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Afrika

Nigerias Regierung auf Zick-Zack-Kurs

Wieder Anschläge, wieder Tote. Boko Haram terrorisiert Nigeria - trotz Ausnahmezustand und Militäraufgebot. Die Regierung sucht dennoch weiter den Dialog. Viele Nigerianer sind skeptisch.

Soldat mit Waffe hinter Sandsäcken in Maiduguri, im Nordosten Nigerias (Foto: AFP/Getty Images)

Nigeria: Kampf gegen Boko Haram

Seit mehr als einem Monat gilt im Nordosten Nigerias der Ausnahmezustand, rund 2000 Militärs sollen für Sicherheit sorgen. In ihrer ersten Zwischenbilanz gibt sich die Regierung in Abuja optimistisch: Mit der Verhängung des Notstands in den drei Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa sei Nigeria auf einem guten Weg, Boko Haram tatsächlich zu bekämpfen, hieß es Mitte Juni. Alle Camps der Islamisten seien zurückerobert worden, verkündete das Verteidigungsministerium bereits Ende Mai. Seitdem gibt es immer wieder Meldungen über weitere Festnahmen. Erst in der vergangenen Woche sollen nigerianischen Medien zufolge wieder sechs mutmaßliche Mitglieder der Terrorgruppe auf einem Marktplatz in Maiduguri verhaftet worden sein.

Für ihr hartes Vogehen in dem Konflikt hat die Regierung nach wie vor Rückhalt in der Bevölkerung, doch einigen Vertretern der Zivilgesellschaft reicht das militärische Vorgehen allein nicht aus. "Die Maßnahme hilft. Wichtige staatliche Einrichtungen funktionieren wieder", sagt etwa Paddy Kemdi Njoku, Vorsitzender des National Examinations Council (NECO), der nigerianischen Prüfungskommission für Schulen. "Aber man muss untersuchen, weshalb Organisationen wie Boko Haram so stark werden konnten. Dafür braucht die Bevölkerung eine bessere Bildung, so etwas wie Staatsbürgerkunde", fordert Njoku.

Boko Haram schlägt zurück

George Ehusani, Leiter der Stiftung Lux Terra in Abuja, Nigeria (Foto: Katrin Gänsler/DW)

Sieht die Amnestie skeptisch: George Ehusani

Boko Haram ist noch lange nicht besiegt. Die Gruppe ist trotz massiver Militärpräsenz im Norden des Landes nach wie vor zu Anschlägen in der Lage - das hat sie erst kürzlich mit zwei Angriffen auf Schulen in Damaturu und Maiduguri bewiesen. Dabei sollen mindestens 22 Menschen getötet worden sein. In der Bevölkerung werden die Anschläge als Racheakte gewertet. Deshalb ist auch der katholische Priester George Ehusani skeptisch was die Beibehaltung des Ausnahmezustands betrifft. Er leitet die Stiftung "Lux Terra" und setzt sich mit verschiedenen Projekten für den interreligiösen Dialog ein. "Wenn die Mitglieder von Boko Haram nicht verhaftet werden, dann fliehen sie in andere Regionen Nigerias", sagt Ehusani. Damit würde sich das Problem nur verlagern, aber nicht von Grund auf bekämpft werden.

Werbeplakat von Präsident Goodluck Jonathan in Abuja, Nigeria (Foto: Katrin Gänsler/DW)

Werbeplakat: Die Regierung setzt auf Aussöhnung

Lebensmittel können knapp werden

Für Sani Sulemain, der für das Caritas-Komitee für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC) in der Erzdiözese Jos den Projektbereich Friedensbildung leitet, birgt der anhaltende Ausnahmezustand aber noch eine weitere Gefahr: "Wir haben große Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Das Handynetzwerk funktioniert nicht", sagt Sulemain. Die Sicherheitskräfte haben mit Beginn des Ausnahmezustands alle Mobilfunknetze in den drei Bundesstaaten abschalten lassen. Gerade für nichtstaatliche Organisationen sei es deshalb schwierig, Hilfe zu koordinieren, sagt Sulemain.

Die könnte in den kommenden Wochen und Monaten nötiger denn je werden. Denn gerade im Bundesstaat Borno, wo Boko Haram in der Hauptstadt Maiduguri ihr Hauptquartier hatte, haben viele Farmer ihre Felder nicht bewirtschaftet. Das wird sich, so befürchtet Suleiman, auf die nächste Ernte auswirken. Der Region droht ein Versorgungsproblem.

Zuckerbrot und Peitsche?

Emmanuel Nnadozie Onwubiko, Vorsitzender der Organisation HURIWA (Foto: Katrin Gänsler/DW)

Kritiker der Regierungsstrategie: Emmanuel Nnadozie Onwubiko

Dem katholischen Erzbischof von Nigerias Hauptstadt Abuja, Kardinal John Onaiyekan, ist es wichtig, genau zu analysieren, wer hinter Boko Haram steht und weshalb sich die Gruppe im Laufe der Jahre radikalisiert hat. Einer der Hauptgründe sei, dass der Staat im Umgang mit der islamischen Gemeinschaft versagt habe, so der Kardinal, der sich seit Jahren für einen interreligiösen Dialog in seiner Heimat einsetzt. "Diese Jungs haben offenbar ihre eigene Vorstellung davon, wie ein Staat funktionieren soll. Sie bestehen darauf, dass es ein islamischer Staat sein muss", sagt Onaiyekan. "Diese Idee gibt es überall auf der Welt unter fanatischen Muslimen. Wenn die Welt sich im Krieg befindet, dann deshalb, weil sie den Islam nicht akzeptieren will. Dabei ist das doch die Religion des Friedens."

Radikale Worte in den Ohren vieler nigerianischer Christen – sie stellen etwa die Hälfte der mehr als 160 Millionen Einwohner. Aber offenbar versucht inzwischen auch die nigerianische Regierung, neben dem militärischen Eingreifen eine politische Lösung zu entwickeln. So hat sie etwa das sogenannte Amnestie-Komitee eingerichtet. Seine Aufgabe: Die Terroristen an den Verhandlungstisch und zur Abgabe der Waffen zu bewegen - im Gegenzug sollen sie Straffreiheit erhalten.

Bei vielen Nigerianern stößt diese Strategie auf Kritik. "Militäreinsatz und Amnestie sind ein großer Widerspruch", sagt Emmanuel Nnadozie Onwubiko. Er ist Vorsitzender der Organisation HURIWA, in der sich nigerianische Schriftsteller für Menschenrechte einsetzen. "Man kann doch nicht einerseits Terroristen den Krieg erklären. Auf der anderen Seite versucht man mit ihnen zu verhandeln. Zuckerbrot und Peitsche - dieser Ansatz ist nicht besonders intelligent."

Versöhnung im Nordosten

Präsident Goodluck Jonathan (3. v.l.) mit Mitgliedern der nigerianischen Amnestie-Kommision (Foto: Ubale Musa/DW)

Setzt auf Dialog: Nigerias Amnestie-Kommission

Ungeachtet solcher Kritik hält die Regierung vorerst an ihrer Doppelstrategie fest. Nach einer monatelangen öffentlichen Debatte trifft sich das Amnestie-Komitee nun regelmäßig. Boko Haram selbst aber lehnt bislang offenbar jedes Gespräch ab. Der Schriftsteller Emmanuel Nnadozie Onwubiko sieht sich daher in seiner Kritik bestätigt. Dabei sei es einfach, gute Beispiele für den Umgang mit Terroristen zu finden, etwa in den USA, findet Onwubiko: "Die Attentäter des Boston-Marathons sind verhaftet worden. Einer wurde dabei umgebracht, der andere wartet nun auf eine Gerichtsverhandlung. In den USA geht das sehr schnell." In Nigeria dagegen sei bisher kaum einer der vielen Verhafteten vor Gericht angeklagt worden.

Nach Ansicht von Kardinal John Onaiyekan muss sich die nigerianische Gesellschaft aber zunächst für Frieden und Versöhnung im Norden einsetzen. Der Geistliche wünscht sich ein Gremium mit nicht-staatlichen Akteuren und Regierungsvertretern. "Hoffentlich können wir den Problemen dann ins Gesicht sehen und offen über sie sprechen. Dann könnten wir eine akzeptable Lösung finden", sagt Onaiyeken. "Dafür müssen natürlich Kompromisse gemacht werden. Im Moment wird nur das Feuer gelöscht".

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