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Fokus Südosteuropa

Kriegsverbrecherprozess spaltet Kroatien

Zwei hochrangige kroatische Generäle sind wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Die kroatische Gesellschaft ist indes gespalten. Einerseits befürwortet sie Kriegsverbrecher-Prozesse, andererseits feiert es seine Helden.

Kroatischer Ex-General Ante Gotovina, re., bei der Urteilsverkündung des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien am 15. April 2011 in Den Haag (Foto: AP/dapd)

Ante Gotovina muss 24 Jahre Haft verbüßen

In Kroatien gilt die militärische Operation gemeinhin als eine Befreiungsaktion von serbischen Aufständischen, die die Unabhängigkeit Kroatiens nicht akzeptieren wollten. Dass bei der Befreiungsaktion keine Kriegsverbrechen begangen worden seien, glauben die meisten Kroaten. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage bestätigt diese Annahme. Danach glauben 60 Prozent der Bevölkerung an einen Freispruch für die Angeklagten. Veteranenverbände waren dagegen weniger optimistisch. Sie hatten schon im Vorfeld der Urteilsverkündung Proteste angekündigt. Die Veteranen fürchten, dass Urteile und Haftstrafen die Aktion "Sturm" zu einem verbrecherischen Vorgehen herabsetzen. Bürgerrechtler betrachten Kriegsverbrecherprozesse wie den gegen einen gefeierten Helden wie Gotovina vielschichtiger. Sie sehen darin eher eine Chance für alle Beteiligten, sich der Vergangenheit zu stellen und zu verzeihen. Eine Verurteilung ist für Friedensaktivisten eher ein Anreiz, weitere Kriegsverbrecherprozesse in Ex-Jugoslawien durchzuführen und so die kriegerische Vergangenheit aufzuarbeiten und zu bewältigen.

Zwischen Zweifel und Zustimmung

Friedensaktivisten Vesna Terselic aus Kroatien (Foto: picture alliance / dpa)

Vesna Terselic setzt auf Vergangenheitsbewältigung

Die Leiterin der NGO "Documenta - Zentrum für Vergangenheitsbewältigung" Vesna Terselic sagt, die kroatische Gesellschaft sei gespalten hinsichtlich der Prozesse vor dem Internationalen Jugoslawien-Tribunal. Aber auch in weiteren Punkten. Dies stützten auch Meinungsumfragen aus dem Jahr 2006, nach denen 60 Prozent der Kroaten Kriegsverbrecherprozesse befürworteten. Unabhängig davon, wer sie begangen hat oder welcher Nationalität die Opfer angehörten. Handelt es sich indes um konkrete Kriegsverbrecherprozesse gegen Serben, die Kriegsverbrechen an Kroaten verübt haben, stellen sich die meisten auf die Seite ihrer Landsleute und gegen den "serbischen Aggressor", wie es häufig heißt, wenn vom Kroatien-Krieg die Rede ist.

Bei Kriegsverbrecher-Prozessen gegen Kroaten werde die Neutralität des Tribunals in Frage gestellt, sagt Terselic. Den Kroaten entgehe dabei, dass die kroatischen Gerichte jährlich rund 20 Prozesse durchführen, um die Schuld zu individualisieren. Während und nach der Aktion "Sturm" seien überwiegend Verbrechen an Zivilisten begangen worden, die geklärt werden müssten. Den Angaben vom kroatischen Helsinki-Komitee zufolge sind damals etwa 600 Menschen getötet worden. Terselic hofft, dass ein Urteil weitere Kriegsverbrecherprozesse in Kroatien vorantreibt. Der Prozess gegen Gotovina und die übrigen Generäle sei auch der letzte große Prozess gegen kroatische Kriegsverbrecher vor dem Haager Tribunal.

Gute und böse Veteranen?

Die Ex-Generäle Ivan Cermak (R) und Mladen Markac (L) (Foto: dpa)

Cermak (R) und Markac (L) haben ein schlechtes Image bei vielen Kroaten

Ex-General Gotovina genieße nach wie vor in der kroatischen Öffentlichkeit große Unterstützung, so Terselic. Dies habe sich in den vergangen Jahren nicht sehr verändert. In der Zeit, als er untergetaucht und vor dem Gesetz auf der Flucht war, wurde er von der kroatischen Bevölkerung als Held gefeiert. Gotovina galt als der meistgesuchte kroatische Kriegsverbrecher, bevor er im Dezember 2005 auf Teneriffa verhaftet wurde. Damals sympathisierten viele Kroaten mit ihm. Und dies sei auch heute noch so, meint Terselic. Die beiden anderen Angeklagten, Cermak und Markac, dagegen erhielten keine so umfangreiche Unterstützung. Viele Kroaten glaubten nicht an ihre Unschuld und gingen davon aus, dass sie die Verbrechen, die ihnen zur Last gelegt werden, auch begangen haben. Dass wenige Kriegsverbrecherprozesse in Kroatien durchgeführt wurden, sei den nicht ausreichenden Ermittlungen der Polizei geschuldet.

Mehrere Blickwinkel

Kinder vor einer Mauer mit Mineneinschlägen (Grafik: DW)

Die Kriegswunden sind noch nicht verheilt

Gotovina werde überwiegend von den Kriegsveteranen und ihren Familien unterstützt, erklärt die Friedensaktivistin. Laut Veteranenregister sind das immerhin rund 500.000. Eine enorme Unterstützung – in Kroatien leben etwas mehr als vier Millionen Menschen. Darüber hinaus habe jeder vierte Kroate direkt mit einem Veteranen zu tun. Auch die Politiker in Kroatien zeigten sich parteiisch. Kaum eine Partei habe in den vergangenen Wochen nicht das Haager Tribunal angegriffen und die dort geführten Prozesse als politisch motiviert bezeichnet. An der Meinungsmache beteiligen sich in Kroatien auch die katholischen Bischöfe.

"Dieser Tage gibt es viele, die an die Schwere der Verbrechen erinnern. Aber da gibt es mehrere Blickwinkel. Einerseits heißt es, die Aktion 'Sturm' habe besetztes kroatisches Territorium befreit und die Voraussetzungen geschaffen, dort sicher weiterleben zu können", so Terselic. Die Rückkehr der Kroaten sei ermöglicht worden, die bei den ethnischen Säuberungen 1991 aus diesen Gebieten vertrieben wurden. Andererseits seien mehr als 22.000 Häuser von Serben niedergebrannt, ganze Dörfer und Zivilisten ermordet worden. "Mehr als 150.000 Menschen haben Kroatien verlassen, teils wegen eines Aufrufs der selbsternannten Serbenrepublik, teils aus Angst um die eigene Sicherheit", erinnert Terselic.

Wegen all dieser Vorkommnisse betrachte ein großer Teil der kroatischen Gesellschaft Gotovina unkritisch als Helden. Denn es sei nicht einfach, die Aktion "Sturm" als Befreiungsaktion zu betrachten - und sich zugleich einzugestehen, dass Kriegsverbrechen begangen wurden, die bis heute ihre Spuren hinterlassen haben.

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