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Gastkolumne

Mein Europa: Was ist das, Heimat?

Auf einer "Mauerparty" in einer deutschen Disco mit "Ost"- und "West"-Stempeln hat die schweizerisch-rumänische Schriftstellerin Dana Grigorcea festgestellt: Heimat ist vor allem der Ort, an dem man etwas bewirken kann.

"Woher komme ich, aus dem Osten oder aus dem Westen?" Das fragten mich meine Studenten auf einer Mauerfall-Party in Sachsen. Ich besuchte mit ihnen, die sie im Schweizer Kanton Graubünden an der Hochschule eingeschrieben waren, die Partneruniversität in Mittweida. Für die Mauerfall-Party auf dem Campus wurde die Disco mittels einer Styropormauer in zwei Hälften geteilt. In der einen Hälfte lief "östliche" Musik, Schlager und Märsche, in der anderen Hälfte Musik aus den "westlichen" Achtzigern, Rock und Pop und Peter Maffay. Am Eingang wurde jeder gefragt, woher er kam - aus dem Osten oder aus dem Westen? Entsprechend wurde ihm ein Ost- oder eben ein Weststempel aufs Handgelenk gedrückt. Man begab sich anschließend in "seine" Hälfte des Saals. Um Mitternacht wurde dann mit großer Euphorie die Mauer heruntergerissen, Ost und West vermischten sich und tanzten zur selben Musik aus den aktuellen Charts. 

Zurück zum Anfang. Als man mich am Eingang fragte, woher ich komme, war für mich klar: Ich bin in Rumänien, im kommunistischen Ostblock geboren, komme also aus dem Osten. Ich bekam den Oststempel verpasst und ging in die Osthälfte. Ausgelassen tanzte ich zu Märschen, deren patriotische Texte mich gleichermaßen belustigten und rührten. Irgendwann schaute ich zur Tür und erblickte meine Studenten, die, noch im Mantel, versuchten, mit der Türsteherin zu verhandeln. Sie verweigerten das ganze Stempelspiel und wollten für ihr Eintrittsgeld sowohl im "Osten" als auch im "Westen" tanzen. "Wir kommen doch aus der Schweiz", sagte einer von ihnen, mehr im Ernst als im Scherz, "wir sind neutral". Ich forderte sie auf, sich in die Westhälfte zu begeben, wir würden uns um Mitternacht ja ohnehin alle wieder treffen und gemeinsam tanzen.

"Jeder Mensch hat unterschiedliche Identitäten"  

Aber die Studierenden waren mir böse. Denn ich hatte mich abstempeln lassen, bevor ich das mit ihnen besprochen hatte. Ich war doch eine von ihnen, und wir hätten, ganz im Geiste der gemeinsamen Problemlösung, darüber beratschlagen und eine für alle zufriedenstellende Lösung finden sollen.  

Diese Episode hat mich den Begriff Heimat neu definieren lassen: Jenseits von Stempeln und Heimatmusik ist Heimat jener Ort, an dem man etwas bewirken kann, an dem man sich einbringt als Bürger. Als rumänisch-schweizerische Doppelbürgerin will ich hier gerne auch die Heimatdefinition des Integrationsbüros meiner Stadt Zürich zitieren: "Jeder Mensch hat unterschiedliche Identitäten und verschiedene Heimaten. (...) Die Aufgabe der Schweiz ist es, Heimat sein zu wollen. (...) Wir benötigen viele Schweizerinnen und Schweizer, was auch immer sie sonst noch sind."

Schade, dass die Schweiz nicht Teil der Europäischen Union ist. In der Schweizer Demokratie ist manch ein junger Bürger herangewachsen, der nicht Unwesentliches zur aktuellen, europaweit geführten Diskussion über Heimat beitragen könnte - zum Beispiel, dass Heimat in erster Linie eine Wertegemeinschaft darstellt.

Deutschland Mauerfall Grenzöffnung Berliner Mauer mit dem Brandenburger Tor (picture-alliance/dpa/W. Kumm)

Der Mauerfall ist zum Thema von Ost-West-Partys geworden

Sprache hinkt der Realität hinterher 

Als Schweizerin und Dank meiner rumänischen Heimat gleichermaßen EU-Bürgerin fühle ich mich in der privilegierten Lage, eine Brückenfunktion zu übernehmen. Wir erleben eine gravierende Krise, unsere Gesellschaften leiden unter der Atemlosigkeit und der Marktschreierei der Zeit. Was es nun braucht, ist eine Diskussionskultur. Der Begriff der Heimat ist in unserer vermeintlich zivilisierten Welt im öffentlichen Diskurs ähnlich wie jener der Religion oder des Glaubens verfasst: Es findet sich Demut, ja, und da sind immer auch Suchende, aber die meisten Redner wollen das Thema auf Anhieb allgemeingültig umreißen, mittels prägnanter Sätze, und ärgern sich lauthals über die Ignoranz derer, die ihnen nicht zustimmen.

Man redet für sich und meint alle, Ängste und Sehnsüchte prägen den Diskurs, und doch spricht man laut von einem "Wir" und einem Allgemeinwohl, das man deutlich erkannt haben will. Dabei hinkt auch die Sprache längst der Realität hinterher, man denke etwa an die allzu differenzierungswilligen Begriffe Ankunftsland, zweite Heimat oder Neubürger. 

In unserem kulturellen Erbe finden sich bereits wunderbar treffende Definitionen von Heimat. Eine meiner liebsten Abhandlungen über dieses Thema ist der Filmklassiker "Citizen Kane". Darin wird die Geschichte des Medienmoguls Charles Foster Kane erzählt, von seiner Kindheit über seinen sozialen und politischen Aufstieg, seine schillernden Liebschaften und Verbindungen bis hin zu seinem einsamen Tod als immens reicher Mann. Was aber Kanes letztes Wort, Rosebud, bedeutet, wird der Reporter, dem wir durch den Film folgen, nie erfahren. Denn Kanes geliebtes Rosebud war seine Heimat, eine Heimat, die man nur in einer flüchtigen letzten Einstellung zu sehen bekommt, kurz bevor sie, in Form eines alten Schlittens aus Kindertagen, mit weiteren als wertlos eingestuften Besitztümern Kanes ins Feuer geworfen wird.

Heimat lässt sich fast überall finden 

Dieses Gefühl der Beheimatung habe auch ich in meinem letzten Roman, "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit", beschrieben. Ich erzähle von dem, was Heimat und eine emotionale Topografie ausmachen könnte. Rosebud nimmt bei jedem eigene Formen an. Manchmal wache ich in der Nacht auf und suche im Dunkeln nach dem einbeinigen hohen Abstelltisch meiner Großmutter, auf dem ein Wasserkrug mit Gläsern stand. Das Wasser im Kristallkrug leuchtete und warf helle Streifen an die Wände. Alles war still und freundlich, ich konnte mich getrost wieder dem Schlaf anvertrauen.  

Nie wieder habe ich die Ruhe dieser Nächte gefunden. Man wächst aus jenem primären Gefühl der Schuldlosigkeit und aus der Geborgenheit der Naivität heraus. Dafür aber wird man zu jemandem, der seine Welt nach dem Bild des verlorenen Paradieses formen kann: Heimat - sie lässt sich fast überall finden.

Dana Grigorcea, Jahrgang 1979,  ist eine schweizerisch-rumänische Schriftstellerin und Philologin. 2011 debütierte sie mit dem Roman "Baba Rada". Zuletzt erschien von ihr 2015 der Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit", der mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr nächstes Werk, "Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen", erscheint im Frühjahr.

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