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Kultur

Integration durch Fitness

Die gesellschaftliche Integration von Muslimen in Ländern wie Deutschland gilt als Zukunftsaufgabe. Das Sportprojekt "Start" geht einen besonderen Weg und ist dabei gleich doppelt erfolgreich.

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Sport bringt viele Vorteile

Rechtes Bein in die Höhe, linkes Bein in die Höhe. Die Arme bewegen sich im Takt. Mehr als 30 überwiegend muslimische Frauen folgen den Anweisungen der Trainerin im Turnsportverein in Frankfurt. Unter ihnen ist auch Zevgi Doganla. "Bisher hatte ich das immer nur zu Hause gemacht. Ich hatte dafür Videokassetten. Das habe ich jeden Tag gemacht! Aber als ich erfahren habe, das es hier nicht viel kostet, habe ich mir gesagt: Warum mache ich das nicht mit der Gruppe? Das macht mehr Spaß als allein zu Hause."

Neben- und Miteinander

Die vierfache Mutter ist erst seit kurzem Mitglied im Sportverein. Sie ist zwar keine sonderlich streng gläubige Muslima. Trotzdem ist es für die schon länger in Deutschland lebende Türkin sehr wichtig, dass keine Männer mitturnen. Sie fühle sich dann wohler, sagt sie. "Vielleicht würden die sonst zuviel gucken."

Erst über das Projekt "Start" ist Zevgi Doganla auf die Idee gekommen, in der Gruppe Sport zu treiben. Das Integrationsprojekt versucht seit drei Jahren, Frauen und Mädchen aus überwiegend muslimischen Einwandererfamilien für den Sport in deutschen Turnvereinen zu begeistern. Man hoffe, damit einen bescheidenen Beitrag zu mehr gesellschaftlicher Integration leisten zu können, sagt Mitorganisatorin Hacer Yontar, eine Türkin aus Darmstadt. Integration könne man nur erreichen, wenn man mit Menschen im Kontakt sei, also wenn man etwas mit anderen Menschen teile. "Und Sport überspringt kulturelle Hürden. Das ist unser Motto. Beim Sport braucht man nicht viel zu sagen, man steht einfach nebeneinander und macht das Gleiche. Man macht Sport für sich, für die Gesundheit und für das Nebeneinander und Miteinander."

Sport wird bei dem Frankfurter Projekt als Instrument benutzt, um die Integration vor Ort zu stärken. Die Frauen besuchen zunächst in ihrem Viertel einen Gymnastikkurs mit einer Übungsleiterin vom Projekt "Start". Danach folgt der gemeinsame, sanfte Übergang in reguläre deutsche Sportvereine. Viele muslimische Frauen kennen die Angebote der deutschen Sportvereine gar nicht, weiß Hacer Yontar. "Es gibt in einigen Vereinen zum Beispiel Mutter-und-Kind-Turnen - aber das Wissen darüber fehlt in den Familien. Und dann, auf einmal, ist das Kind irgendwann 15 oder 16 Jahre alt und hat enorme Schwierigkeiten bei der Koordination oder auch bei der Konzentration. Das kommt auch daher, dass sie nicht frühzeitig angefangen haben, Sport zu treiben. Und das ist genau das, was wir hier erklären."

Aerobic und Schleier

Die Deutsche Sabine Egelhoff trainiert einmal pro Woche eine Frauengruppe in einer Moschee - im separaten Frauenbereich. Am Anfang blieben die meisten Frauen verschleiert, erzählt sie. Mittlerweile legten aber viele von ihnen den Schleier ab - aus praktischen Gründen, und natürlich auch, weil keine Männer dabei sind. Das Vertrauen zueinander sei über den Umweg des Mediums Sport immer mehr gewachsen. Allerdings, meint Sabine Egelhoff, sei eher unwahrscheinlich, dass ihre hauptsächlich älteren muslimischen Mit-Turnerinnen jemals Mitglied in einem klassischen deutschen Turnverein würden. Diese kulturelle Barriere gegenüber deutschen Vereinen und ihren typisch deutschen Gemeinschafts- und Geselligkeits-Riten sei für ältere muslimische Frauen dann meistens doch noch zu hoch.

Dennoch hätten die überwiegend türkischen Frauen aus ihrer Gruppe inzwischen längst gemerkt, wie gut ihnen etwas Sport, Bewegung und Fitness tue, freut sich die Gymnastiktrainerin. "Darin liegt der Erfolg: Dass die Frauen, die beim Sport mitmachen, sehen, wie gut es ihnen tut. Und dass sie dann eben auch ihren Kindern oder Enkelinnen ermöglichen, so einen Sport zu betreiben." Manche würden inzwischen schon ihre Enkel mitbringen, erzählt die Trainerin.

Sorgenvolle Männer

Jenseits der Frauenturngruppe in der Moschee sind sogar noch größere Integrationserfolge zu verzeichnen: Die Initiatoren des "Start"-Projekts haben bereits mehr als 50 Frauen in deutschen Sportvereinen unterbringen können, erzählt Gül Keskinler, ebenfalls türkischstämmig und Initiatorin des "Start"-Projektes. Ihr Ziel ist es, Mädchen und Frauen mit Zuwanderungsbiografie, insbesondere aus dem muslimischen Glaubensbereich, stärker in das soziale Leben einzubinden. "Und sie zu starken Persönlichkeiten nicht nur in ihrer Familie und in ihren Communities, sondern in der pluralistischen Gesellschaft hier zu machen."

Um überhaupt an die Frauen heranzukommen, müsse man sehr oft aber auch deren Männer für die Idee der Sportkurse gewinnen, so Keskinler. Die Männer aus dem muslimischen Kulturkreis oder aus islamischen Vereinen und Religionsgemeinschaften seien erst einmal zurückhaltend, weshalb man zunächst eine Vertrauensebene aufbauen müsse. "Die wollen von uns wissen, was wollt ihr eigentlich da machen mit unseren Frauen? Sagt ihr ihnen etwa nach ein paar Monaten, dass sie ihr Kopftuch ablegen sollen? Sagt ihr ihnen, dass sie sich von uns trennen sollen, wenn ihnen dies und jenes nicht passt?"

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