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Nachrichten

Mit den Taliban ist noch zu rechnen

Mit der Geiselnahme eines Soldaten durch Taliban hat die US-Armee in Afghanistan einen weiteren Schlag erlitten. Unterdessen wächst in der afghanischen Regierung die Verstimmung über das Vorgehen der Amerikaner.

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Unter Druck: US-Soldaten in der afghanischen Provinz Zabul

Die Botschaft war brutal und deutlich: "Eine Freilassung des Soldaten kommt nicht in Frage. Er wird hingerichtet", erklärte am Donnerstag der Taliban-Sprecher Abdul Latif Hakimi. Sollten die Taliban tatsächlich einen im östlichen Afghanistan vermissten Elitesoldaten in ihrer Gewalt haben, wäre dies nur die letzte in einer Kette von Niederlagen: Ende Juni gerieten vier Soldaten im Grenzgebiet zu Pakistan in einen Hinterhalt. Als das Militär eine Suchaktion startete, schossen Aufständische einen der eingesetzten Kampfhubschrauber ab; alle 16 Insassen starben. Nur einer der vier Elitesoldaten konnte gerettet werden - zwei wurden tot aufgefunden und der vierte befindet sich nun möglicherweise in Geiselhaft.

Offensive nach der Winterpause

"Die Annahme einiger Beobachter, dass die Taliban als militärische Kraft erledigt seien, war eindeutig verfrüht", sagt Boris Wilke. Aus den seit Frühjahr zunehmenden Kampfhandlungen allerdings auf ein Erstarken der Taliban zu schließen, wäre voreilig, glaubt der Afghanistan-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: "Das hat auch mit dem Klima zu tun - im Winter kann man in vielen Gegenden einfach nicht kämpfen." Generelle Aussagen zur Sicherheitslage in Afghanistan seien wegen der starken regionalen Unterschiede schwierig.

Taliban, Kriegsfürsten und Schmugglerbanden

So sind die 2200 deutschen Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF in vergleichsweise sicheren Gegenden eingesetzt. "Wir haben hier eine ruhige, im Moment friedliche Lage. Wie stabil diese Lage bleibt, lässt sich aber schlecht prognostizieren", berichtet ein Sprecher der ISAF im nördlichen Kundus. Ganz anders ist die Situation in Provinzen wie Kandahar oder Paktika im Süden und Osten. "Dort war ich zur Zeit der Taliban und auch kurz danach sogar mit meinen Kindern. Heute würde ich dort nicht mehr hinfahren", sagt der Islamforscher Michael Pohly von der Freien Universität Berlin. Eine Mischung aus Taliban, Kriegsfürsten und Schmnugglerbanden mache die Gegend seit 2003 immer unsicherer.

Afghanistan

Mutmaßliche Taliban, die in der Provinz Zabul festgenommen wurden

Die Militäroperationen der Taliban in den vergangenen Monaten hätten auch damit zu tun, dass die Kämpfer wieder internationale Unterstützung bekämen, erklärt Pohly: "Einige Staaten haben ein Interesse daran, die Position der USA in der Region infrage zu stellen." So gebe es Hinweise darauf, dass der pakistanische Militärgeheimdienst ISI die Kämpfer mit Waffen versorge; der Hubschrauber sei wahrscheinlich von einer Flugabwehrrakete chinesischer Bauart getroffen worden.

Eine weitere Ursache sieht Pohly in dem Amnestieangebot des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai an die Taliban: "Einige wenige haben das angenommen; die anderen sehen sich nach wie vor als die legitimen Herrscher und wollen nun beweisen, dass sie kampfstark sind." Die USA hätten darauf bislang mit einer rein militärischen Strategie ohne politisches Konzept geantwortet. Hausdurchsuchungen, ein oft rabiates Vorgehen und die Zusammenarbeit mit allseits verhassten Warlords bringe die Bevölkerung gegen die Amerikaner auf.

Scharfe Töne aus Kabul

Bei der Suche nach den Elitesoldaten etwa tötete eine Rakete nach Angaben des Provinzgouverneurs 17 Zivilisten. Präsident Karsai ließ daraufhin erklären, dies könne "unter keinen Umständen gerechtfertigt werden". Es war nicht die erste Warnung an Washington: Schon in Zusammenhang mit dem Tod afghanischer Häftlinge in einem US-Militargefängnis hatte Karsai harte Worte gewählt und gefordert, die Armee sollten alle Häftlinge an afghanische Behörden übergeben und ihre Aktionen künftig mit der Regierung in Kabul abstimmen - beides lehnten die USA ab. Zu andauernden Spannungen zwischen Kabul und Washington werde es allerdings nicht kommen, vermutet Michael Pohly: "Ohne die USA könnte sich Karsai von heute auf morgen als Präsident verabschieden."

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