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Wirtschaft

Schwund der Lehrlinge

Im Ausland steht sie hoch im Kurs: die duale Berufsausbildung nach dem deutschen Vorbild. In Deutschland dagegen gibt es mit ihr inzwischen einige Probleme. Immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt.

Nach der Schule wird studiert oder - ohne spezifische Berufsausbildung - direkt mit der Arbeit begonnen. Das ist die Regel in den meisten Ländern der Welt. Anders in Deutschland. Hier können die Schulabgänger im Rahmen der dualen Ausbildung einen Beruf erlernen. Bis zu dreieinhalb Jahre werden sie dafür in einem Unternehmen und an einer Berufsschule ausgebildet. Im Ausland ist diese Form der Berufsausbildung viel beachtet, ob Portugal oder Madagaskar. Es ist zwar immer noch die Ausnahme, aber einige Länder haben bereits Elemente der dualen Ausbildung bei sich eingeführt.

Duale Ausbildung weniger gefragt?

Zahntechniker. Foto: Matthias Rietschel/ AP

Zahntechnik eine boomende Branche mit wenigen Lehrlingen

In Deutschland allerdings steht das Vorzeigemodell heute vor einigen Problemen. So bieten deutsche Unternehmen immer weniger Ausbildungsplätze an. Und das, obwohl es der Wirtschaft derzeit gut geht. Nur noch etwas über 21 Prozent der Unternehmen bilden überhaupt aus - so wenig waren es zuletzt 1999. Trotzdem wurden vergleichsweise viele Lehrstellen nicht besetzt. Dabei gab es genug potentielle Bewerber. Auch die Zahl der Lehrlinge geht zurück. Insgesamt haben nur noch 530.700 junge Menschen 2013 einen Ausbildungsvertrag bekommen, das sind vier Prozent weniger als im vorherigen Jahr.

"Die Zahlen zeigen eine fast absurde Situation", sagt Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. "Auf der einen Seite bleiben Ausbildungsstellen bei Betrieben unbesetzt, insbesondere auch beim Handwerk. Auf der anderen Seite stehen Jugendliche aus den unterschiedlichsten Gründen ohne Ausbildung da." Im September 2013 gab es mehr als 33.500 unbesetzte Stellen und 21.000 Bewerber, die keine Lehrstelle bekommen haben. Obwohl rund die Hälfte von ihnen noch nachvermittelt werden konnte,blieben im Vergleich zu 2012 deutlich mehr Bewerber ohne Ausbildungsplatz.

Fachkräftemangel droht

International beachtet wird die Ausbildung nach dem deutschen Prinzip vor allem deswegen, weil sie für gut ausgebildete Fachkräfte sorgt und die Jugendarbeitslosigkeit niedrig hält. Und in der Tat sind in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern Europas relativ wenig Jugendliche arbeitslos. Trotzdem startet auch hier immernoch etwa jeder 12. Jugendliche ohne Schulabschluss ins Berufsleben, und 15 Prozent der Jugendlichen würden ihren Ausbildungsabschluss nicht schaffen, moniert Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Daher gebe es keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen.

Azubis in Sindelfingen arbeiten am Drehstromgenerator. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Nicht nur Akademiker werden künftig gebraucht

Weniger Lehrstellen, weniger Lehrlinge und mehr offene Ausbildungsplätze… da scheint auch in Deutschland ein Fachkräftemangel vorprogrammiert. Und genau das ist die Befürchtung von Seiten des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BIBB). Selbst wenn mehr Frauen arbeiten und Zuwanderer nach Deutschland kommen, geht das BIBB davon aus, dass sie die Fachkräftelücke möglicherweise nicht schließen lasse.

Initiativen für mehr Lehrlinge

Im Kampf gegen eine solche Fachkräftelücke fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), dass die duale Ausbildung wieder einen höheren Stellenwert in der deutschen Gesellschaft bekommen müsse. Während immer mehr Schüler Abitur machen, gehe die Zahl der Haupt- und Realschüler deutlich zurück. Sie seien aber gerade diejenigen gewesen, die in der Vergangenheit klassisch eine Lehre begonnen hätten, so Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. "Das ist unser Problem, vor dem wir heute stehen, und durch die demografische Entwicklung und den Trend zu höheren Schulabschlüssen bleiben betriebliche Ausbildungsangebote ungenutzt", klagt Wollseifer. Im vergangen Jahr wurden allein im Handwerk 15.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt. In diesem Jahr werden es deutlich mehr sein, schätzt er.

Abhilfe soll auf verschiedenen Wegen geschafft werden. So startet die Bundesagentur für Arbeit Informationskampagnen, um für die duale Ausbildung zu werben und ihr Image aufzupolieren. Im Fokus stehen dabei Abiturienten, Studienabbrecher und ältere Menschen, die noch keine Berufsausbildung haben. In Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund müsse manchmal auch ganz einfach an sprachlichen Dingen gefeilt werden, so Alt von der Bundesagentur für Arbeit. "Vor kurzem sagte mir ein Türke: 'Wenn man 'Auszubildender' ins Türkische übersetzt, heißt es 'die letzte Hilfskraft im Betrieb'", erzählt er.

Und auch die Unternehmen müssten umdenken, fordert Alt. "Ausbildungsleiter sollen auch mal das Zeugnis zur Seite legen und die Menschen angucken. Führungskräfte können Patenschaften übernehmen und es dadurch den Jugendlichen schwerer machen, während der Lehre das Handtuch zu werfen." Außerdem könnten Lehrlinge mehr motiviert werden, beispielsweise indem die Ausbildung mit spannenden Projekten beginne, anstatt mit Theorie.

Vielfalt nutzen

Azubis in Sindelfingen begutachten einen Motor. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Wunschlehre der Jungen: KFZ Mechaniker

Mehr als 350 Lehrlingsberufe gibt es in Deutschland. Die Bewerbungen landen aber immer in den gleichen Branchen. Daher müsste es mehr publik gemacht werden, dass es noch andere Möglichkeiten im Leben gibt, als KFZ-Mechaniker oder Bürokauffrauen zu werden, so Alt. "Wir haben Orthopädietechniker, die Nervensensoren gesteuerte Prothesen anfertigen. Wir haben Installateure, die mit geothermischen und airothermischen Anlagen oder mit Fotovoltaik arbeiten. Aber das wissen viele nicht, das muss in die Gesellschaft transportiert werden", betont auch Wollseifer. "Das ist eine Aufgabe für uns, für die Wirtschaft, für die Arbeitsagentur, aber auch für die Politik."

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