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Ausstellung

Luther menschlich: Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen"

In Wittenberg, dem geografischen Kernpunkt der Reformation, zeigt eine besondere Schau den Protagonisten von seiner menschlichen Seite, dazu Personen, die von ihm beeinflusst wurden, und historische Kostbarkeiten.

Aller guten Dinge sind drei, heißt es. In der Tat sind es drei herausragende Nationale Ausstellungen, die sich 2017 anschicken, die Besucher mit 500 Jahren Reformation in ihren Bann zu ziehen: Die Berliner Ausstellung "Der Luther-Effekt" nimmt den internationalen Protestantismus in den Blick. Die Schau auf der Wartburg bei Eisenach zeigt die Beziehung Luthers zu den Deutschen. Und am 13. Mai startete in Luthers Hauptwirkungsort Wittenberg "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen".

Denkwürdiger Ausstellungsort

Gezeigt wird diese Ausstellung im Wittenberger Augusteum, gewissermaßen dem Epizentrum revolutionärer Veränderungen vor einem halben Jahrtausend. Es ist der Ort, an dem der Reformator lehrte, lebte, litt und liebte. "Das Augusteum ist das Vordergebäude zum Lutherhaus. Es ist ein Universitätsgebäude, das zu Beginn der 1580er Jahre errichtet worden ist", erzählt Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und Kurator der Schau. Auf rund 1200 Quadratmetern in einem der am besten erhaltenen Universitätsgebäude Deutschlands will Rhein zunächst "den jungen Menschen Martin Luther auf dem Weg zur Reformation begleiten".

Wie sah Luthers Kinder- und Jugendzeit aus? Welche religiösen Vorstellungen und Ängste haben ihn geprägt? Mit welchen Gedanken hat er sich auseinandergesetzt? Und dann auch das: "Wie kommt es, dass sich ein Mansfelder, der aus der Familie Luder stammt, ab dem 31. Oktober 1517 Martin Luther nennt. Dieser Tag des Thesenanschlags ist nicht nur ein weltgeschichtlicher, sondern auch ein biografischer Bruch", sagt Stefan Rhein im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Exponate, die es in sich haben

Deutschland Ausstellung LUTHER! 95 SCHÄTZE – 95 MENSCHEN | (Tim Hufnagl)

Blick in die Ausstelung

Das Umsetzen der Schau sei nicht einfach gewesen, gesteht der Kurator, "denn die Reformation ist ein Text-Ereignis" gewesen. Doch vieles von dem, was Luther geprägt hat, könne man eindrucksvoll in der Bilderwelt des Spätmittelalters zeigen. Und so gehört zu den Exponaten auch ein sogenanntes Pritschenbrett, mit dem in Mansfeld Schüler gezüchtigt wurden. Vielleicht ein Grund dafür, dass Luther sich später für eine offene Pädagogik eingesetzt habe, mutmaßt Rhein.

Besonders stolz ist er auf zwei Glanzstücke aus Papier. Das eine gibt Antwort auf die Frage, ob der Thesenanschlag historisch oder fiktiv ist: "Wir präsentieren eine Notiz von Georg Rörer, einem engen Mitarbeiter Luthers. Auf dem Schlussblatt einer Bibel schreibt er: 'Am Vorabend zu Allerheiligen sind von Martin Luther Thesen an die Tür der Wittenberger Kirchen geheftet worden.'"

Ein Brief Luthers, verfasst an jenem besagten Tag, also dem 31. Oktober 1517, ist für Kurator Rhein das absolute Highlight der Schau. Der liegt sonst in einem Stockholmer Archiv und wird normalerweise nicht öffentlich gezeigt. "Das ist die Geburtsurkunde des Reformators Martin Luther. Den Brief schreibt Luther an Erzbischof Albrecht, den wichtigsten Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland. Er kritisiert darin den Ablasshandel und legt ihm die 95 Thesen gegen die Praxis des Ablasshandels bei."

95 Typen und Charaktere

Die 95 historischen Schätze sind aber nur die eine Hälfte der Ausstellung. Nicht minder spannend ist sie, wenn sie 95 Menschen aus fünf Jahrhunderten vorstellt, die von Luther beeinflusst wurden oder die sich an ihm gerieben haben. "Die Wirkungsgeschichte Luthers wird zumeist in Epochen erzählt. Wir wollen einen anderen Weg gehen und den Menschen Luther in Gespräche mit anderen Menschen verwickeln."  Also wurde dessen Wirkungsgeschichte auf die besagten 95 internationalen Menschen herunter gebrochen. "Wir haben mit ihnen so eine Art Gipfelgespräch mit Luther zu Themen wie Arbeit, Dienst, Freiheit oder Gemeinschaft geschaffen", erzählt der Kurator.

Deutschland Ausstellung LUTHER! 95 SCHÄTZE – 95 MENSCHEN | Plakat zur Ausstellung Reiner Haseloff (picture alliance/dpa/P. Förster) Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff vor dem Plakat der Ausstellung

Sogar Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff wirbt für die Schau

Dazu gehören natürlich Leute, die man erwarten kann: der Komponist Johann Sebastian Bach, der Liederdichter Paul Gerhardt oder der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Aber: "Wer weiß schon, dass ein Filmemacher wie Pier Paolo Pasolini "Lettere luterane" geschrieben hat, sich also als Rebell in die Tradition Luthers stellt?", fragt Stefan Rhein. "Wir zeigen auch erstmals das Luther-Bild, das der große Verleger Axel Springer ständig in seinem Arbeitszimmer hängen hatte, weil er sich ganz eng mit Luther verbunden fühlte."

Allerdings sind nicht allein Bewunderer Luthers ausgesucht worden. Rhein unterstreicht gegenüber der DW: "Wir betreiben da keine Heroen-Verehrung, sondern da sind auch kritische Stimmen dabei." Wie etwa der Schriftsteller Thomas Mann, der den Reformator mitverantwortlich machte für die deutsche Katastrophe im Zweiten Weltkrieg. "Oder – ganz schlimm – Leute, die Luther instrumentalisiert haben, wie der NS-Politiker Julius Streicher, der im Nürnberger Prozess sagte: 'Eigentlich müsste nicht ich hier auf der Anklagebank sitzen, sondern Luther.' Streicher meinte seinen Antisemitismus mit dem Antijudaismus Luthers entschuldigen zu können."

Besucher aus aller Welt

Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und Kurator der Schau

Kurator Dr. Stefan Rhein in seinem Metier

Wittenberg – vor 500 Jahren gewissermaßen der Nabel der Welt – war für wenige Jahre Schauplatz spannender Ereignisse an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit. Die Nationale Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze – 95 Menschen" fängt vieles davon ein und von dem, was sich daraus entwickelte. Die 319 Exponate wurden von 145 Leihgebern zur Verfügung gestellt und kommen aus 21 Ländern.

Prognosen zur Besucherzahl möchte Kurator Stefan Rhein nicht wagen. Er ist sich aber schon heute sicher, dass bis zum 5. November 2017 neben den Deutschen besonders viele US-Amerikaner und Südkoreaner den Ereignissen im Epizentrum der Reformation nachspüren werden. In beiden Ländern gebe es zahlreiche evangelische Christen, und die Bürger beider Nationen seien ausgesprochen reisefreudig.

TV-Thementag: 500 Jahre Reformation. Alles rund um Martin Luther und die Reformation am 31.10.2017 einen ganzen Tag lang bei DW Deutsch und in unserem Online-Special auf dw.com/kultur. Beginn 6 Uhr UTC (7 Uhr MEZ). Livestream: http://www.dw.com/de/media-center/live-tv/s-100817

 

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