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Europa

Kroaten zwischen EU-Euphorie und Apathie

Kroatien soll ab 2013 Mitglied der EU werden. Doch mit dem Beitritt sind nicht nur Vorteile, sondern auch Verpflichtungen verbunden. Daher schwankt die Begeisterung der Kroaten für die Europäische Union.

Kroatische Fahne neben EU-Flagge (Foto: DW)

Mitglied Nr. 28: Kroatien nach einem EU-Beitritt 2013

Er spielte eine wichtige Rolle in dem Beitrittsverfahren Kroatiens in die EU: der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Denn erst als die damalige Chefanklägerin Carla del Ponte bestätigte, dass die kroatische Regierung mit dem Kriegsverbrechertribunal kooperiert, durfte das kroatische Verhandlungsteam 2005 nach Brüssel reisen. Und so hat schon von Anfang an das Haager Tribunal auch das Verhältnis der Kroaten zur EU mitbestimmt.

Die EU forderte, dass kroatische Behörden große Bereitschaft zeigen, die Politiker und Soldaten auszuliefern, die beschuldigt wurden, während des sogenannten Vaterlandskrieges von 1991 bis 1995 Kriegsverbrechen verübt zu haben. Ein Großteil der Bevölkerung war und ist aber nach wie vor davon überzeugt, dass Kroatien in diesem Krieg sein Territorium und seine Unabhängigkeit erfolgreich verteidigt hat, und dass man seine Helden nicht dem Haager Tribunal ausliefern sollte.

Stolz und Vorurteile

Ante Gotovina (Foto: dpa)

Für die einen immer noch ein Held: der verurteilte Kriegsverbrecher Gotovina

So war beispielsweise die Unterstützung für einen EU-Beitritt besonders niedrig, als man General Ante Gotovina verhaftete und im April 2011 zu einer Gefängnisstrafe von 24 Jahren verurteilte - die Zustimmung zur EU fiel von 53 Prozent im Vorjahr auf 44 Prozent im Mai dieses Jahres. Zurzeit, so aktuelle Meinungsumfragen, ist man wieder bei etwa 50 Prozent.

Beobachter erwarten, dass dieser positive Trend sich weiter fortsetzt, und dabei half nicht zuletzt Papst Benedikt XVI bei seinem jüngsten Besuch in Kroatien: "Es ist logisch, gerecht und notwendig, dass Kroatien der EU beitritt", sagte der Papst vor mehreren Hunderttausend Gläubigen in Zagreb. Über 80 Prozent der Kroaten bezeichnen sich als Katholiken.

Allerdings beklagen die Kritiker, diese Meinungsänderung sei vor allem Ausdruck einer momentanen Stimmung - besonders gut und gründlich informiert über die Vor- und Nachteile der EU-Mitgliedschaft sei der Großteil der Bevölkerung nach wie vor nicht. Die Regierungen hätten in der Vergangenheit versäumt, den Menschen gute und zuverlässige Informationen zu liefern und zahlreiche Euroskeptiker nutzten das für die Verbreitung von Vorurteilen und Halbwahrheiten. So schürte man etwa die Angst, nach dem Beitritt werde Kroatien die Souveränität über sein Meer und die Küste verlieren oder die Kroaten würden wegen der strengen EU-Lebensmittelrichtlinien künftig nicht mehr ihre traditionellen und liebgewonnenen Speisen und Getränke genießen dürfen.

Gleichzeitig aber glaubt die Mehrheit der Kroaten, dass ihr Land selbstverständlich in die EU gehört - nicht nur wegen der geographischen Lage, sondern vor allem wegen des kulturellen Hintergrunds: Man sah sich schon immer als ein Teil der "westlichen und christlichen Zivilisation". Zudem würde die EU-Mitgliedschaft Kroatien noch weiter von den anderen Ländern auf dem Gebiet des früheren Jugoslawiens - etwa Serbien, Bosnien und Herzegowina oder Mazedonien - abheben und eine Überlegenheit ihrer Nation "den Balkanesen" gegenüber unterstreichen.

Ängste vor Veränderungen

Am Anfang der Beitrittsverhandlungen war die Stimmung in Kroatien noch euphorisch. Man fühlte sich fast am Ziel. Viele Menschen glaubten, nach dem Beitritt in die EU werde Kroatien ein Land, in dem Milch und Honig fließen werden. Inzwischen sehen die Kroaten dies nüchterner und auch die Befürworter des Beitritts haben Angst vor kommenden Veränderungen. Schon sowieso verarmte Bürger befürchten, ihre wirtschaftliche Lage werde sich noch verschlimmern. "Wir werden europäische Preise haben und kroatische Gehälter." Zurzeit beträgt der Durchschnittslohn in Kroatien etwa 730 Euro. Die Arbeitslosenquote stagniert bei 18 Prozent.

Markt in Zagreb (Foto Ognjen Alujevic)

Bleiben kroatische Produkte auch nach einem EU-Beitritt konkurrenzfähig?

Außerdem befürchten viele Einschnitte in der Landwirtschaft. Sie wird zum großen Teil vom Staat subventioniert, was die EU-Kommission aber nicht erlaubt. Ähnlich ist es auch beim Schiffsbau. Daher überrascht nicht, dass gerade die Landwirte und Beschäftigte in den Werften zu den stärksten Gegnern der EU-Mitgliedschaft gehören.

Verbreitet ist auch die Befürchtung, dass das Land durch die Liberalisierung des Marktes und durch Privatisierungen gezwungen sein könnte, seine Inseln, Wälder und Wasserwege an Ausländer zu verkaufen. Man sorgt sich auch um die Konkurrenzfähigkeit der heimischen Produkte, insbesondere aus der Landwirtschaft.

Mehr Geld aus europäischen Kassen

Solche Befürchtungen sind aber keine kroatische Besonderheit. Ähnlich war es auch in vielen anderen Ländern, bevor sie der EU beitraten. So erinnern die Befürworter des kroatischen Beitritts, dass in Finnland anfangs ähnlich wenige Bürger diesen Schritt befürworteten, während heute die Zustimmung mehr als 70 Prozent betrage. Und auch die Landwirte in Polen seien früher vehement dagegen gewesen, während sie heute zu den großen Befürwortern der EU gehörten.

Koffer mit Euro-Scheinen (Foto: Bilderbox)

Geldsegen aus der EU?

Wenn sie über ihre positiven Erwartungen sprechen, denken die meisten Kroaten einerseits an uneingeschränkte Reisefreiheit und andererseits an die Möglichkeiten, die die Entwicklungsfonds der EU bieten. Schätzungen zufolge könnte Kroatien nach dem Beitritt in die EU sogar 15 Mal mehr Geld für die strukturelle Anpassung bekommen als das jetzt der Fall ist - bis zu 1,6 Billionen Euro sogar schon im Jahr 2013.

Große Erwartungen hat man aber auch an weitere politische Reformen, die nach dem Beitritt fortgesetzt werden müssen. So hofft man, dass Brüssel Druck ausüben wird, entschiedener gegen die Korruption vorzugehen, und beim Abbau der immensen Staatsschulden helfen kann.

Ende des Jahres sollen die Kroaten in einem Referendum über die Mitgliedschaft in der EU abstimmen. Befürworter glauben, die besseren Argumente zu haben. Umfragen zufolge, könnte es aber eng werden. Noch viel Überzeugungs- und Informationsarbeit wird nötig sein.

Autor: Sinisa Bogdanic, Zagreb
Redaktion: Zoran Arbutina/Sabine Faber

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