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Kultur

O Tannenbaum, wo kommst du her?

Nadelt und nimmt Platz weg - für viele Menschen in Deutschland ist der Tannenbaum an Heiligabend aber trotzdem ein Muss. Der Weg vom grünen Ungetüm im Wald zum alljährlichen Gast im Wohnzimmer war lang.

Blick auf den Dorfplatz von Rothenburg mit nachgebildeten Fachwerkhäusern und einem fünf Meter hohen Weihnachtsbaum. Foto: DW/Silke Wünsch Dezember 2011

Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf in Rothenburg

Dreißig Meter hoch, acht Tonnen schwer. Ein Kran war nötig, um die bayrische Fichte im hessischen Frankfurt aufzurichten. Dort, auf dem Römerberg vor dem Rathaus, wird sie nun bewundert. Es soll der größte Weihnachtsbaum Deutschlands sein, erzählt Jeffrey Myers. Der gebürtige Amerikaner freut sich jeden Tag über den Baum. Er wohnt auf dem Römerberg. Myers, aufgewachsen in Kansas City, ist evangelischer Pfarrer und liebt deutsches Brauchtum.

Weihnachtsmarkt in Frankfurt (Foto: DW/Heike Jüngst)

Dieses Exemplar in Frankfurt passt in kein Wohnzimmer

Myers weiß: Ohne Weihnachtsbaum geht es in Deutschland nicht an Weihnachten. Allein vergangenes Jahr schmückten gut 21 Millionen natürliche Weihnachtsbäume deutsche Stuben, vermeldet der Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger. Eine "Populärskulptur" also, wenn auch individuell, subjektiv, familiär und regional unterschiedlich gestaltet.

Wer hat's erfunden?

Der Weihnachtsbaum ist - eine Erfindung. Das stellt der Sachbuchautor Bernd Brunner gleich im Titel seines Buches "Die Erfindung des Weihnachtsbaumes" klar. Das erste Mal aufgetaucht sein soll er in Freiburg im Jahr 1419. Die dortige Bäckerschaft will einen Baum mit Lebkuchen und Nüssen im örtlichen Heilig-Geist-Spital geschmückt haben. Beurkundet ist das nicht. Auch andere Städte wie das estländische Talinn und das lettische Riga beanspruchen, die ersten Weihnachtsbaumaussteller gewesen zu sein. Aber die Freiburger Legende liest sich einfach zu schön: An Neujahr hätten die Kinder den Baum schütteln und plündern dürfen, heißt es.

Weihnachtsbaum auf dem Roten Platz in Moskau (Foto: AP)

Der Weihnachtsbaum ist international - hier auf dem Roten Platz in Moskau

Die ältesten Belege für einen Weihnachtsbaum stammen aus dem Südwesten des deutschen Sprachraumes und vor allem aus protestantischen Gebieten. Aus dem elsässischen Schlettstadt ist bereits 1535 überliefert, dass Honoratioren einen Baum mit Äpfeln und Oblaten schmückten, die dann am Dreikönigstag gegessen werden durften.

Von 1539 gibt es einen urkundlichen Beleg, dass im Straßburger Münster ein Weihnachtsbaum aufgestellt wurde. Die Zünfte und Vereine waren es schließlich, die ein immergrünes Bäumchen regelmäßig in ihre Häuser stellten. Richtig ausgebreitet hat sich der Brauch aber erst im 19. Jahrhundert. Tannenbäume konnten sich zunächst nur begüterte Schichten leisten. Das einfache Volk musste mit Zweigen und Grünabfall auskommen.

Vom Heidenkult zum Christenbaum

Über die Wurzeln des Brauchs kursieren verschiedene Theorien. So sollen schon früh viele Kulturen Baumkulten gehuldigt haben: Der immergrüne Baum als Wohnsitz der Götter und Zeichen des Lebens. Man versprach sich Gesundheit und Fruchtbarkeit, Lebenskraft und Schutz. Bereits die Römer bekränzten zum Jahreswechsel ihre Häuser mit Lorbeerzweigen.

Krippe auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt (Foto: DW)

Vor dem Christbaum war die Krippe der wichtigste katholische Weihnachtsschmuck

Die Kirchen billigten den "heidnischen" Weihnachtsbaum lange nicht. "Aber das Volk setzte sich durch und die evangelische Kirche folgte ihrer demokratischen Tradition und machte den Weihnachtsbaum zum Weihnachtssymbol jedes rechtgläubigen Protestanten", lacht Pfarrer Myers. Damit habe die evangelische Kirche den Grundstein für den Siegeszug des Christbaums gelegt. Ende des 19. Jahrhunderts bezeugen historische Quellen das Auftauchen des Weihnachtsbaums schließlich auch in den katholischen Regionen Deutschlands und Österreichs.

Größer, schöner, skurriler

Im Laufe der Zeit wurde die Dekoration üppiger und prächtiger. Der erste beleuchtete Tannenbaum ist für das Jahr 1611 bezeugt. Damals schmückte Herzogin Dorothea Sibylle von Schlesien als Erste einen Weihnachtsbaum mit Kerzen.

Um 1830 kamen Christbaumkugeln hinzu, handgeformt und mundgeblasen, versteht sich. Einer Legende zufolge stammt die Idee, farbige Kugeln aus Glas als Christbaumschmuck herzustellen, von einem armen Glasbläser aus dem ostdeutschen Lauscha. Er konnte sich anno 1847 die teuren Walnüsse und Äpfel nicht leisten, heißt es. Wahr oder nicht, Fakt ist: Noch heute ist der Thüringer Wald und speziell die Region um Lauscha eine der bedeutendsten Glaskunstregionen in Mitteleuropa. 

Vom Kultobjekt zur Populärskulptur

Ob aus Glas oder Plastik, Christbaumkugeln gehören heute dazu. Mal grell, mal klassisch, mal bunt, mal einfarbig - der Baumschmuck unterliegt Trends. Und was gerade in Mode ist, zeigt alljährlich die Christmasworld, die weltgrößte internationale Messe für Weihnachtsdekoration in Frankfurt am Main.

Christbaumkugeln (Foto: DW/Heike Jüngst)

Christbaumkugeln, von traditionell bis kitschig

Jeffrey Myers stand dort schon an einem Stand der evangelischen Kirche, aber nicht der Mode wegen. Er und seine Mitstreiter wollten damit an den Ursprung von Weihnachten erinnern. "Den haben viele schon vergessen", glaubt er. Weihnachten sei das Fest der Geburt Jesus Christi, auch wenn das tatsächliche Geburtsdatum von Jesus aus Nazareth niemand kenne.

Doch in einem Punkt kann Myers frohlocken: Zumindest die Deutschen zeigen sich wenig trendbewusst. Nach Auskunft der Christmasworld-Aussteller hängen sie am liebsten das an den Baum, was dort schon in ihrer Kindheit hing. Daher seien Glaskugeln in klassischem Rot, Silber und Gold in Deutschland immer ein Dauerbrenner.

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