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Kommentar: Silvester in Köln - ein Déjà-vu

Was in der Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof geschah, kennen viele muslimische Frauen aus ihren Heimatländern. Das Problem ist offensichtlich und fängt schon mit der Beschneidung an, meint Nalan Sipar.

Beschneidung in der Türkei

Beschneidungsfeier in einer Moschee in Istanbul

"Du musst raus aus diesem Zimmer", sagt der Imam zu mir, bevor er in wenigen Minuten meine Freundin und ihren künftigen Mann nach islamischen Vorschriften trauen wird. "Nein" entgegne ich. "Ich bleibe hier." Wir warten auf den Trauzeugen, der irgendwo im chaotischen Verkehr von Istanbul steckengeblieben ist. Doch weil der Imam gleich zur nächsten Trauung muss, brauchen wir jetzt ganz schnell einen neuen Trauzeugen.

Auf meine Frage, ob nicht ich als Trauzeugin fungieren könne, ernte ich boshafte Blicke des Imams. Schließlich wird der 18-jährige Sohn eines Nachbarn als Trauzeuge verpflichtet, der weder meine Freundin noch ihren künftigen Mann kennt. Doch das ist egal. Hauptsache es bezeugt ein Mann die Eheschließung. Sein Wort gilt. Meines nicht.

Total absurd? Völlig normal!

Die Verachtung, die ich an diesem Tag als Frau erfahren habe, fängt auch in der Türkei schon im Kindesalter an. Während die Beschneidung von Jungs als erster Schritt in die Männlichkeit groß gefeiert wird, bekommt ein Mädchen am ersten Tag ihrer ersten Periode eine "symbolische" Ohrfeige von ihrer Mama. Die Botschaft: "Von heute an bist du eine Frau und hast dich gefälligst zu benehmen!" Die Mutter handelt nach dem gängigen Sprichwort: "Wer seine Tochter nicht schlägt, der schlägt sich selbst aufs Knie." Übersetzt heißt das soviel wie: Die Eltern sind selbst schuld daran, wenn eine Tochter ihnen nicht gehorcht und sie deswegen Kummer haben.

Internationale Volontäre der Deutschen Welle Nalan Sipar

DW-Redakteurin Nalan Sipar ist in Istanbul aufgewachsen und lebt seit ihrem 15. Lebensjahr in Deutschland

Diese Verachtung der Frau in islamischen Gesellschaften steht im Gegensatz zur Gleichheit der Geschlechter, wie sie beispielsweise in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder im deutschen Grundgesetz proklamiert wird. Denn die Frau muss sich zuerst dem Vater, später dem Ehemann und ihr Leben lang den Erwartungen einer ganzen Gesellschaft beugen.

Das Wissen um die gesellschaftlich definierte Schwäche der Frau und die von Kindesbeinen an demonstrierte Stärke des Mannes ermutigt viele Männer, mit Frauen alles zu tun, was sie wollen. Und von genau diesem Hintergrund mit seinen psychischen Auswirkungen sind auch viele der Männer geprägt, die in der Kölner Silvesternacht übergriffig geworden sind. Dabei ist es völlig unerheblich, aus welchen Ländern diese Männer konkret stammen und wie lange und mit welchem Status sie in Deutschland leben. Entscheidend ist, dass wir in Zukunft Diskussionen über solche Prägungen und daraus abgeleitete Rollenbilder führen müssen, um das Problem an der Wurzel zu packen.

Frauen müssen zu Wort kommen

Und dieses Problem kennen am besten jene Frauen, die die ihnen zugewiesenen Rollen in muslimisch geprägten Gesellschaften hinterfragen und kritisieren. Frauen, für die die Kölner Übergriffe nicht Neues sind. Weil sie solches Verhalten auch schon vom Taksim-Platz in Istanbul und dem Tahrir-Platz in Kairo kennen. Frauen, die über die geschlechterspezifischen Verhältnisse in ihren Gesellschaften nicht schweigen.

Um es klarzustellen: Jeder Mensch hat das Recht auf ein friedliches Leben. Es geht nicht um die pauschale Abwehr von Zuwanderern aus islamischen Ländern. Natürlich verdienen Menschen, die aus Kriegsgebieten fliehen unsere Unterstützung und Solidarität - vor allem Familien und Frauen mit Kindern. Diese Kinder haben nichts verschuldet und es ist unsere menschliche Pflicht ihnen zu helfen.

Klartext reden

Doch es gibt offenkundig auch Probleme, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen. Und weil die Zuwanderung über diese Distanz in dieser Dimension historisch ohne Beispiel ist, gibt es niemanden, den wir zu Risiken und Nebenwirkungen befragen könnten. Wir müssen uns jedoch davor hüten, die Welt nur schwarz oder weiß einzuteilen. Nein, die Welt ist kompliziert und jeder Mensch ist individuell verschieden.

Die Silvesternacht von Köln hat deutlich gemacht: Wir müssen mehr denn je Klartext miteinander reden. Jedoch ohne uns gleich gegenseitig als islamophob oder rassistisch abzustempeln. Wir müssen die Sorgen und Ängste aller Menschen ernst nehmen. Das ist absolut notwendig, wenn wir das Erbe der Aufklärung, deren Früchte wir in Europa gerne und täglich genießen, nicht gefährden wollen.