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Wissen & Umwelt

Duftstoffe ersetzen Gift im Weinberg

Der größte Feind des Weinbauern ist der Traubenwickler. Gegen die Nachtfalter helfen Sexuallockstoffe. Sie verwirren die Männchen und verhindern die Fortpflanzung. Aber die Sache hat einen Haken.

"Ich versuch mal, eine zu finden." Hubert Pauly durchforstet einen Rebstock. Er ist Weinbauer im Ahrtal, dem Rotweinparadies Deutschlands. Pauly sucht Weintrauben, die von den Raupen des Traubenwicklers befallen sind. "Normalerweise, wenn gespritzt würde, wäre es kein Problem, denn dann hätte man hier und da noch einen Traubenwickler."

Auf den Weinbergterrassen bei Ahrweiler sind die Trauben fast reif. Pauly lässt eine Rebe nach der anderen durch seine Hand gleiten - erfolglos. Vom Schädling fehlt jede Spur - eine Freude für jeden Winzer. Pauly pflückt ein paar verschrumpelte Trauben ab, die auf der einen Seite aufgerissen aussehen: "Das hier ist vom Hagel, aber die Schäden vom Traubenwickler sehen so ähnlich aus."

Winzer Pauly im Weinberg im Ahrtal Foto: Rainer Dückerhoff

Winzer Hubert Pauly auf der Suche nach Traubenwicklern

Es gibt zwei Arten von Traubenwickler, den einbindigen und den bekreuzten. Beides sind Schmetterlingsarten und beide sind die größten Schädlinge im Weinbau.

Ihr Fortpflanzungszyklus verläuft gleich: Nachdem die erwachsenen Nachtfalter sich gepaart haben, legt das Weibchen seine Eier auf den Weintrauben ab, aus denen die Raupen schlüpfen - der Winzer nennt sie "Würmer". Die Raupe bohrt sich ins Innere der Traube und ernährt sich von ihrem Fruchtfleisch. Schließlich verpuppt sie sich und wird zum erwachsenen Schmetterling. Diesen Zyklus durchläuft jede Art zwei bis dreimal pro Jahr.

Nicht die Raupen selbst seien das Problem, erklärt Pauly, sondern die Wunde, die sie der Traube zusetzen - das sind Eintrittspforten für Krankheitserreger. "Die Traube fault dann weg - und um sie herum faulen auch andere Trauben." Der Schaden kann wirtschaftlich bedeutende Ausmaße annehmen.

Verwirren statt töten

Dieses Jahr allerdings triumphieren die Winzer: Die Weinberge im Ahrtal sind so gut wie traubenwicklerfrei. "Wir sind im August mit Fachleuten die ganzen Rebgassen abgegangen und haben geguckt, wie viel Befall noch da ist", erzählt Pauly. "Wir haben in einem riesigen Gebiet nur zwei kleine Würmer gefunden - wo man normalerweise hunderte finden würde."

Pheromonampulle im Weinberg im Ahrtal Foto: Rainer Dückerhoff

Die braunen Plastikampullen verströmen Sexuallockstoffe der Traubenwickler.

Diesen Erfolg verdanken die Weinbauern etwa sieben Zentimeter großen, braunen Plastikröhrchen, die alle paar Meter im Weinberg hängen. Diese Ampullen geben synthetisch hergestellte Pheromone ab: Sexuallockstoffe der beiden Traubenwicklerarten. Alle Ampullen zusammen erzeugen eine Wolke von Duftstoffen, die über dem Weinberg schwebt.

Wenn die Männchen auf Paarungssuche gehen, orientieren sie sich anhand der Pheromone, die die Weibchen aussetzen, in welche Richtung sie fliegen müssen. Jetzt aber riecht es plötzlich überall nach Weibchen. Die Männchen werden im wahrsten Sine des Wortes verwirrt. Die Folge: Männchen und Weibchen können sich nicht finden, sich nicht paaren und es entstehen erst gar keine Eier.

Eine saubere Lösung

"Das ist ein Wirkstoff, den die Schädlinge selbst produzieren", sagt Karl-Josef Schirra, Experte für Schädlingsbekämpfung im Weinbau beim Dienstleistungszentrum ländlicher Raum Rheinpfalz. Das Gute: Die Methode sei sehr selektiv. "Das Pheromon des bekreuzten Traubenwicklers wirkt nur gegen den bekreuzten und das des einbindigen nur gegen den einbindigen - keiner reagiert auf das Pheromon des anderen." Auch andere Organismen seien immun dagegen. "Damit haben Pheromone einen positiven Einfluss auf die ganze Fauna im Ökosystem Weinberg." 80 Prozent der pfälzischen Rebfläche sind laut Schirra inzwischen mit Pheromonen abgedeckt.

Weinberg im Ahrtal Foto: Rainer Dückerhoff

Das Ahrtal ist bekannt als Rotweinparadies.

Pheromone können schädliche Insektizide im Weinbau ersetzen. "In den 90er Jahren sind wir teilweise noch mit ME 605, also mit richtig massivem Gift, gegen den Traubenwickler vorgegangen", erzählt Steffen Christmann, Präsident des Verbands Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter und Winzer in der Pfalz. "Und trotzdem haben wir den Schädling nur zu vielleicht 60 oder 70 Prozent erwischt." Denn Gifte muss der Winzer mehrmals im Jahr immer genau zum richtigen Zeitpunkt ausbringen - dann, wenn die Eiablage der Weibchen beginnt.

Die Erfolgsquote der Pheromonmethode hingegen liege bei 99,9 Prozent, sagt Christmann, "und das auf eine ganz natürliche Art und Weise".

Alle müssen zusammenhalten

Weinberg im Ahrtal, DW-Reporterin Brigitte Osterath mit Hubert Pauly Foto: Rainer Dückerhoff

Hubert Pauly: "Alle müssen an einem Strang ziehen."

Synthetische Traubenwickler-Pheromone sind bereits seit den 90er Jahren auf dem Markt. Allerdings ist es oft schwierig, sie großflächig einzusetzen. Die Methode ist um etwa 20 bis 30 Prozent teurer als der Einsatz von Insektiziden, sagt Christmann. "Sie kostet etwa 250 Euro pro Hektar. Spritzen ist ein bisschen günstiger."

Damit die Methode erfolgreich ist, reicht es nicht, nur die Weinberge selbst mit Pheromonampullen auszurüsten. Auch umgebende Waldgebiete etwa müssen abgedeckt sein. Ansonsten könnten sich die Falter problemlos außerhalb des Weinbergs paaren und das Weibchen könnte seine Eier unbeschadet in den Rebstöcken ablegen - unbehelligt von etwaigen Pheromonampullen. Genau aus dem Grund nützt es auch nichts, wenn nur einzelne Winzer die Methode verwenden, ihre Nachbarwinzer aber nicht.

"Es geht ja darum, diese Duftwolke zu erzeugen, und da müssen alle an einem Strang ziehen", sagt Hubert Pauly. Das sei bei Winzern aber nicht selbstverständlich. "Wir sind ja auch nur Bauern, Weinbauern eben", sagt er. "Früher hat man immer gesagt: Wenn man zwei Bauern unter einen Hut bringen will, muss man einen erschlagen." Dieses Jahr aber haben sich erstmals alle Winzer im Ahrtal geschlossen für die Pheromon-Methode entschieden. Auf Insektizide verzichten sie völlig. Und der Erfolg gibt ihnen recht.

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Pheromone statt Pestizide

Wenn aber nicht genug Winzer mitmachen, haben alle darunter zu leiden, sagt Winzer Christmann. "Bei uns in der Pfalz gibt es eine Gemeinde, in der sich die Winzer nicht einig geworden sind. Die hatten im letzten Jahr massive Fäulnisschäden mit 30 bis 40 Prozent Verlust."

Niemand ist eine Insel, schrieb einst der englische Schriftsteller John Donne. Das gilt offensichtlich ganz besonders für die Schädlingsbekämpfung im Weinbau.

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