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Politik

Politischer Blindflug

In Ecuador hat sich in der zweiten Runde der Präsidentenwahlen der Oberst Lucio Gutiérrez durchgesetzt. Nach Venezuela, Chile und Brasilien wird nun auch Ecuador von einem linksgerichteten Präsidenten regiert.

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Der neue Präsident von Ecuador: Lucio Gutiérrez

Mit Lucio Gutiérrez hat sich nach Ansicht von Politologen ein in politischen Dingen eher unerfahrener Linksnationalist durchgesetzt, der den in Armut, Korruption und Kriminalität versinkenden Andenstaat auf den rechten Weg bringen soll.

Kampf der Außenseiter

Der 45-jährige Gutiérrez gewann am Sonntag (25.10) mit 54,3 Prozent der Stimmen die Stichwahl gegen seinen Rivalen, den Milliardär Alvaro Noboa, der auf 45,7 Prozent kam. Die beiden Außenseiter hatten bei der ersten Runde der Wahlen vor einem Monat die meisten Stimmen erhalten. Die Bevölkerung gibt den traditionellen Parteien die Mitschuld am Absturz Ecuadors. Sie stehen für die neoliberalen Wirtschaftsreformen der vergangenen Jahre und haben die von den USA forcierte Privatisierung von Staatsunternehmen vorangetrieben. Die Bilanz des Landes fällt desaströs aus. Rund 80 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze.

Vom Häftling zum Präsidentschaftskandidat

Diese Stimmung hat sich der charismatische und redegewandte Gutíerrez zu Nutze gemacht. Er hat geschickt verstanden, die Gewerkschaften und vor allem die von der Armut am meisten betroffenen Indios auf seine Seite zu ziehen. Der 45-jährige Gutiérrez ging bereits als Jugendlicher zum Militär, sammelte fleißig Orden und Auszeichnungen und stieg bis zum Oberst auf. Vor zwei Jahren führte er zusammen mit den Indio-Verbänden einen Putsch an, der zum Sturz des damaligen Präsidenten Jamil Mahuad führte. Dennoch blieb Gutiérrez der Erfolg damals versagt. Interimspräsident wurde Gustavo Noboa, der mit dem Kandidaten Noboa übrigens nicht verwandt ist. Gutíerrez wanderte ins Gefängnis und wurde aus der Armee entlassen. Nach einer Amnestie des Interimspräsidenten kam Gutiérrez nach sechs Monaten wieder frei.

Farbloser Rivale

Um so glorreicher ist nun seine Rückkehr. Im Wahlkampf gab er sich so wenig wie möglich als Militär. Statt in Uniform erschien er in Anzug und Krawatte und warb für sich mit dem Slogan "Patriot ohne Ideologie". Er versprach vor allem, die überall im Land grassierende Korruption zu bekämpfen. Die kostet Ecuador über zehn Prozent seines Bruttosozialprodukts. Gutiérrez fiel es außerdem nicht schwer, seinen Rivalen Alvaro Noboa auszustechen. Der 52-jährige Noboa ist der reichste Mann im Staat. Sein Vermögen, das Forbes auf 1,2 Milliarden Dollar schätzt, hat er im Bananengeschäft verdient. Bananen und Öl sind die wichtigsten Exportartikel Ecuadors. Der schwerreiche Unternehmer kam weder bei der armen Bevölkerung noch bei ausländischen Investoren besonders gut an. Ihm wird Vetternwirtschaft nachgesagt. Bei öffentlichen Auftritten zeigte er sich auch nicht sonderlich kompetent und wirkte unkonzentriert, verlor immer wieder den Faden und blieb eher farblos.

Ungewisse Zukunft

Die Zukunft Ecuadors kommt einem politischen Blindflug gleich. Die Aussagen Gutiérrez' klingen zwar vielversprechend, bleiben aber vage und zeigen Widersprüche. So will er die Dollarisierung weiter vorantreiben, die Justiz reformieren, die Kriminalität eindämmen und die Menschenrechte respektieren. Beim Internationalen Währungsfonds hat er sich für einen Beistandskredit eingesetzt. Andererseits spricht er sich gegen Privatisierungen aus. Auch wenn ihm Besonnenheit und Kompromissbereitschaft nachgesagt werden, wird seine tiefe Bewunderung für Hugo Chávez, den autokratisch regierenden Präsidenten Venezuelas, eher mit Unbehagen wahrgenommen. Gutiérrez tritt nach Einschätzung von Politologen eine schwere Amtszeit an. Seit 1996 hat es bereits fünf Präsidenten gegeben. Sollte der neue Präsident nicht schnelle Erfolge aufweisen, sind Unruhen und Putschversuche nicht auszuschließen.

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  • Datum 25.11.2002
  • Autorin/Autor Steffen Leidel
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