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Politik

Fortschritte in Afghanistan - trotz allem

Ein aktueller UN-Bericht Bericht zu Afghanistan warnt vor einem "Rückfall ins Chaos". Doch in dem Land gibt es auch hoffnungsvolle Fortschritte beim Wiederaufbau. Experten äußern sich vorsichtig optimistisch.

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Bild aus Kundus: Jeder zweite Afghane lebt laut UNO in Armut

In seinem ersten "Bericht über die menschliche Entwicklung" (HDR) in Afghanistan hat das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ernüchternde Fakten zusammengetragen. Demnach gehört Afghanistan mehr als drei Jahre nach Ende der Taliban-Herrschaft zu einem der ärmsten Länder der Welt. Im Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index) liegt das Land auf Platz 173 von insgesamt 178. Schlechtere Werte haben nur noch die Staaten Burundi, Mali, Burkina Faso, Niger und Sierra Leone.

Der Bericht ist die erste Untersuchung seit drei Jahrzehnten, die versucht, den Entwicklungsgrad des Landes umfassend darzustellen. Die Ergebnisse, die am Montag (21.2.2005) in Kabul vorgelegt wurden, sind erschütternd: Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 44,5 Jahre. Das sind mindestens 20 Jahre weniger als in den benachbarten zentralasiatischen Ländern. Jeder zweite Afghane lebt in Armut, das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 190 US-Dollar, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 25 Prozent.

Frauen in Afghanistan

Frauen in Afghanistan: Die Situation bleibt für viele laut UN-Bericht prekär

Besonders die ländliche Bevölkerung leidet an Hunger, nur 25 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser. Prekär ist vor allem die Lage der Frauen: Nur in Niger und Burkina Faso würden Frauen noch schlechter behandelt, kritisieren die Autoren des Berichts. Viele Frauen würden misshandelt oder vergewaltigt. Statistisch stirbt alle 30 Minuten eine Afghanin während oder an den Folgen einer Geburt, die Müttersterblichkeit liegt mehr als 60-mal höher als in entwickelten Staaten.

Das UNDP warnt angesichts solcher Indikatoren vor einem "Rückfall ins Chaos". Die Entwicklung Afghanistans zum wichtigsten Opiumproduzenten der Welt habe zudem eine Kultur der Gewalt gefördert und zur Stärkung privater Milizen beigetragen, heißt es in dem UN-Bericht.

Nicht nur schlechte Nachrichten

Dennoch: Der Bericht bescheinigt dem Land auch "bemerkenswerte Fortschritte". Zwar habe Afghanistan immer noch "eines der schlechtesten Bildungssysteme der Welt" und mit 28,7 Prozent eine der weltweit höchsten Analphabeten-Raten. Positiv zu bewerten sei jedoch, dass rund drei Millionen Kinder und rund 70.000 Lehrer wieder in die Schulen zurückkehren konnten. Auch wirtschaflich geht es laut UNDP voran: Demnach wuchs die afghanische Wirtschaft 2003 mit 16 Prozent. Für die nächste Dekade rechnen die Fachleute mit einem jährlichen Wachstum von zwischen zehn bis zwölf Prozent (Der Handel mit Opium ist davon ausgenommen).

Renate Becker, Regionalgruppenleiterin Zentralasien bei der Deutschen Welthungerhilfe, sieht Afghanistan trotz aller Schwierigkeiten auf dem richtigen Weg. Verbesserungen gebe es auch bei der internationale Hilfe. Sie konzentriere sich zwar immer noch stark auf die Region Kabul. "Allerdings gelangt die Hilfe nun immer mehr in die ländlichen Gebiete", sagt Renate Becker.

"Zu schaffen macht uns dabei noch die mangelne Infrastruktur. In manche Gebiete kommt man nur mit dem Esel." Doch auch in diesem Punkt gibt es Lichtblicke. Die so genannte "Ring Road", eine Straße, die die größten Städte des Landes miteinander vebindet, werde ausgebaut.

Ländliche Idylle

Schlafmohnfeld

Große Probleme bereitet der weitgehend von den Taliban kontrollierte Süden des Landes, in den sich internationale Helfer nur sporadisch vorwagen. Auch bei der Bekämpfung des Drogenanbaus bleibe noch vieles zu tun. "Die Zahl von Bauern, die sich bei uns um Alternativen zum Anbau von Schlafmohn erkundigen, hat aber erfreulicherweise zugenommen", so Becker.

Fehlendes Gewaltmonopol

Auch Jochen Hippler, Afghanistan-Experte beim Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg sieht Fortschritte. Es sei bereits als Erfolg zu werten, dass sich die Situation nicht verschlimmert habe. Afghanistan biete nach Jahren des Bürgerkriegs schwerste Rahmenbedingungen. Optimistische Zukunftsprognosen will er nicht abgeben. "Die politische Situation steht auf Messers-Schneide und kann jeden Moment kippen", so Jochen Hippler. Die Regierung habe nach wie vor kein Gewaltmonopol aufbauen können, auch wenn es vereinzelte Erfolge gegeben habe. So habe Karsai bei der Entmachtung von Warlord Ismail Khan in Herat Geschick bewiesen. Der einst mächtige Kriegsherr bekleide heute als Minister für Wasser und Energie kein Schlüsselressort.

"Diese partiellen Erfolge können jedoch nicht auf das ganze Land hochgerechnet werden". Hippler bemängelt dabei, dass die internationale Staatengemeinschaft bei ihrer Hilfe nicht immer in eine Richtung arbeite. Während die EU den Warlords grundsätzlich die Unterstützung verweigere, seien die USA in einigen Provinzen gezwungen, mit Warlords zusammenzuarbeiten, um ihre militärischen Ziele durchzusetzen. Als weiteres Problem sieht Hippler, dass die internationale Hilfe vor allem über UN-Organisationen und Hilfsorganisationen und nicht über den zu festigenden afghanischen Staat kanalisiert werde. "Das Prestige für Hilfsprojekte streichen also die Hilfsorganisationen ein und nicht der Präsident". Doch genau diese positven Impulse bräuchte die afghanische Regierung, um ihre Macht zu festigen.

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