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Literatur

Okadabooks: Warum Nigeria kein Kindle braucht

Gedruckte Bücher sind in Nigeria ein echter Luxus. Sie sind teuer und nur in Städten zu finden. Die App Okadabooks will das ändern und Kunden im ganzen Land mit Lesestoff versorgen – sogar auf Haussa.

Ein Mann in einer gelben Jacke und einer Jeans mit einem Tablet (DW/K. Gänsler)

Okechuwa Ofili hat die App Okadabooks entwickelt

Mit einigen schnellen Klicks präsentiert Okechukwu Ofili das Menü seiner App Okadabooks. "Hier können uns Autoren direkt anschreiben. Und hier geht es zu den Büchern", sagt der 35-Jährige, der lange als Ingenieur gearbeitet hat. Alles ist in Schwarz und Gelb gehalten, das Layout ist schlicht. Für ihren Erfinder bedeutet Okadabooks dagegen viel: Der kleine Button, auf dem ein Moped zu sehen ist, ist das Tor zu vielen tausend Büchern, die in Nigeria in dieser Form bisher nicht erhältlich waren.

Ausgerechnet der öffentliche Nahverkehr hat Ofili bei der Entwicklung seiner App inspiriert. Er spielte mit dem Gelbton der unzähligen Minibusse in der 18-Millionen-Stadt Lagos, sowie den Okadas, den berüchtigten Moped-Taxen. Sie werden häufig in Unfälle verwickelt, können sich aber auch durch jeden Stau schlängeln.

Entstanden ist Okadabooks im Jahr 2013 jedoch vor allem aus Frust, erinnert sich Ofili. Er hat lange in den USA gelebt und war in seine Heimat Nigeria zurück gezogen: "Ich hatte damals gerade mein erstes Buch veröffentlicht. Allerdings gab es Schwierigkeiten, die Buchhandlungen zu beliefern. Vor allem bekam ich anfangs mein Geld nicht."

Gelbe Minibusse stehen auf einem Platz (DW/K. Gänsler)

Bei der Entwicklung seiner App ließ sich Okechukwu Ofili von Nigerias gelben Minibussen inspirieren

Ein neuer Vertriebsweg musste her. Denn Ofili wurde schnell klar, dass er nicht auf neue Buchhandlungen setzen konnte: "Wenn man in Nigeria auf den Seiten der beiden wichtigsten Verlage Kachifo und Cassava Republic nachschaut, findet man eine Auflistung von 33 Geschäften. 33 für ein Land mit 200 Millionen Einwohnern. Das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein." Zum Vergleich: In Deutschland gibt es nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels rund 6000 Buchhandlungen

Erinnerungen an Minibusse und Okadas

Dabei ist Nigeria stets für seine Literatur bekannt gewesen. Wole Soyinka war 1986 der erste Literaturnobelpreisträger aus Afrika. Weltweite Berühmtheit hat auch der 2013 verstorbene Schriftsteller Chinua Achebe erlangt. Dennoch sind Bücher stets ein kostbares Gut gewesen, erinnert sich Emeka Nwankwo. Er ist im Bundesstaat Abia im Südosten groß geworden. Heute ist er Marketing-Chef des Verlags Cassava Republic: "Meine Mutter war Lehrerin und kannte jemanden, der uns etwa alle drei Monate Bücher gebracht hat. Ich weiß nicht, wie es ihr gelungen ist. Das war allerdings sehr teuer."

Gedruckte Bücher kosten in Nigeria bis zu 4000 Naira, knapp zehn Euro. Der Mindestlohn liegt bei 18.000 Naira. Auch für Lehrer, die das Drei- oder Vierfache verdienen, bleiben Bücher oft unerschwinglich. Ziel von Cassava Republic ist es, künftig mehr elektronische Bücher zu veröffentlichen. Gibt es Sonderangebote, dann kosten sie mitunter weniger als 1000 Naira.

Eine Frau steht in einem Laden, hinter und neben ihr Regale voller Bücher (DW/K. Gänsler)

In Nigeria gibt es nur wenige Buchläden

"Wir wollen schließlich, dass unsere Bücher nicht nur von einem kleinen, ausgewählten Kreis gelesen werden", betont Nwankwo. Vielen Schriftstellern gehe es ähnlich. Daher sei ein E-Book auch keine Konkurrenz zur gedruckten Variante. Bei einer Lesung in Lagos gibt Autor Toni Kan, dessen Buch "The Carnivorous City" in beiden Formen erschienen ist, allerdings zu: Ihm ist die gedruckte Variante doch lieber.

Das Internet ist so günstig wie nie

Zwei Trends begünstigen das Interesse am elektronischen Lesestoff allerdings: Die Internetabdeckung hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert. Im Juli schätzte die nigerianische Kommunikationskommission, dass in Afrikas Einwohner reichstem Staat 91 Millionen Internetnutzer leben. Die Preise für Datenverbindungen sind so günstig wie nie zuvor. Darüber hinaus sind Smartphones und Tablets weit verbreitet.

Jahman Oladejo Anikulapo, Journalist und Literaturexperte in Lagos, bleibt skeptisch, obwohl er E-Books grundsätzlich für gut hält. Seiner Meinung nach nutzen viele Nigerianer das Internet, um Musik zu hören, Facebook zu nutzen oder mit Freunden zu chatten. "Die Kultur, ein Buch als Download zu kaufen, ist bei jenen, die zwischen Ende 20 und Anfang 30 sind und heute arbeiten, nicht da", meint Anikulapo. Bis sich das ändert wird viel Zeit vergehen, prophezeit er.

Der Autor Toni Kan mit einem Mikrofon in der Hand, vor ihm auf einem Tisch liegen seine Bücher (DW/K. Gänsler)

Autorenlesungen finden nur in großen Städten statt

Erotische Romane auf Haussa

Doch ein Anfang ist gemacht, was sich auch in anderen afrikanischen Ländern zeigt. In Südafrika gibt es die App Penguin Random House SA, die einige südafrikanische Autoren im Angebot hat. In Kenia wirbt eKitabu mit elektronischen Schulbüchern. Einige Schriftsteller aus Afrika schaffen es mittlerweile auch in den Kindle, dem wohl bekanntesten Ebook-Lesegerät von Amazon.

In Nigeria gibt es für Okadabooks-Gründer Ofili jedoch eine Besonderheit, die ihn selbst überrascht hat. Er hat zahlreiche Bücher auf Haussa, der wichtigsten Verkehrssprache in Nigerias Norden, im Angebot. Noch exotischer ist das Genre: "Es sind vor allem Liebesgeschichten." Grund dafür ist seiner Meinung nach das gesellschaftliche Tabu, über Sex zu sprechen. "Frauen machen es trotzdem, in dem sie darüber schreiben." E-Books sind daher auch besonders angenehm für die Leser: Sie müssen die Bücher nicht mehr heimlich kaufen, sondern können sie ganz einfach herunterladen.

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