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Deutschland

Merkel: "Streben nach Hegemonie ist mir fremd"

Die Vorstellung eines freundlichen Buches über Angela Merkel mit einem freundlichen Kollegen, nämlich Polens Premier Tusk - eine gute Gelegenheit für die Kanzlerin zu grundlegenden Anmerkungen zur Euro-Krise.

Es gibt viel zu feiern in den noblen Räumen der Deutschen Bank am Boulevard "Unter den Linden" in Berlin. Stefan Kornelius, Leiter der außenpolitischen Redaktion der "Süddeutschen Zeitung", zelebriert vor großer Kulisse die Vorstellung seiner Biografie über die Bundeskanzlerin, die "nicht autorisiert" sei, wie er schnell anmerkt, aber offensichtlich auf das Wohlwollen von Angela Merkel stößt: Sie ist höchstpersönlich zur Vorstellung gekommen.

Mitgebracht hat sie noch einen, dem zum Feiern zu Mute ist: Polens Ministerpräsidenten Donald Tusk (Artikelbild rechts), der am Montag (22.04.2013) 57 Jahre alt wurde. Und schließlich, merkt Kornelius zur Begrüßung an, gebe es noch etwas, nein, nicht zu feiern, aber zu begehen: Vor genau drei Jahren, am 22. April 2010, veröffentlichte die europäische Statistikbehörde Eurostat erstmals Horrorzahlen über das griechische Staatsdefizit - "... und deshalb hat auch die Euro-Krise heute Geburtstag", so der Journalist.

Angela Merkel, Kanzlerin der Krise

Die Euro-Krise und die Kanzlerin - das ist der Kern der Diskussion, die sich nun entwickelt, und ein bisschen auch des Buches, um das es eigentlich geht. Kornelius hat sich in seiner Biografie die Außenpolitikerin Merkel vorgenommen, schildert ihre enge Bindung an Israel und Amerika, ihre Distanz zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin - und wie wichtig der Wert der Freiheit für sie ist. Europa ist für Merkel der Ort, an dem diese Freiheit nicht abstrakt bleibt, sondern gelebt wird. "Wir müssen uns in Brüssel nicht jeden Tag versichern, dass wir die Freiheit haben, wir leben sie einfach", so Angela Merkel.

Buchcover (Foto: Hoffmann und Campe)

Die deutsche Kanzlerin und ihre Welt, skizziert von Stefan Kornelius

Nur: Damit das so bleibt, müsse sich Europa verändern, muss also die Schuldenkrise als Ansporn genommen werden für tiefgreifende Reformen - und im Zentrum steht für die Chefin der CDU, dass die Staaten ihre Haushalte konsolidieren. "Nicht ich habe gesagt, die Schuldenstaaten kriegen kein Geld mehr, das waren die Investoren", weist die Kanzlerin wieder einmal den Vorwurf vieler Politiker in Griechenland, Zypern, Spanien und Portugal zurück, sie wolle der Euro-Zone ihren Willen aufdrängen: "Jedes hegemoniale Streben ist mir fremd." Mit dem Vorwurf, die Merkelsche Euro-Politik spare die armen Länder des Südens kaputt, wird die deutsche Regierungschefin diesmal nicht konfrontiert - was ihr sichtbar gefällt.

Polen und der Euro - "keine Frage!"

Und sie freut sich über den Sparringspartner Donald Tusk. Noch hat Polen den Euro nicht, "aber das ist keine Frage des 'Ob', sondern des 'Wann'", versichert der Premier aus Warschau - trotz der Tatsache, dass in seinem Land heftig über den Sinn eines Euro-Beitritts gestritten wird. "Die europäische Idee weiterzuentwickeln, ihre Institutionen zu festigen, das ist doch wichtiger als die Finanzprobleme einzelner Staaten", so Tusk.

In der Euro-Krise setzt er dabei voll und ganz auf die Kanzlerin, so sehr, dass er sogar mit einer diplomatischen Benimmregel bricht - nämlich jener, sich als Premier nicht in Wahlkämpfe im Ausland einzumischen. "Gerade in dieser Phase der Euro-Krise ist es sehr wichtig, dass in Deutschland Angela Merkel regiert", gibt er kund. Da schaut auch die Kanzlerin für einen Moment überrascht auf.

Europa "nicht automatisch" ein Hort des Wohlstandes

So gelobt, nutzt Merkel die freundliche Bühne, ihre Vision für Europa zu entwickeln. Schließlich wird ihr stets vorgeworfen, vor lauter Pragmatismus gar keine Visionen mehr zu haben. "Ob wir unseren Wohlstand, unsere Freiheit erhalten können, entscheiden nur wir selbst, niemand sonst", so Merkel. Amerikaner würden in Amerika investieren, Japaner in Japan, weil das so kulturell so verankert sei. "Aber ein europäischer Investor hat keine Probleme, woanders hinzugehen, wenn wir die Krise nicht lösen." Europa sei nicht automatisch Hort von Prosperität, in einer Welt mit China und vielleicht bald Indien als zusätzlichen Supermächten. Also gelte es, noch mehr Integration zu betreiben (etwa in der Bildungspolitik und bei der Steuererhebung), den Euro zu erhalten - und Schulden zu vermeiden.

Deutsche Kanzlerin mit polnischen Wurzeln

Angela Merkel und Donald Tusk (Foto: DW)

Am dritten Geburtstag der Euro-Krise diskutieren Merkel und Tusk in Berlin

Da nickt Donald Tusk heftig. Wie nah sich Polens Premier und Deutschlands Kanzlerin sind, wird bei einer privaten Anekdote deutlich: Kornelius hat in seinem Buch vermerkt, dass Merkels Großvater Ludwig Kazmierczak hieß und aus Posen in Polen stammte, "eine Tatsache, die ich lange gar nicht so zur Kenntnis genommen habe". Merkels Polen-Herkunft ("ich bin eine Viertel-Polin") sei Thema eines gemeinsamen Essens gewesen. "Ich habe Donald gebeten, mir zu sagen, wie man das ausspricht, Kazmierczak", so die Kanzlerin.

Nur beim Thema Fußball hört wie immer die Freundschaft auf: "Wir haben euch Klose und Podolski gegeben", so Tusk über die beiden deutschen Nationalspieler mit polnischen Wurzeln, "Robert Lewandowski kriegt ihr nicht!" Geht auch gar nicht, der Stürmer von Borussia Dortmund hat schon für Polens Nationalmannschaft gespielt und dürfte gar nicht mehr für Deutschland auflaufen. Aber alles kann ja selbst ein Ministerpräsident nicht wissen...