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Bildung

Mit 30 Jahren auf der Schulbank

Im September beginnt in Deutschland das neue Ausbildungsjahr. Doch wer älter als 25 Jahre ist, bekommt nur selten eine Lehrstelle. Das Programm "Spätstarter" will rund 100.000 jungen Erwachsenen eine zweite Chance geben.

Es ist schon lange her, dass Manuela Freund* in einem Klassenzimmer Platz genommen hat. Jetzt sitzt die 32-Jährige in Berlin mit 22 anderen Teilnehmern tatsächlich wieder in einem Unterrichtsraum. Ihr Ziel: Sie will sich zur Industriekauffrau ausbilden lassen - trotz ihres Alters, in dem die meisten Altersgenossen bereits im Beruf sind. Als Spätstarterin fühlt sie sich dennoch nicht: "Ich habe jahrelang Berufserfahrung und Auslandserfahrung gesammelt, nur fehlte mir eben auch ein richtiger konkreter Abschluss", sagt sie selbstsicher. [*Name von der Redaktion geändert]

Nur ein Berufsabschluss öffnet in Deutschland Türen

Teilnehmer eines Seminars am HannoverKolleg, einer Einrichtung der Erwachsenenbilddung (Foto: dpa)

Wer so spät eine Ausbildung beginnt, der muss das Lernen wieder erlernen, sagen Fachleute

Doch auf genau diesen Berufsabschluss kommt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach der Erfahrung von Manuela Freund an. Die Türen bei vielen Unternehmen öffnen sich meist nur für jene, die entweder einen Studienabschluss oder ein Ausbildungszeugnis vorweisen können. Manuela Freund hatte bislang keines von beidem. Und genau das war das Problem für die frühere Studentin der Amerikanistik, Germanistik und Philosophie, die nach ihrem ersten

abgebrochenen Ausbildungsanlauf

in Call Centern in Deutschland arbeitete und später in verschiedenen europäischen Ländern andere Jobs machte.

Jetzt werden Spätstarter wie Manuela Freund gesucht. Denn ein von der Agentur für Arbeit ins Leben gerufenes Pilotprojekt will genau dieser Gruppe eine zweite Chance geben. Seit 2013 haben mehr als 32.000 junge Menschen im Rahmen der Initiative

"AusBildung wird was - Spätstarter gesucht"

eine Qualifizierung begonnen. In den kommenden zwei Jahren sollen weitere 70.000 motiviert werden, einen erneuten oder ersten Anlauf für eine betriebliche Ausbildung zu nehmen, die in Deutschland meistens im September beginnt.

Lauter Erwachsene auf der Schulbank

Jobcenter, Handwerkskammern, Berufsverbände und Bildungsdienstleister haben das

Programm "Erwachsenengerechte Ausbildung"

, kurz EGA, entworfen. Worin die Unterschiede zur "normalen" Ausbildung liegen, erklärt Kristin Korsch, Projektleiterin beim Bildungsdienstleister Comhardt in Berlin, so: "Unsere Projektteilnehmer lernen keine dreieinhalb Jahre, sondern sie lernen nur 24 bis 27 Monate." Der zweite Unterschied sei zudem, dass die Teilnehmer nicht in einer Berufsschule sitzen würden, sondern den schulischen Part durch Ausbildungsgänge mit Gleichaltrigen absolvierten, sagt Korsch.

Ein Glücksfall, findet Manuela Freund, denn sie hätte ungern mit 16-Jährigen noch einmal die Berufsschulbank gedrückt. Jetzt lernt sie gemeinsam mit Menschen, die ähnliche Lebensläufe haben wie sie. Erst ein halbes Jahr Theorie, dann im wöchentlichen Wechsel Unternehmenspraktika und Schulbesuche. Bezahlt wird die Ausbildung für Spätstarter vom Jobcenter, auf dem Niveau eines Ausbildungsgehalts. Unterhalt, Miete und 380 Euro zum Leben bekommt sie während ihrer Ausbildung.

Rigides Auswahlseminar und Lernen auf Probe

Das sei besonders für kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland attraktiv, sagt Matthias Christann, Koordinator des Berliner Pilotprojekts: "Die Unternehmen sparen die Ausbildungsvergütung." Zudem, so Projektleiter Christann, würden die jungen Menschen vom ersten Tag bis zum letzten Tag der Ausbildung betreut und gecoacht.

Matthias Christann, Leiter des Pilotprojekts in Berlin (Foto: DW/Fuchs)

Matthias Christann leitet das Pilotprojekt in Berlin

Wer die Ausbildung beginnen will, muss deshalb erst einmal durch eine sogenannte Vorphase. Vier Tage Auswahlseminar und eine dreimonatige Vorbereitungszeit sind Pflicht: So soll den bereits erwachsenen Interessenten klar werden, ob sie wirklich reif sind für einen zweiten Ausbildungsanlauf. Dabei gilt es, das Lernen wieder zu erlernen, ebenso wie die Organisation des Alltags.

Mut zur zweiten Chance

Für Manuela Freund das richtige Programm zur rechten Zeit, auch wenn viele Freunde die Ausbildung als Rückschritt bezeichnet hätten. "Man sollte sich nicht einschüchtern lassen von Leuten, die sagen, ach nee, mit Anfang 30 nochmal eine Ausbildung machen, das ist doch völliger Schwachsinn", meint sie. Wichtig sei, sich nicht ständig zu vergleichen, sondern geradlinig den eigenen Lebensweg zu planen. "Es gibt immer eine zweite Chance."

Manuela Freund wird im November 2015 zu all jenen Auszubildenden gehören, die als erste in Berlin das Pilotprojekt erfolgreich beenden wollen. Und es könnten viele folgen: Laut Statistiken der Arbeitsagentur haben in Deutschland anderthalb Millionen junger Menschen im Alter zwischen 25 und 35 weder ein Studium noch keine Ausbildung absolviert. Was heute noch Spätstarter-Programme sind, könnte also schon bald fester Bestandteil eines neuen Verständnisses von lebenslangem Lernen werden.

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