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Wissen & Umwelt

Pilze und Fäule: Öko-Weinbauern leiden besonders unter dem Klimawandel

Der Klimawandel stellt den ökologischen Weinbau vor Herausforderungen: Das sommerliche Regenwetter begünstigt Pilzbefall. Eine EU-Entscheidung von 2013 sorgt für starke Proteste. Zu Besuch bei einem Öko-Winzer.

Jörg Belz hat gelernt der Sonne aus dem Weg zu gehen. Er weist den Weg zu einem Schatten spendenden Mirabellenbaum flankiert von Reben mit Weißem Burgunder und Blauem Frühburgunder, die sich an den Fuß eines mit Schieferfelsen durchsetzten Hangs schmiegen. Schwer vorstellbar, dass hier - mitten im Weinberg im mittelrheinischen Unkel - irgendetwas die Idylle trüben könnte.

Doch dem geschulten Blick des ökologischen Weinbauers Belz entgehen die helleren Blätter an der Spitze der Reben natürlich nicht. "Wir haben hier im Mittelrheintal zum Glück nicht ganz so große Probleme mit dem Falschen Mehltau wie die Kollegen in Rheinhessen und im Rheingau. Das Ausmaß des Befalls ist trotzdem neu für uns."

Statt grün und prall hängen die Beeren braun und verschrumpelt von den Ranken - diese durch den Falschen Mehltau verursachte "Lederbeerigkeit", kann für manche Öko-Winzer so kurz vor der Weinlese zu einem kompletten Verlust der Ernte führen. Gerade im Herzen des deutschen Weinbaus, in Hessen und der Pfalz, sehen sich viele in ihrer Existenz bedroht.

Öko-Winzer Jörg Belz zeigt den Befall mit dem Falschen Mehltau an der Unterseite eines Weinreben-Blattes (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen).

Öko-Winzer Jörg Belz zeigt den Falschen Mehltau auf der Unterseite eines Weinreben-Blattes

Pilzbefall löst Debatte aus

Seit Kaliumphosphonat - das im ökologischen Weinbau übliche Mittel zur Bekämpfung der Pflanzenkrankheit - von der EU 2013 als Pflanzenschutzmittel eingestuft wurde, bleiben den Ökobauern im Kampf gegen den zerstörerischen Pilz nur Kupferpräparate.

"Der größte Unterschied zwischen konventionellem und ökologischem Weinbau ist der Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel und Pflanzenschutzmittel", sagt Belz. Kupfer erfülle hingegen die Anforderungen des ökologischen Weinbaus, denn der Stoff kommt ganz natürlich in der Umwelt vor.

Doch Kupfer allein reiche nicht im Kampf gegen den Falschen Mehltau, zumal der jährliche Kupfereinsatz in Deutschland auf drei Kilogramm pro Hektar begrenzt sei, sagt Andreas Hattemer, Vorsitzender des Bundesverbands ökologischer Weinbau (Ecovin), im Gespräch mit der DW.

Auch Wolfgang Patzwahl sieht das faktische Verbot des von Öko-Winzern in den 1980er Jahren entwickelten Mittels kritisch: "Das ist ein großer Einschnitt", sagt der Berater für ökologischen Weinbau beim Naturland-Verband.

"Bis auf weiteres steht nicht in Aussicht, dass Kaliumphosphonat die [Öko-]Zulassung von der EU bekommt. Das hat manche Öko-Weinbauer zum Nachdenken gebracht, wieder zum konventionellen Weinbau zurückzukehren", so Patzwahl, denn da darf das Mittel eingesetzt werden.

Klimawandel: Mehr Fluch als Segen?

Dass unter Öko-Winzern der Protest über die Entscheidung der EU von 2013 derart hochkochen konnte, ist auch dem häufigen Starkregen in diesem Sommer zu verdanken. Die Regenfälle wuschen die an der Oberfläche der Reben wirkenden Schutzmittel wie Kupfer ab. Das feucht-warme Wetter bereitete schließlich den perfekten Nährboden für die Pilze des Falschen Mehltaus.

Der Öko-Winzer Jörg Belz zeigt eine Beere seiner Weinreben, die mit Schwarzfäule befallen ist (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen).

Eine Beere mit Schwarzfäule: der aus Nordamerika eingeschleppte Pilz beeinträchtigt nicht das Aroma, wohl aber die Ernte

In den Reben von Jörg Belz hat es sich außerdem noch eine andere Pilzkrankheit gemütlich gemacht: "Die Schwarzfäule findet mittlerweile günstigere klimatische Bedingungen vor - dank der zunehmend feucht-warmen Witterung, die wir in den letzten Jahren feststellen." Gegen die Schwarzfäule gebe es im Öko-Weinbau fast nichts, was hilft.

"Was den Klimawandel angeht, steht der gesamte Weinbau vor der großen Herausforderung, die Zunahme der Variabilität durch Starkniederschläge auf der einen Seite und die relativ hohen Temperaturen und Trockenheit auf der anderen Seite zu bewältigen", sagt Wolfgang Patzwahl.

Für Andreas Hattemer war diese Entwicklung einer der Hauptgründe für seine Entscheidung für den Öko-Weinbau: "Da war für mich als Winzer die Frage, wie stelle ich meine Böden auf die sich verändernden Wetterbedingungen ein. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass eine Umstellung auf den ökologischen Weinbau hilft."

Durch die höhere Pflanzenvielfalt und den höheren Humusgehalt in Öko-Weinbergen sei eine bessere Wasserhaltefähigkeit des Bodens feststellbar. "Das sind Bodenprozesse, die uns - da bin ich sicher - helfen werden, besser mit Trockenheit und Starkregen klarzukommen", so Hattemer.

Weinreben mit viel Platz und wenig Laub auf einem ökologischen Weinberg in Unkel (Foto: DW/O. Ködding-Zumrühlen).

Reben mit viel Platz und wenig Laub seien robuster, so Hattemer

Robustere Reben im ökologischen Weinbau?

Pflanzenvielfalt und ein guter Boden sind deshalb auch Jörg Belz wichtig. "Vor einer Woche hat es bei mir sogar noch geblüht zwischen den Reben." Die Begrünung hält den Boden gesund, versorgt ihn mit Nährstoffen und gibt nützlichen Tieren einen Lebensraum. "Wir gehen hin und säen spezielle Pflanzen ein mit relativ ausgewogener Durchwurzelung", Belz zerreibt die Blüte einer Pflanze, die auf einer Brache zwischen zwei Rebsorten wächst. Der intensiv frische Duft von Fenchel steigt in die Nase.

Anstatt auf Insektizide und Pestizide setzt der Öko-Winzer auf natürliche Stoffe: "Je nach dem was gerade für ein Krankheitsbefall droht, setzten wir zum Beispiel Eukalyptusöle oder auch Orangenöle ein. Es kann also passieren, dass es wie auf dem Weihnachtsmarkt riecht, wenn man hier durch den Weinberg geht", sagt er und räumt mit einem Trugschluss auf: "Wir spritzen sogar mehr als beim konventionellen Weinbau."

Zur ökologischen Praxis gehört auch, die Natur für sich arbeiten zu lassen. Belz zeigt auf eine lange Holzstange, die zwischen den Reben hervorragt: "Das ist eine Sitzstange für Raubvögel. Wir möchten Turmfalken und Bussarden einen Platz bieten, sodass sie die Mäusepopulation gering halten."

Sitzstange für Raubvögel zwischen Reben eines ökologischen Weinbergs in Unkel (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen).

Eine Sitzstange für Raubvögel: Die Natur übernimmt im ökologischen Weinbau die Aufgabe als Schädlingsbekämpfer

Außerdem sorgt der Öko-Winzer dafür, dass seine Reben weniger Laub haben und weniger dicht stehen, sodass die Trauben mehr Sonne abbekommen. "Die höhere Sonneneinstrahlung macht die Haut der Beeren dicker, was vor dem Eindringen von Schädlingen schützt."

Dass die Reben im ökologischen Weinbau widerstandsfähiger gegen Klimawandel und Schädlingsbefall sind, da sind sich Jörg Belz, ebenso wie Andreas Hattemer, sicher.

Einen vermeintlichen Nachteil haben all diese Maßnahmen aber schon: "Der Weinberg bringt natürlich weniger Ertrag", so Belz. Als bekennender Anhänger der Slow Food-Bewegung steht für ihn aber sowieso der bewusste Genuss im Vordergrund: "Je weniger Trauben an der Rebe, desto mehr Aroma haben die Beeren."

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