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Kultur

Muslimische Gefangene werden schlecht betreut

Misstrauen, kaum Ansprechpartner und wenig Geld - die Betreuung muslimischer Inhaftierter in Deutschland ist weitgehend ungeregelt. Es besteht Gesprächsbedarf zwischen Strafvollzugsanstalten und islamischen Verbänden.

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Hier hoffen muslimische Strafgefangene auf seelische Unterstützung

Zu den Strafgefangenen in deutschen Gefängnissen zählen heute auch viele Muslime. Für sie gibt es bisher allerdings keine geregelte geistlich-religiöse Betreuung, wie sie für christlich getaufte Gefangene traditionell durch die Seelsorger der Kirchen wahrgenommen wird.

Zwar versuchen die meisten christlichen Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten, auch die Muslime in ihrer schwierigen Situation zu begleiten - etwa durch ehrenamtliche islamische Betreuer. Allerdings fühlen sich viele Inhaftierte muslimischen Glaubens mit ihren Problemen alleingelassen. Henning Köster, Leiter der Justizvollzugsanstalt Bochum, kennt die Bedeutung der Betreuung muslimischer Gefangener und hat daher auf Eigeninitiative einen arabischen Imam in die Anstalt geholt. Unter seinen 770 Gefangenen befinden sich 146 muslimische Gefangene.

"Eines finde ich nicht gut: Ich weiß zwar, dass man sich regelmäßig um die muslimischen Gefangenen kümmert. Aber von den Herrschaften, die dafür bei uns hereinkommen, weiß ich nur sehr wenig", sagt Köster.

Auf der Suche nach geeignetem Personal

Muslime in Deutschland Mann mit Gebetsschnur p178

Oft weiß man nicht viel über die ehrenamtlichen Geistlichen

Viele Gefängnisleiter in Deutschland stehen vor dem gleichen Problem wie Henning Köster: Sie wollen ihre muslimischen Gefangenen auch in religiösen und sozialen Fragen betreuen lassen, finden allerdings nicht das passende Personal. Die Suche danach scheitert vor allem an einem fehlenden einheitlichen Ansprechpartner auf muslimischer Seite.

Zumindest für die türkischstämmigen muslimischen Gefangenen erfolgte die Betreuung in den letzten Jahren oft provisorisch durch die Vorbeter der Türkisch-Islamischen Union (DITIB). Doch dieses Engagement ist nicht ganz unproblematisch, meint Stefan Unland, Mitarbeiter des Landesjustizvollzugsamts Nordrhein-Westfalen. Da die Imame häufig über wenig Deutschkenntnisse verfügten, sei ein inhaltlicher Austausch kaum möglich. Außerdem kommen viele Imame nur für vier Jahre nach Deutschland und haben daher wenig Ahnung von den gesellschaftlichen Problemen der Muslime.

Ehrenamtliche Betreuung als Lösung?

Da muslimische Gefangene einen rechtlichen Anspruch auf geistliche Betreuung haben, gehen immer mehr Vollzugsanstalten dazu über, die Gefangenen von ehrenamtlichen muslimischen Seelsorgern betreuen zu lassen.

Einer von ihnen ist der ausgebildete Pädagoge Ahmet Özdemir. Er betreut muslimische Gefangene in der Jugendvollzugsanstalt der Stadt Münster. "Wir feiern jedes Jahr zusammen unsere Festtage: Ramadan und Opferfest", erzählt Özdemir. "Als erstes kommt das Gebet, aber es gibt auch Kaffee und Kuchen. Wir bekommen dafür auch Unterstützung."

Muslime beten in der Moschee in Berlin p178

Gefangene sollten auch im Gefängnis einen Platz zum Beten haben

Neben der religiösen spiele auch die soziale Betreuung der Gefangenen eine wichtige Rolle, erzählt Özdemir. Schließlich seien fast alle Muslime in Deutschland ursprünglich ausländischer Herkunft - oder zumindest Kinder von ausländischen Einwanderern.

Eine einheitliche Regelung muss her

Den Vollzugsbehörden wäre am liebsten, wenn die unterschiedlichen islamischen Organisationen in Deutschland für eine adäquate Ausbildung von muslimischen Gefängnisseelsorgern sorgen würden. Doch dafür fehlen bisher nicht nur passende Ausbildungsstätten. Erschwerend kommt hinzu, dass die muslimischen Gemeinden in Deutschland - anders als die Kirchen - nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts haben, und damit auch keinen Anspruch auf staatliche finanzielle Unterstützung. Ein solcher Status würde voraussetzen, dass die Muslime sich auf eine einheitliche Interessenvertretung einigen könnten - was bisher am Widerstand einzelner, gewichtiger Organisationen gescheitert ist.

Aus eigenen Mitteln können die islamischen Organisationen die Mittel zur Finanzierung hauptamtlicher Geistlicher jedoch nicht aufbringen, betont Wolf Ahmad Aries vom Zentralrat der Muslime in Deutschland. Dennoch seien die Verbände bereit, sich so weit wie möglich ehrenamtlich in den Gefängnissen zu engagieren. Dem stehe, so Aries, jedoch auch oft Argwohn auf Seiten der deutschen Behörden im Wege.

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