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Afrika

Mandelas Heimatort hat nicht vom Ruhm profitiert

Während sich Nelson Mandelas Nachfahren vor Gericht streiten, sind die Menschen in seinem Heimatort Qunu ernüchtert. Vergeblich warten sie bisher auf die "Mandela-Dividende". Ludger Schadomsky hat sich umgesehen.

Da ist der Besucher aus Deutschland dann doch überrascht: Während die gesamte Welt Anteil am Schicksal Nelson Mandelas nimmt, zuckt die 19-jährige Pretty nur mit den Schultern. "Ich wusste gar nicht, dass er im Krankenhaus liegt. Wie geht's ihm denn"?

Dabei hat der Reporter Pretty und ihre zwei Tanten nicht irgendwo angetroffen, sondern in Mvezo, dem Geburtsort Mandelas in der abgelegenen und ärmlichen Ostkap-Provinz.

Zwist über das Familiengrab

Zuvor war an einem hohen Stahltor und breitschultrigen Wächtern der Versuch gescheitert, Mandla Mandela zu treffen. Der 39-Jährige ist Nelson Mandelas Enkel, sein ältester männlicher Nachfahre und als Angehöriger des Thembu-Königsgeschlechts Häuptling in Mvezo. Sein Anwesen ist üppig und verfügt seit neuestem über einen eigenen Straßenanschluss.

Straße zum Anwesen von Mandla Mandela in Qunu (Foto: Ludger Schadomsky/DW) Copyright: DW/Ludger Schadomsky

Kein Durchlass für Journalisten zu Mandla Mandelas Anwesen

Mandla ist offiziell Sprecher der Mandelas, liegt aber mit der gesamten Familie im Clinch. Gegen deren Willen hatte er vor zwei Jahren die sterblichen Überreste der drei in Qunu begrabenen Kinder Nelson Mandelas in seinen Hof in Mvezo umbetten lassen. Nun wurde per Gerichtsbeschluss verfügt, dass die Gebeine ins Familiengrab nach Qunu zurückgebracht werden müssen - so wie es Mandela wohl auch in seinem Testament verfügt hat.

Der offen ausgetragene Streit verstört die Menschen in dieser ländlichen, sehr traditionellen Region. Hier haben noch lokale Chiefs das Sagen und heilkundige Sangomas rufen regelmäßig die Ahnen an. "Nein, das gehört sich nicht", schüttelt Luthando Mzizi den Kopf. "Über den Tod wird in der Familie gesprochen, nicht öffentlich."

Geschäftsmann Luthanda Mazizi (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Verdankt Mandela viel - Geschäftsmann Luthanda Mazizi

Der 43-Jährige ist ins Mandela-Museum nach Qunu gekommen, um seinem "Tata" (Vater) Respekt zu erweisen. Luthando Mzizi hat seit der südafrikanischen Wende 1994 eine börsennotierte Firma mit 50 Beschäftigten aufgebaut: "Das habe ich nur Mandela zu verdanken, der uns Schwarze befreit und uns solche Perspektiven eröffnet hat", so Mzizi. "Deshalb mache ich ihm heute in seinem Museum meine Aufwartung." Der Geschäftsmann hat vom Programm des "Black Economic Empowerment" (BEE) der Regierung profitiert, das die frühere Diskriminierung Schwarzer und den daraus resultierenden heutigen Wettbewerbsnachteil vor allem im Geschäftsleben ausgleichen will. Junge weiße Südafrikaner fühlen sich davon heute benachteiligt.

Dennoch pilgern auch Weiße zur Mandela-Stätte: Lisa Copeland ist mit ihren drei Kindern aus dem fernen Kapstadt gekommen. Die sechsjährige Olivia erzählt aufgeregt, dass Mandela in ihrem Alter schon Tiere gehütet habe: "Ich hoffe, dass er wieder gesund wird." Mutter Lisa erklärt: "Ich wollte, dass meine Kinder später ihren Kindern erzählen können, sie hätten Madiba noch zu Lebzeiten in seinem Heimatdorf besucht."

Vom Museum aus erreicht der Besucher in 30 Minuten jene Felsenrutsche, auf der Mandela als Kind auf dem Hosenboden zu Tal sauste - die blankpolierte Steinpiste zeugt davon, wie gefährlich die Rutschpartie war.

Lisa Copeland und ihre sechsjährige Tochter Olivia (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Besucher aus Kapstadt - Lisa Copeland und ihre sechsjährige Tochter Olivia

Trügerische Idylle

In der Nachbarschaft lassen Hirten auf sanften grünen Hügeln ihre Ziegen weiden - wie einst in den 1920er Jahren der fünfjährige Mandela. "Es war eine glückliche Kindheit", schreibt Mandela in seiner Biographie.

Unbeschwert war sie - denn Mandelas Ziehvater war ein einflussreicher Thembu-Häuptling. Er genoss Privilegien, von denen Jugendliche in Qunu heute nur träumen können.

Alkoholfahne und rotgeränderte Augen, Zeichen des heftigen Konsums von Haschisch, das hier angebaut wird und Dagga heißt, verraten drei arbeitslose Jugendliche. Immer größer wird das Heer perspektivloser Jugendlicher in Südafrika. Die drei hängen in Sichtweite des Mandela-Museums an einem Kiosk ab. Er gehört einem in Qunu gestrandeten Pakistaner, der weder Englisch noch Xhosa spricht. Plastik-, Kekstüten und Softdrink-Flaschen liegen verstreut. "Drei Zigaretten“ gestikulieren die drei Youngster an der Ladentheke. Ihr Geld reicht nicht für eine ganze Schachtel.

Junge Bewohner von Qunu (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Arbeitslose Jugend in Qunu

"Madiba darf nicht sterben, wir alle hier lieben ihn. Er muss zurückkommen und uns Arbeitsplätze verschaffen", sagt Wortführer Imonti. Der gegenwärtige Präsident ziehe ja alles Geld ab, schimpft er - eine Anspielung auf die Korruptionsskandale um Jacob Zuma, ein Zulu, der vom Xhosa-Volk am Ostkap mit historischem Argwohn betrachtet wird. Sein Freund neben ihm hat 2002 die Schule abgeschlossen, "seitdem habe ich nur ab und an mal Aushilfsjobs gemacht". Ob der Besucher wohl etwas Dagga kaufen möchte, fragt er in der Hoffnung auf ein kleines Geschäft. Doch der lehnt dankend ab.

Ort der Ruhe - trotz der Bagger

Unweit der Nationalstraße N 2 erhebt sich der pastellfarbene, mit Bäumen abgeschirmte Altersruhesitz Mandelas. Polizisten durchsuchen einfahrende Lieferwagen, ansonsten ist es unerwartet ruhig vor dem Anwesen. Spekulationen ranken sich um die gewaltigen Bagger, die hier seit Wochen die Erde durchpflügen.

Mandelas Haus (Foto: Ludger Schadomsky/DW)

Die Heerscharen von Journalisten vor Mandelas Haus sind inzwischen verschwunden

Handelt es sich um Routinearbeiten für den notorisch staugeplagten Straßenabschnitt? Oder doch schon um Vorbereitungen für ein Staatsbegräbnis mit Hunderten Gästen aus aller Welt? Äußern will sich dazu niemand.

Frühzeitiger Abschied von Qunu: Fragen bleiben offen, der Rückweg ist lang und bei Dunkelheit lebensgefährlich. Die einzige Tankstelle ist dicht belagert, um Mitternacht werden die Benzinpreise angehoben. Wer kann, tankt schnell noch voll. Das sind die Alltagssorgen in Mandelas Heimatprovinz, während er todkrank in der Klinik liegt und seine Familie um Grabplätze und Millionen streitet. Vergebens appellierte das Königshaus der Thembu, den Familienkrieg zu beenden: Nur im Frieden werde Madibas Geist erlöst.

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