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Deutschland

Neue Merkel-Biografie: Zweifelhafte Sensation

"Das erste Leben der Angela M." ist frisch erschienen - und soll für Zündstoff sorgen. Doch Beobachter bezweifeln den Wert der angekündigten Enthüllungen. Beachtung ist dem Werk, pünktlich zum Wahljahr, trotzdem gewiss.

Nach ihrer Wahl zur neuen Vorsitzenden der CDU bedankt sich Angela Merkel am 10.04.2000 in Essen bei den Delegierten des CDU-Bundesparteitages und winkt mit zwei Blumensträußen. (Foto: dpa)

Als Merkel 2000 CDU-Vorsitzende wurde, gilt sie für viele immer noch als "das Mädchen aus dem Osten"

Prominente Enthüllung oder kalter Kaffee? Zwischen diesen Extremen schwanken die Bewertungen des neuen Buchs über Angela Merkel. Das Autorenduo Georg Reuth und Günther Lachmann wirft in der Biografie "Das erste Leben der Angela M." einen Blick auf einen sensiblen Abschnitt im Werdegang der heutigen Spitzenpolitikerin. Es geht um ihre Zeit in der DDR, wo sie für die kommunistische Jugendorganisation FDJ "Agitation und Propaganda" betrieben haben soll. Für eine DDR-Vita zwar nichts Außergewöhnliches - die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland rückt es jedoch in ein irritierendes Licht.

Drei Merkel Biografien der Autoren Hugo Müller-Vogg, Georg Reuth/Günther Lachmann, Jacqueline Boysen (Grafik: DW)

Verschiedene Biografen haben sich bereits mit der Kanzlerin befasst

In dem 336 Seiten starken Buch, das vier Monate vor der Bundestagswahl erscheint, gehe es darum, die Informationslücken zu schließen, die bisherige Biografien von Merkel offen gelassen hätten, so Lachmann im Gespräch mit der Deutschen Welle. Und dazu gehöre auch die Frage, ob Merkel FDJ-Sekretärin für Propaganda gewesen sei oder nicht.

Die Bundesregierung sieht darin allerdings keine spektakuläre Enthüllung. Merkel habe bereits 2005 in einem Interviewbuch mit dem Titel "Mein Weg" ausführlich und sehr persönlich dazu Stellung bezogen. "Das empfehle ich einfach mal zur Lektüre", sagt der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter.

Autor Lachman ist anderer Meinung. In "Mein Weg" gebe Merkel lediglich zu Protokoll, sie könne sich nicht erinnern, ob sie Agitation und Propaganda gemacht habe. Er hingegen habe Belege. "Es gibt zwei Zeugen", so Lachmann. Es handele sich um gute Freunde, mit denen Merkel damals eng zusammenarbeitete und mit denen sie privat viel gemacht habe. Beide seien FDJ-Sekretäre an der Akademie der Wissenschaften gewesen. Und noch ein weiteres Amt der heutigen Kanzlerin wird in dem neuen Buch prominent präsentiert: Sie habe auch der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) angehört und sei dort speziell für die Jugendarbeit zuständig gewesen.

Welchen Einfluss hatte eine FDJ-Sekretärin?

Prof. Dr. Klaus Schroeder, wissenschaftliche Leiter des Forschungsverbundes SED Staat der Freien Universität Berlin (Foto: Maurizio Gambarini dpa/lbn)

Schroeder: "Die Schwelle in den politischen Raum war überschritten, wenn man SED-Mitglied wurde"

Politische Mechanismen und Kausalitäten in der DDR funktionierten nach eigenen Regeln - so dass allein die Bekleidung eines offiziellen Amtes heute missverstanden werden kann, sagt Klaus Schroeder, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin im Interview mit DW.

"Die Mitgliedschaft in der FDJ und auch die Übernahme eines Amtes haben noch nichts zu sagen." Es habe schließlich so etwas wie eine gesellschaftliche Pflicht gegeben, sich zu engagieren - auch im Rahmen der Jugendorganisation. Aber: "FDJ-Sekretär für Agitation und Propaganda" klinge zunächst einmal spektakulär, so der DDR-Forscher. Tatsächlich hätten die Mitglieder Verlautbarungen der FDJ unters Studentenvolk bringen und Veranstaltungen organisieren müssen. "Das muss man sich im Einzelfall anschauen - war aber eher banal."

Demo der FDJ (Foto: FPG/Getty Images)

Engagement unter Druck: Demo der FDJ

Auch die Tatsache, dass Merkel ein Amt in der BGL innehatte, sei für die Einschätzung ihres Handelns nur bedingt geeignet, so Schroeder: "Auch das ist eine Funktion, die Hunderttausende in der DDR ausgeübt haben."

Entscheidend bei der Bewertung von Merkels Ideologie und politischem Engagement sei vielmehr die Tatsache, dass sie nicht wie gut zwei Millionen andere Bürger Mitglied der SED wurde: "Sich allem Engagement zu entziehen war in der DDR nicht möglich." Die Leute seien immer wieder bedrängt worden in einer Massenorganisation aktiv zu werden. "Aber die Schwelle in den politischen Raum wurde überschritten, wenn man Mitglied in der SED oder einer anderen Blockpartei wurde."

"Ich würde da nicht zu viel hineininterpretieren“

Was dies aber letztlich bedeutet - wie also Merkel die Ämter ausfüllte und welche Konsequenzen dies für ihre Mitmenschen hatte - darüber lassen Lachmann und Reuth ihre Leser im Dunkeln und räumen das auch selbst ein. "Es gibt keinerlei Informationen darüber, inwieweit Angela Merkel ideologisch prägend gewesen ist oder nicht. Wir wissen nur, dass sie Mitglied war und wofür sie verantwortlich gewesen ist", so Lachmann.

Genau diese Informationen sind jedoch für das Verständnis der präsentierten Sachverhalte entscheidend, vor allem für Menschen, die sich bisher nur wenig mit dem DDR-System auseinandergesetzt haben.

Sollte Merkel mehr von sich preisgeben?

Informationen dazu hätte das Autorenduo gerne von der Kanzlerin persönlich bekommen. "Es ist in dem Zusammenhang auch gar nicht so wichtig, ob sie nun Sekretärin für Agitation und Propaganda gewesen war", so Lachmann, "das Wesentliche ist, dass sie Dinge unterschlagen hat."

Zeigte sich Merkel als Trägerin eines hohen öffentlichen Amts zu wenig auskunftsfreudig? Bei der Buchrecherche sei zumindest eine Liste mit Fragen ans Kanzleramt unbeantwortet geblieben, berichtet Lachmann. Regierungssprecher Streiter relativiert: "Ich würde da nicht zu viel hineininterpretieren. Viele Leute, die ein Buch über die Bundeskanzlerin schreiben und Fragen an sie richten, werden da ein bisschen enttäuscht."

Angela Kasner (2. Reihe, Mitte, leicht verdeckt) mit ihren Schulfreunden aus der 10. Klasse der Polytechnischen Oberschule Templin/Brandenburg (Foto: Bernd Gurlt / dpa)

Als Kind der DDR musste sich Merkel - damals noch Kasner - (2. Reihe, Mitte) im System zu integrieren

Angela Merkel selbst betonte jüngst noch einmal den offenen Umgang mit ihrer DDR-Vergangenheit. Sie habe nie etwas verheimlicht, möglicherweise aber manche Dinge nicht erzählt, weil sie nie danach gefragt wurde. Die frühere Merkel-Biografin Jacqueline Boysen sieht darin womöglich die Reaktion auf eine negative Erfahrung Merkels: "Sie hat einmal sehr offen vor der Jugendorganisation der CDU, der Jungen Union, versucht, eine Geschichte aus DDR-Zeiten zu erzählen. Doch sie wurde völlig missverstanden." Ein möglicher Grund für ihre Zurückhaltung.

Die Enthüllungen des neuen Buchs sieht Boysen kritisch: "Ich finde es einigermaßen absurd, dass diese Geschichte immer wiederkehrt, und dass offenkundig, wenn man den Vorabdrucken glaubt, nichts Neues dazugekommen ist." Es gebe keinen Grund zur öffentlichen Empörung: Das Wort "Enthüllung" sei deutlich übertrieben.

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