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Afrika

Nigerias Propagandakrieg mit Boko Haram

Top-Terrorist Abubakar Shekau ist angeblich tot, verkündet Nigerias Armee. Doch die Zweifel an dieser Erfolgsmeldung sind groß. Längst ist der Kampf gegen den Terror im Nordosten des Landes zum Propagandakrieg geworden.

Er ist Nigerias Top-Terrorist und wird auch von den USA gesucht - jetzt soll Abubakar Shekau angeblich tot sein. Der Anführer der islamistischen Sekte Boko Haram sei bei Gefechten mit der Armee am 30. Juni im Nordosten des Landes angeschossen worden. So zitieren internationale Nachrichtenagenturen die nigerianische Armee. Nach einem Krankenhausaufenthalt im benachbarten Kamerun sei Shekau dann seinen Verletzungen erlegen. Ein Interview wollte der Sprecher der Streitkräfte, General Chris Olukolade, dazu nicht geben. Der DW sagte er nur, dass er den Tod Shekaus weder bestätigen noch bestreiten könne.

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Abubakar Shekau, Anführer der islamistischen Gruppe Boko Haram, in einer Videobotschaft vom Januar 2012 (Foto: AP)

Imam Abubakar Shekau, Anführer der Terrorgruppe Boko Haram, in einer Videobotschaft

Die Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Meldung sind groß, vor allem im Nordosten Nigerias, dem Teil des Landes, der besonders unter dem Terror leidet. "Wenn sie sagen, dass sie ihn getötet haben, dann müssen sie uns auch sein Foto zeigen, damit die Welt es sehen kann", sagt Ismail Muhammad, ein Einwohner der Stadt Gombe. "So wie sie uns damals das Foto von Osama bin Laden gezeigt haben".

Mehrmals hat die Armee den Islamisten-Chef schon öffentlich für tot erklärt. Immer lag sie falsch. Für Skepsis sorgt auch eine Videobotschaft, die erst in der vergangenen Woche (13.08.2013) im Internet auftauchte. Darin präsentiert sich angeblich Shekau, pöbelt gegen die nigerianische Regierung und den Westen und sendet den Muslimen Glückwünsche zum Ende des Fastenmonats Ramadan. "Gott sei Dank, sind wir gesund. Ihr habt Shekau nicht umgebracht. Nein, das habt ihr nicht geschafft", doziert der Terrorchef.

Krieg mit Bildern und Schlagzeilen

Soldaten patroullieren in der Stadt Baga im vom Terror geplagten Nordosten Nigerias (Foto:AFP)

Soldaten patroullieren in der Stadt Baga im vom Terror geplagten Nordosten Nigerias

Die Armee hält das Video für eine Fälschung. Und behauptet: Auch Shekaus Stellvertreter sei Anfang August getötet worden. Ob das stimmt, weiß niemand genau. Es ist immer das gleiche: Einer Meldung der Regierung folgen Dementi der Terroristen und umgekehrt. Der Krieg im Nordosten Nigerias wird schon längst nicht mehr nur mit Waffen und Gewalt geführt, sagt Ubale Musa, der für die DW aus Nigeria berichtet. "Es gibt schon seit langer Zeit einen Propaganda-Krieg zwischen Boko Haram und der Armee", sagt Musa. Das Militär wolle beweisen, dass es die Lage im Griff habe und in der Lage sei, die Top-Terroristen dingfest zu machen, so Musa. "Sollte aber heraus kommen, dass das nicht wahr ist, dann würden die Militärs ihr Gesicht verlieren, niemand würde ihnen mehr glauben."

Die Äußerungen der Regierung und der Boko Haram seien mit äußerster Vorsicht zu genießen, sagt auch der deutsche Journalist und Nigeria-Experte Heinrich Bergstresser. "Es läuft natürlich jetzt auch eine Medienkampagne zugunsten der Regierung, zugunsten des Militärs, dessen Image in den letzten Jahren gerade vor dem Hintergrund von Boko Haram arg gelitten hat."

Viele profitieren vom Anti-Terror-Kampf

Bombenanschlag auf den Busbahnhof im nigerianschen Kano (Foto: Reuters)

Bombenanschlag auf den Busbahnhof im nigerianschen Kano

Die Terrorgruppe kämpft seit 2009 im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias mit Gewalt für einen islamischen Staat. 2000 bis 4000 Menschen sollen seitdem getötet worden sein, schätzen Beobachter. Seit mehr als drei Monaten gilt der Ausnahmezustand in drei Bundesstaaten im Nordosten des Landes - die Armee rüstete massiv auf, startete eine großangelegte Offensive im Nordosten. Zwar sind die Islamisten seitdem erheblich unter Druck geraten, doch echte Erfolge lassen auf sich warten.

Rund sechs Milliarden US-Dollar, fast ein Fünftel des nigerianischen Staatshaushalts, fließt inzwischen jährlich in den Sicherheitsbereich und damit vor allem in den Anti-Terrorkampf, schätzt Nigeria-Experte Bergstresser. Ein Bruchteil davon werde tatsächlich in den Kampf gegen Terror investiert, sagt Bergstresser. "Das meiste dieser Gelder wandert in die Taschen der Militärs, des ganzen Offiziers- und Generalkorps und in die Taschen von Politikern, die die Entscheidungen darüber treffen, dass dieses Geld mobilisiert wird". Und das erkläre auch, weshalb die Regierung bislang relativ gelassen mit der Bedrohung durch Boko Haram umgegangen sei.

Nicht genug Engagement für Erfolge

Trotz jahrelanger Jagd auf Boko Haram stand bislang auch noch kein einziges führendes Mitglied vor Gericht. Warum? Verbindungen der Islamisten in das Militär hinein, Korruption - es wird viel spekuliert. "Das Thema Geld und die Korruption haben den Anti-Terrorkampf in Nigeria fast wirkungslos gemacht, vor allem in den Augen des Westens. Und je mehr die Korruption hier um sich greift, desto weiter entfernen wir uns von Erfolgen", sagt DW-Korrespondet Ubale Musa.

Boko Haram soll Verbindungen zum internationalen Terrornetzwerk der Al-Kaida haben, sagen Sicherheitsexperten. Die USA hatten im März ein Kopfgeld von umgerechnet 5,3 Millionen Euro auf Boko Haram Chef Shekau ausgesetzt. Auch das Ausland wartet also auf Beweise für den Tod des Terrorchefs.

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