1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gastkolumne

Mein Europa: Ein Manifest der Sinnlichkeit

Wir sind dauerabgelenkt von den Möglichkeiten der weltumspannenden Kommunikation und nehmen einander kaum mehr wahr, meint die Schriftstellerin Dana Grigorcea. Das gefährdet die Gesellschaften, wie wir sie kennen.

Schriftsteller seien feine Seismographen unserer Gesellschaft, hat die Stadtpräsidentin von Zürich, Corinne Mauch, neulich in einer Würdigung gesagt. Literatur könne so manches erklären und vieles voraussagen. 

Wie treffend diese Einschätzung ist, zeigt das Beispiel George Orwells: Sein Roman "1984" wurde nach dem Skandal um die Orwell'schen "alternative facts", die ein Pressesprecher von Donald Trump den Journalisten im Weißen Haus vorgelegt hat, erneut zum internationalen Bestseller. Auch ich griff wieder zu diesem Buch.    

Beim Lesen musste ich ständig an Orwells Manuskripte denken, und wie die an der Schreibmaschine getippten Seiten in seiner Handschrift redigiert wurden. Fast jede Zeile wurde dabei mit königsblauer Tinte durchgestrichen und neu geschrieben, wahlweise mit roter, dunkelgrüner oder schwarzer Tinte. Man könnte anhand der Manuskriptseiten untersuchen, wie Orwells Gemütslage beim Schreiben war, ob und wann er fest in die Tasten schlug, einen Satz einfach oder mehrmals durchstrich und so fort.

Schnelleres Gleiten durch das Leben 

Orwell hat "1984" in einer Zeit niedergeschrieben, die wohl sinnlicher war als die unsere, in einer vergangenen Zeit also, in der man mit weit mehr Stoffen in Kontakt kam und in der man zum Schreiben, zum Kommunizieren, überhaupt beim Verbreiten von (Selbst-)Botschaften weitaus mehr Körpereinsatz brauchte als in unserem digitalen Zeitalter.

Ich frage mich, ob diese mangelnde Haptik und reduzierte Sinnlichkeit im Alltag, die uns ja gewissermaßen abstumpft - also dieses schnellere Gleiten durch das Leben, das uns die technische Entwicklung ermöglicht hat - uns nicht auch weniger schuldfähig gemacht haben könnte? Eine steile These: Aber unterstützen nicht viele als aufgeklärt geltende Bürger in Europa doch gefährliche Demagogen oder wehren sich in ihrer Wut oder ihrem persönlichen Hass auf die Welt nicht genug gegen verfassungsfeindliche Machtübernahmen?  

George Orwells Roman 1984 (Getty Images/J. Sullivan)

Orwells pessimistische Zukunftsvision ist seit dem Amtsantritt von Donald Trump wieder zum Besteller geworden

Wir können heute viel mehr tun als unsere Vorfahren, nehmen aber, sinnlich gesprochen, persönlich weniger wahr von der Welt, können daher im persönlichen Alltag auch viel weniger überlegt und wenn, dann viel weniger konsequent agieren. Bis jetzt kommen wir damit durch. Obwohl oder weil die Katastrophe über Europa und der Welt gerade erst hereingebrochen ist, 1914, 1939.

Mehr Musik, mehr Begegnungen, mehr Freude 

Wir sind alle dauerabgelenkt von den Möglichkeiten der weltumspannenden Kommunikation, müde und ausgelaugt vom Sortieren der Informationen, die über uns hereinbrechen, sind im entscheidenden Moment abwesend,laut kaspernd in der eigenen Echokammer. Was tun? Oder, wie es Orwell formuliert hätte: WAS TUN? 

Ich bin davon überzeugt, dass uns die Sinnlichkeit retten kann. Wir müssen uns selbst stärker wahrnehmen, einander stärker bemerken. Es braucht Musik, die mehr ist als nur eine private Rundfunkstörung, es braucht Literatur, die mehr ist als nur ausgedörrte Konzeptliteratur, mehr Diskussionen, die keine Metadiskussionen sind, mehr Begegnungen, mehr Sinnlichkeit auch in der Esskultur, mehr Spaziergänge, mehr Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf die tieferen Bedürfnisse, und, ja, auf die Freuden des Lebens.

Dafür bräuchte man in Europa mehr Zeit, könnte man getrost einwenden. Doch schon bei Epiktet steht: "Denn sie wollen das, was zu ihrem Glücke beiträgt, aber sie suchen es, wo es nicht ist."

"Demokratie braucht Müßiggang" 

Im Rumänien meiner Kindheit hatten viele Menschen, die ich kannte, einen jour fixe: Meine Großmutter traf ihre Freundinnen jeden Donnerstag zum Kartenspiel, meine Eltern ihre Kollegen von der Uni jeden Samstag zum quasi-heimlichen Videonachmittag, meine Nachbarin hatte einen Lesezirkel, Sonntagmittag aß man mit Freunden. Auf dem Land hatte jedes Haus eine Sitzbank vor dem Tor, auf der sich die Nachbarn bis tief in die Nacht unterhielten; im Winter musste man kaum noch den Schnee zwischen den Häusern wegschaufeln, weil die Nachbarn die Wege plattgestampft hielten. Jetzt kennen sich viele Nachbarn nicht mehr, weder in den Städten noch auf dem Land. Und ich kenne niemanden mehr in Rumänien, der einen jour fixe hätte. 

Im Literaturblog Neue Telegramme, den ich mit meinem Mann, dem Schriftsteller Perikles Monioudis, führe, pflegen wir auch ein Format mit Autoreninterviews, das Entre nous heißt. Es besteht aus sieben feststehenden Fragen zum jeweils neuen Buch eines Autoren oder einer Autorin. Wir fragen nach den Themen, Geschichten, Diskursen, die sie zurzeit grundsätzlich interessieren. Darauf antwortete zum Beispiel der österreichische Autor Martin Prinz ganz in meinem Sinne: "Ich spüre, wie die Welt, wie wir sie kennen oder zu kennen glauben, auf der Kippe steht. Ich glaube, dass ein Gutteil der Krise von den Verkürzungen, der Atemlosigkeit und der Marktschreierei unserer Gesellschaft herrührt. Auf dieser Basis kann Demokratie nicht bestehen, damit wird lediglich das Autokratische stärker. Denn Demokratie braucht Müßiggang. Einer der Orte, an dem sich eine solche Freiheit zurückerobern lässt, ist die Literatur."    

Dana Grigorcea, Jahrgang 1979,  ist eine schweizerisch-rumänische Schriftstellerin und Philologin. 2011 debütierte sie mit dem Roman "Baba Rada", den sie auf Deutsch verfasste. Zuletzt erschien von ihr 2015 der Roman "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit".

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links