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Afrika

Bestattung von Chinua Achebe in seiner Heimat

Mit Chinua Achebes Werken kam afrikanische Literatur in den 60er Jahren erstmals im Westen zur Geltung. Der Leichnam des im März verstorbenen Autors wurde nun von den USA aus in seine Heimat Nigeria überführt.

Porträtbild Chinua Achebe (AP Photo/Craig Ruttle)

Chinua Achebe

"Afrika - das sind Menschen. Afrika besteht nicht nur aus Problemen. Wenn man das nicht begreift, dann geht jede Hilfe in eine falsche Richtung." Mit diesen Worten warnte Chinua Achebe 2002 bei einem Besuch in Deutschland vor dem Paternalismus, der dem europäischen Blick auf Afrika oft innewohnt. Achebe erhielt damals den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Mit diesem Preis werden vor allem Künstler ausgezeichnet, die sich als unerschrockene Anwälte der Meinungsfreiheit einen Namen gemacht haben.

Ein Priester betet am Sard von Chinua Achebe nach dessen Ankunft am Flughafen von Abuja, Nigeria. PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images)

Empfang des Sargs von Chinua Achebe am Flughafen von Abuja

Offen und ehrlich die Dinge beim Namen nennen - das dürfte das wichtigste Markenzeichen Chinua Achebes gewesen sein. Der Autor ist mit 82 Jahren im März 2013 in den USA verstorben. Am Donnerstag (23.05.2013) soll er in seiner Heimat, im Anambra-Staat im südlichen Nigeria, beerdigt werden.

Ein neues Genre

Am 16. November 1930 im Südosten Nigerias geboren, veröffentlichte er mit 28 Jahren seinen Welterfolg "Things Fall Apart" - auf Deutsch: "Okonkwo oder Das Alte stürzt". Dieses Werk machte ihn zum Vater der modernen afrikanischen Literatur, betont der Journalist und Buchmarktexperte Holger Ehling: "Wer etwas über afrikanische Literatur wissen will, muss als erstes 'Things Fall Apart' lesen." In dieser Geschichte beschreibt Achebe das Schicksal eines großen, starken Mannes, der nicht mit den Veränderungen zurechtkommt, die das Vordringen der europäischen Missionare im 19. Jahrhundert auslösten.

Holger Ehling (Foto: dpa)

Autor Holger Ehling

Mit seinem Werk habe Achebe den Weg vorgezeichnet für alle jüngeren afrikanischen Schriftsteller, die sich nach ihm mit den Veränderungen beschäftigten, die Kolonialismus und Globalisierung mit sich brachten, so Ehling.

So sieht es auch Chuma Nwokolo. Der Anwalt und Schriftsteller wurde erst wenige Jahre nach der Veröffentlichung von "Things Fall Apart" geboren und stammt wie Achebe aus dem in Südost-Nigeria lebenden Volk der Ibos. "Achebe hat ein neues Genre geschaffen", so Nwokolo. Als erster Herausgeber der im britischen Heinemann-Verlag erschienenen "African Writers"-Serie habe Achebe von 1962 bis 1972 einer ganzen Generation von Schriftstellern den Weg gewiesen, erklärt Nwokolo. Ihn selbst habe vor allem Achebes Fähigkeit geprägt, in der Kolonialsprache Englisch zu schreiben und trotzdem den Klang der eigenen Ibo-Sprache durchscheinen zu lassen: "Er hat mir gezeigt, wie man die Grenzen einer anderen, einer Zweit-Sprache, überwinden kann. Diesem Vorbild wollte ich immer gerecht werden."

Trauma Biafra-Krieg

Bis 1966 arbeitete Chinua Achebe als Redakteur beim nigerianischen Rundfunk und veröffentlichte noch drei weitere Romane. Dann stürzte Nigeria in einen vier Jahre dauernden Bürgerkrieg, der als Biafra-Krieg in die Geschichte einging. Nach Militärputschen und Massakern an Ibos im Norden Nigerias erklärte sich Achebes Heimatregion 1967 als Republik Biafra für unabhängig. Der Journalist und Schriftsteller stellte sich in den Dienst des neuen Staates und warb im Ausland für dessen Sache.

Anfang 1970 kapitulierten die letzten Truppen Biafras. Der Krieg hatte rund zwei Millionen Menschen das Leben gekostet und insbesondere das Volk der Ibo traumatisiert. Achebe hat seitdem immer wieder darauf gedrängt, die Ursachen und auch die im Krieg begangenen Verbrechen aufzuklären. Das wollte allerdings kaum jemand in Nigeria hören. "Es gab eine 'Schwamm-drüber-Mentatlität'", analysiert Holger Ehling. Neben Achebe hätten noch einige andere Autoren versucht, gegen das Schweigen anzugehen - vergeblich, so Ehling.

Von Afrika nach Amerika

In Nigeria hielt sich Achebe immer seltener auf. Angewidert von der Korruption und der Verantwortungslosigkeit der Herrschenden in seiner Heimat, zog er in die USA. Nigerianische offizielle Auszeichnungen hat er wiederholt ausgeschlagen. Er war mehrfach für den Literaturnobelpreis im Gespräch, den er aber nie erhielt. Nach einem schweren Autounfall 1990 saß er im Rollstuhl. 2007 erhielt Achebe dann mit dem "Man Booker International Prize" doch noch eine hohe internationale Auszeichnung. Zuletzt lehrte er an der Brown University im Bundesstaat Rhode Island.

Chinua Achebe 2002 in Frankfurt (Foto: Reuters)

Chinua Achebe - 2002 in Frankfurt

2012 dann veröffentlichte Achebe sein letztes Buch. Unter dem Titel "There Was A Country" (Es war einmal ein Land) schilderte er seine ganz persönlichen Erinnerungen an jene Zeit und zögerte auch nicht, Verantwortliche zu benennen. In Nigeria löste das eine kontroverse Debatte aus, denn die beiden anderen großen Völker des Landes, die Yoruba im Südwesten und die Haussa-Fulani im Norden, fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

"Das sind Dinge, die sehr wehtun und die im offiziellen Nigeria niemand hören will", erklärt Holger Ehling den Aufschrei. Achebe habe immer wieder den Finger in diese Wunde gelegt und sich auch bewusst der Kritik ausgesetzt. "In seiner Position als respektierter Älterer, dem man zuhören muss, konnte er das tun", beschreibt Ehling die Haltung Achebes. Und Achebes Schriftstellerkollege Nwokolo fügt hinzu, dass er mit diesem letzten Buch erneut seine "brutale Ehrlichkeit" bewiesen habe, mit der er zu seinen Überzeugungen gestanden habe. Es sei nur schade, bedauert Nwokolo, dass Achebe seinen Kritikern jetzt nicht mehr antworten könne. Wahrscheinlich würde er mit Blick auf das Leid, das den Ibos zugefügt worden sei, sagen, dass man ein Kind zwar schlagen, ihm aber nicht das Recht zu Weinen verwehren könne.

Der Terror von heute und das Trauma von gestern

Ehling und Nwokolo sind sich einig darin, dass das nicht aufgearbeitete Trauma des Biafra-Krieges auch den Blick auf die heute von den islamistischen Fundamentalisten der Terrorgruppe "Boko Haram" verübten Gewalttaten präge. Viele der christlichen Opfer der Terroristen sind aus dem Südosten Nigerias stammende Ibos, die im Norden leben. Wenn wie Anfang März Dutzende Menschen bei einem Bombenschlag auf einen Busbahnhof im christlichen Viertel der nordnigerianischen Metropole Kano sterben, dann fühlen sich viele Ibos an die Massaker von 1966 erinnert. "Wir müssen das offen ansprechen", fordert Chuma Nwokolo, "wenn wir zukünftige Katastrophen verhindern wollen."

Gefragt, was für ihn das wichtigste Vermächtnis von Chinua Achebe sei, antwortet der mit 50 Jahren im Vergleich "junge" Autor: "Er ist für mich ein Wegbereiter und ein Fackelträger. Er hat anderen einen Weg bereitet, dem sie folgen konnten, und er hat ein Licht hochgehalten, auf das Menschen aus der Dunkelheit aufblicken können."