Mein Europa: Von der Zukunft lernen | Europa | DW | 16.12.2017
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Gastkolumne

Mein Europa: Von der Zukunft lernen

Weil sie im kommunistischen Osten aufgewachsen ist, fühlt sich die Schriftstellerin Dana Grigorcea in Westeuropa manchmal wie eine Zeitreisende. Heute teilen immer mehr Menschen aus aller Welt diese Erfahrung.

Der erste Farbfernseher, an den ich mich erinnern kann, war kein richtiger Farbfernseher - meine Nachbarn hatten ihren Schwarz-Weiß-Apparat bloß mit einer dreifarbigen Folie beklebt. Das obere Drittel war blau wie der Himmel, womit in der Nahaufnahme alle Menschen blaue Augen hatten. Der mittlere Teil war rot, so rot, wie man sich in Rumänien damals eine gesunde Hautfarbe vorstellte. Der untere Teil war grün wie der Rasen vor dem monströsen "Haus des Volkes" in Bukarest. Ich war fasziniert von diesem "Farbfernseher", der mich bis in meinen jüngsten Roman verfolgt hat. Dass durch die dreifarbige Folie die kommunistische rote Fahne im propagandistischen Staatsfernsehen plötzlich blau leuchtete, hatte einen herrlich subversiven Charakter. Überhaupt scheint mir diese Geschichte von der dreifarbigen Fernsehfolie sinnbildlich für die Fähigkeit der Kunst, in einem starren System Freiräume zu schaffen. Die dreifarbige Fernsehfolie ist sozusagen Mona Lisas Schnurrbart.  

Die Geschichte von der Fernsehfolie hat meine Schweizer Studenten jedes Mal zum Lachen gebracht. Obwohl sie nur einige Jahre jünger waren als ich, lagen wir in manchen Erfahrungen fast zwei Generationen auseinander: Ich sprach manchmal so wie ihre Großeltern, kam aus einer anderen Zeit. Wenn sie nur gewusst hätten, dass ich mich früher wie ihre Eltern oder gar Großeltern gekleidet und ich mich auch im Musikgeschmack mit diesen synchronisiert hatte! Die aktuellen Moden drangen eben nur mit großer Verzögerung durch den Eisernen Vorhang. Und überhaupt hat man in meiner Kindheit Geräte verwendet, Utensilien, die heutzutage nicht einmal mehr Geschichte sind, sondern Kunst: Siphonflaschen sind in Zürich in Schaufenstern von Juweliergeschäften anzutreffen, Sensen im Ballett als Requisite und "Remailleusen", die einst Laufmaschen in Seidenstrümpfen ausbesserten, in der Literatur. Man sieht es mir nicht an im Alltag, aber ich bin eine Zeitreisende. Und wie alle Osteuropäer, die den kommunistischen Ostblock erlebt haben, wähnte ich mich eine Weile allein und einzigartig mit dieser Erfahrung der Zeitreise.

Unser Alltag ist eine Zukunft geworden, über die wir staunen

In meiner Kindheit fuhren noch Pferdewagen durch die Stadt, und eine Stunde von meiner Wohnung entfernt, auf dem Land, ackerte man noch mit Ochsen. Nur sind jetzt, da man immer leichter reisen kann, auch die anderen Europäer zu Zeitreisenden geworden, etwa wenn sie in den Ferien bestimmte Teile Asiens oder Afrikas besuchen. Und auch die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, sind Zeitreisende. Sie bringen Geschichten mit, die uns fremd sind, unseren Vorfahren aber weniger fremd gewesen wären.

Durch die Zeit zu reisen, ist ein Traum der Menschheit, in Literatur und Film entsprechend oft behandelt. Die meisten von uns haben als Kind geträumt - vielleicht unter dem Eindruck der Romane Jules Vernes -, eine Zeitmaschine zu bauen, um damit in die Vergangenheit zu fahren und den Menschen mit neuem Wissen zu helfen. Oder auch, um in die Zukunft zu fahren und zu sehen, ob das, was man tut, zum Guten führt.

Nun braucht man dazu keine Zeitmaschine mehr. Es reicht, in der gleichen Dimension zu reisen, denn Kriege haben Erdteile in die Vergangenheit zurückkatapultiert, oder Diktaturen lassen sie in der Vergangenheit erstarren. Im Gegenzug kann man sagen, dass die Demokratie und der technische Fortschritt uns jeden Tag einen weiteren Schritt in die Zukunft unternehmen lassen. Unser Alltag ist eine Zukunft geworden, über die wir staunen und vor der wir uns auch fürchten. Je mehr wir von der Gegenwart erfahren, desto weiter haben wir uns in Richtung der Zukunft bewegt.

Pferdewagen in Rumänien (picture-alliance/dpa)

Pferdewagen in einem rumänischen Dorf: Dana Grigorcea hat als Kind solche Fuhrwerke noch in der Stadt gesehen

Die Bösewichte reisen mit durch die Zeit

In dieser Zukunft ist immer mehr möglich, man muss ein wacher Bürger sein, um eben das, was möglich ist, zum Guten zu nutzen. Für Zeitreisende, die wir sind, sollte dies ein Leichtes sein, denn Zeitreisende haben Erfahrungen gesammelt und sind weise. Wir teleportieren uns per Mausklick, lernen, kommen zurück und wenden alles zum Guten. Nur, wie wir es aus Filmen kennen, reisen auch die Bösewichte mit durch die Zeit, und auch sie nutzen die Erkenntnisse, um den Machtkampf zu gewinnen.

Starten wir die Zeitreise in der Schweiz, einem Land aus der Zukunft anderer. Hier gibt es die direkte Demokratie, man kann über alle relevanten Belange des Lebens abstimmen. Im gemächlichen schweizerischen Alltag gab es bis vor einigen Jahren keinen unüberwindbar großen Raum für Gräben zwischen Politikern und Stimmbürgern und auch keinen zwischen Interessengruppen und politischen Parteien. Entscheidungen wurden mit dem Impetus getroffen, von allen mitgetragen und mitgestaltet zu werden. Diese ganz, ganz Große Koalition wurde jahrzehntelang hochgehalten, denn die viersprachige Schweiz ist eine Willensnation. Das Konstrukt der ganz großen Koalition benötigt aber Bürger, die es tragen, Menschen von beträchtlicher Mündigkeit, gut informiert - was eine einigermaßen seriöse Medienlandschaft voraussetzt.    

Schweiz: Gefährliche Reise in die Vergangenheit

Was derzeit in der Schweizer Medienlandschaft vor sich geht, erinnert an Vergangenes. Während von technischen Umbrüchen geschwächte Medienhäuser vom rechten SVP-Politiker und Milliardär Christoph Blocher aufgekauft werden, hat die Jugendabteilung derselben rechten Schweizerischen Volkspartei gemeinsam mit politisch Gleichgesinnten eine Initiative gestartet, die die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG - in der Verfassung verankert - ausschalten, mithin alle öffentlich-rechtlichen Sender abschalten soll. Diese Initiative, über die im kommenden Frühling abgestimmt werden soll, nennt sich listig "No Billag", nach Billag, dem Unternehmen, das in der Schweiz die Radio- und Fernsehgebühren eintreibt. Mit dieser populistischen Benennung soll kaschiert werden, dass mit der Abschaffung der Gebühren bloß die Umgestaltung der Schweiz nach rechter Fasson vorangetrieben werden soll - man kennt das aus Osteuropa bereits. Die SVP, die inzwischen größte Partei der Schweiz, versucht, die Stimmbürger einzulullen, indem sie auf deren Brieftasche deutet - mit der vagen Begründung, dass in Zeiten des medialen Wandels schließlich jeder nur für gewünschte Inhalte bezahlen sollte. Unerwähnt bleibt in der Initiative, dass es da einen verbrieften Bildungsauftrag der SRG gibt und dass die Bedürfnisse aller Schweizer Landesteile berücksichtigt werden müssen, also auch jene der schwächer besiedelten Gegenden etwa der lateinischen Schweiz.      

Auf der Reise in die Vergangenheit, die die Abschaffung der Öffentlich-Rechtlichen auslösen würde, würde die Schweiz so manchem osteuropäischen Land begegnen, das weiterhin nichts aus der Zukunft lernen konnte.   

Dana Grigorcea, Jahrgang 1979,  ist eine schweizerisch-rumänische Schriftstellerin und Philologin. 2011 debütierte sie mit dem Roman "Baba Rada". Zuletzt erschien von ihr 2015 der Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit", der mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr nächstes Werk, "Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen", erscheint im Januar.

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