-Edition mit vielen Extras erschienen.

Alejandro Jodorowsky, Foto: Effigie/Leemage pixel

Alejandro Jodorowsky

1929 in Südamerika geboren (zum genauen Geburtsort existieren verschiedene Quellen - auch das gehört zum Mysterium Jodorowsky), verließ er früh sein Elternhaus und ging nach Europa, wo er viele Kontakte zur

Kunstszene in Paris

knüpfte. Er arbeitete intensiv mit dem Pantomimen Marcel Marceau zusammen und inszenierte zahlreiche Stücke nach Vorlagen von Fernando Arrabal. 1967 drehte er seinen ersten Spielfilm "Fando und Lis". Es entwickelte sich eine der erstaunlichsten Regiekarrieren des vergangenen Jahrhunderts.

Überall ein Fremder

Jodorowsky beschrieb das 1988 so: "Ich wurde in Bolivien geboren, als Sohn russischer Eltern, lebte in Chile, arbeitete in Paris, war Partner von Marcel Marceau, gründete mit Fernando Arrabal die 'panische Bewegung', inszenierte in Mexiko 100 Theateraufführungen, zeichnete Comic-Strips, machte 'El Topo', lebe derzeit in den USA - wurde nirgends akzeptiert: In Bolivien war ich Russe, in Chile war ich Jude, in Paris Chilene. In Mexiko galt ich als französisch und jetzt, in Amerika, bin ich Mexikaner."

Szene aus Fando und Lis (Foto: Bildstörung)

Körpersprache in Schwaz-Weiß: "Fando und Lis"

Einen deutlichen Knick in der Karriere als Filmemacher musste Jodorowsky 1975 hinnehmen. Seine aufwendige Science-Fiction-Verfilmung des Romans "Dune" nach Frank Herberts Romanklassiker scheiterte spektakulär aus finanziellen Gründen, nachdem mit Mick Jagger, Orson Welles und weiteren prominenten Stars die Besetzungsliste schon feststand. Davon erholte sich der Regisseur lange nicht. Jodorowsky wich in andere Künste und Lebensbereiche aus. Er wurde unter anderem zu einem großen Comic-Zeichner, experimentierte mit Tarot-Karten, gründete seine eigene therapeutische Bewegung und tummelte sich unbeirrt in den weiten Welten der Kunst.

Mit 85 noch voller Energie

Wer den quirligen, jung gebliebenen Südamerikaner, der seine Zelte inzwischen wieder in Paris aufgeschlagen hat, in München erleben durfte, der weiß, dass er kaum etwas von seiner unbändigen Energie und Phantasie verloren hat. Umso verdienstvoller, dass man seine beiden Hauptwerke "El Topo" und "Der heilige Berg", dazu seinen ersten langen Spielfilm "Fando und Lis", jetzt auf DVD wieder sehen kann.

Filmstill aus El Topo (Foto: Bildstörung)

Anarchistischer Western: "El Topo"

Insbesondere die Western-Variation "El Topo" entwickelte sich in den frühen 1970er Jahren zu einem Kultfilm, begeisterte Größen wie John Lennon und begründete eine ganze Filmkultur: die des Mitternachtskinos: "Ohne Zweifel handelt es sich um eines der im Wortsinne merkwürdigsten Ereignisse der Filmgeschichte. Vielleicht ließe sich das Unterfangen als blutrünstiger Zen-Western oder als philosophisches Wüsten-Road-Movie beschreiben", urteilt der Filmkritiker Claus Löser im Booklet der DVD-Edition.

Kunst & Alchemie

Und über den drei Jahre später entstandenen "Der heilige Berg", ein ebenso phantasiereiches wie kaum vollständig zu entschlüsselndes Werk zwischen Experimentalfilm und surrealistischer Parabel, schrieb "TimeOut London": "Es geht um eine Christusgestalt, die unter der Obhut des '

Alchemisten

' (Jodorowsky) nach Erleuchtung strebt. Die Handlung entwickelt sich etwas langsam, dafür gibt es viel zu sehen: kostümierte Frösche und Leguane (unser Foto oben, Anm. der Red.), die die Eroberung Mexikos nachspielen, einen tapferen armlosen Zwerg, und (nicht kichern!) die Szene, in der die Fäkalien des Protagonisten destilliert werden, während eine nackte Frau Cello spielt und hinter ihr bedrohlich ein Pelikan lauert."

Jodorowskys Filme heute wiederzusehen heißt, einer Begegnung des surrealistischen Kinos eines

Luis Buñuel

und

Salvador Dalí

, das sich mit dem Italo-Western und dem Hippie-Kino der 1970er Jahre gekreuzt hat, beizuwohnen. Der Regisseur hat Hollywood stets als kommerziell und bourgeois abgelehnt. Er war und ist ein anarchistischer Kämpfer für die Kunst ohne Schranken und Tabus auf der Leinwand.

Alejandro Jodorowsky: Die DVD-Edition ist beim Anbieter

"Bildstörung"

erschienen, darin enthalten die Spielfilme, "Fando und Lis", "El Topo" und "Der heilige Berg", dazu die Dokumentation "Konstellation Jodorowsky" sowie zahlreiche Extras wie Interviews mit dem Regisseur und Ausschnitte seines Auftritts beim Münchner Filmfest 2013.

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