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Kultur

Lotte Cohn, eine Pionierin der Architektur

Sie wuchs im zionistischen Milieu Berlins auf und war maßgeblich am Aufbau des modernen Israel beteiligt. Nun würdigen die Jüdischen Kulturtage die Architektin Lotte Cohn mit einer Ausstellung.

Pressebild Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Apartmenthaus in Tel Aviv

Die Fotos, die sich im kreisrunden Ausstellungsraum des Centrum Judaicum aneinander reihen, sind schwarz-weiß und zeigen Bilder aus einer anderen Zeit: Israel als Baustelle, ein Land im Werden. Fünf Jahrzehnte lang hat die gebürtige Berlinerin Lotte Cohn die Architektur des Landes maßgeblich mitgeprägt. Und doch ist diese bemerkenswerte Baumeisterin nach ihrem Tod im Jahre 1983 zunehmend in Vergessenheit geraten. In Deutschland und in Israel. Ines Sonder, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, ist nun ihre Wiederentdeckung zu verdanken. Denn im Rahmen ihrer Promotion stieß sie in verschiedenen Nachlässen in Jerusalem immer wieder auf Lotte Cohns Namen. Und irgendwann wollte sie wissen, wer diese Frau war, die bereits 1921 nach Palästina gegangen ist. Freiwillig, nicht als Emigrantin.

Untypischer Bildungsweg

Pressebild Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Lotte Cohn

Lotte Cohn war Zionistin. Infolge antisemitischer Verleumdungen gegen ihren Vater, den Berliner Arzt Bernhard Cohn, waren alle Familienmitglieder früh zu Anhängern Theodor Herzls geworden. Als sie dann gerade mal sechzehn Jahre alt war, stand für Lotte fest, dass sie nach Palästina gehen würde. Sie wollte sich am ‚Aufbau des Judenlandes‘, wie sie selber sagte, aktiv beteiligen. Eine Entscheidung, die Auswirkungen auf ihre Berufswahl haben sollte. Denn Lotte Cohn wählte die Architektur als Fachgebiet, was seinerzeit ziemlich unüblich war. Als sich die junge Frau im Jahre 1912 an der Technischen Hochschule Charlottenburg immatrikulierte, war sie gerade mal die vierte ordentlich eingeschriebene Architekturstudentin überhaupt. Erst drei Jahre zuvor hatte Preußen als letztes deutsches Land seine technischen Hochschulen für Frauen geöffnet.

Baumeisterin in Israel

Lotte Cohn war eine Pionierin, und sie muss eine ungewöhnliche Frau gewesen sein. Mutig, entschieden und durchsetzungsfähig. Mitten im Ersten Weltkrieg, 1916, schloss sie ihr Studium ab, sammelt dann erste praktische Erfahrungen beim Wiederaufbau zerstörter Dörfer in Ostpreussen und erhielt 1921 schließlich den Ruf, in Jerusalem als Assistentin des renommierten Architekten Richard Kaufmann zu wirken. Damit wurde sie zur ersten Frau, die prägend am Aufbau Palästinas beteiligt war. Lotte Cohn plante Schulen und landwirtschaftliche Genossenschaftssiedlungen, Wohnhäuser, Kliniken, Ställe und Kinderhäuser für Kibbuzim. Und spätestens seit Ende der Zwanziger Jahre hat sie sich dabei deutlich von modernen Strömungen in der Architektur beeinflussen lassen.

Eingewanderte Moderne

Pressebild Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Lotte Cohn Landwirtschaftliche Mädchenschule

Von Entwicklungen in Europa haben die jungen Architekten in Palästina aus Zeitschriften und bei Besuchen erfahren. Und sie haben sich mit den neuen Strömungen, insbesondere der Philosophie des Bauhauses, intensiv auseinandergesetzt und sie dann zu einer regional sinnvollen Formensprache weiter entwickelt. Lotte Cohn, seit 1931 mit eigenem Büro in Tel Aviv lebend, erwies sich dabei als Meisterin, sie paarte neue Sachlichkeit mit orientalischen Stilelementen wie vielseitig nutzbaren Flachdächern oder Luftschlitzen in den Gebäuden und entwickelte so eine eigene Formensprache. ‚Wir gingen daran, unsere Welt zu formen‘, hat sie diese Ausprägung eines jüdischen National- oder Heimatstils einmal umschrieben.

Bedarfsgerechtes Bauen

In Jerusalem errichtete Lotte Cohn das Gewerkschaftshaus, am Strand von Tel Aviv die berühmte Pension ‚Käthe Dan‘ und in den dreißiger Jahren entstanden dann schwerpunktmäßig Häuser für Flüchtlinge aus Nazideutschland – möbelfreie Häuser, wie sie seinerzeit von mehreren Architekten entworfen wurden. Ihre gesamte Einrichtung konnten Migranten nicht mitbringen, aber sie sollten schön und praktisch wohnen. Dazu sollten Wohnküchen, Einbauschränke und Durchreichen beitragen. In einem dieser Häuser lebte von 1936 bis zu seinem Tod im Jahre 1982 der Religionshistoriker Gershom Scholem.

Erlebbares Werk

Pressebild Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Hotelpension „Kaete Dan“ am Strand von Tel Aviv

Lotte Cohn hat ihre Arbeit nicht systematisch dokumentiert, sie hat nach ihrem Tod im Jahre 1983 kein Konvolut von Plänen und Skizzen hinterlassen. Ihren verstreuten Nachlass hat die Potsdamer Wissenschaftlerin Ines Sonder schließlich mühsam zusammengetragen. Einen ersten Einblick in Leben und Werk der Architektin ermöglicht nun die von Ines Sonder kuratierte Ausstellung ‚Lotte Cohn – Baumeisterin im Land Israel‘, die im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin im Centrum Judaicum zu sehen ist. Ausführlichere Informationen verspricht eine von Ines Sonder verfasste Biografie, die im November im Suhrkamp Verlag erscheinen soll.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Gudrun Stegen

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