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Standpunkt

Kommentar: Lateinamerikanische Lektionen aus der US-Wahl

Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten hat immerhin ein Gutes: Sie räumt mit zahlreichen Vorurteilen und Missverständnissen auf und könnte Lateinamerika am Ende sogar mehr Selbstbewusstsein geben, meint Uta Thofern.

Mexiko Migranten Zug USA (Getty Images/J. Moore)

Das Angstbild von Donald Trump: illegale Migranten auf einem Zug in Mexiko unterwegs in Richtung USA

Aus diesem Wahlergebnis sind einige Lehren zu ziehen. Die erste ist für viele offenbar eine große Überraschung: Latinos sind nicht gleich Latinos. Die berühmte "latino vote", von der so viele hofften, sie würde Trump verhindern, hat in dieser Form nicht stattgefunden. Diese Erwartung allein offenbart übrigens schon ein Vorurteil: Denn dass fast ein Drittel der US-Wähler mit hispanischen Wurzeln für den Republikaner stimmten, hat den einfachen Grund, dass auch diese Leute unterschiedliche Meinungen haben - je nach ihrem persönlichen Hintergrund und ihrer Lebenssituation.

Ein illegal eingewanderter Mexikaner, dem jetzt die Abschiebung droht, sieht Trump ganz anders als ein alteingesessener mexikanischer Unternehmer mit gesichertem Aufenthaltsstatus, aus dessen Sicht das sprichwörtliche Boot voll ist, weil er ja schon drin sitzt. Kubaner, die vor dem Castro-Regime geflohen sind, und Venezolaner, die in jüngster Zeit massenhaft der bolivarischen Sozialismus-Variante in ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben, sehen die Dialogpolitik der bisherigen US-Regierung zum Teil äußerst kritisch.

Mexiko, das Land, dem Trump vielfach drohte

Die zweite Lektion betrifft Mexiko, und sie hat viele Aspekte: Erstens wird Trump tatsächlich alles daran setzen, seine von vielen als unrealistische Wahlkampfrhetorik  betrachtete Drohung umzusetzen und die Grenze zum Nachbarland zu einer undurchdringlichen Mauer auszubauen. Zweitens wird Mexiko diese Mauer wohl tatsächlich bezahlen müssen, trotz Präsident Peña Nietos eiliger Bekundungen seiner Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Trump.

Thofern Uta Kommentarbild App

Uta Thofern leitet die Lateinamerika-Programme der DW

Die US-Regierung hat viele Möglichkeiten, Mexiko bluten zu lassen - auch ohne dass die Kosten für die Mauer aus dem mexikanischen Staatshaushalt überwiesen werden. Und ja, Mexikos Wirtschaft wird fürchterlich leiden: Der Einbruch des Pesos nach der Wahl weist den Weg. Aber die wirtschaftliche Abhängigkeit ist nicht einseitig. Höhere Preise für mexikanische Produkte oder weniger Exporte nach Mexiko - immerhin Handelspartner Nummer 2 der USA - schaden auch der US-Wirtschaft. Aber Mexiko hat Alternativen, zum Beispiel in Asien, aber auch in Europa und natürlich auch in Lateinamerika. Mexiko als Industrieland kann das schaffen.

Alternativen hat - und das ist eine weitere Lektion - inzwischen auch Kuba. Trump wird das Tauwetter zwischen Havanna und Washington ganz sicher beenden, das ist er schon seinen kubanischen Wählern in Florida schuldig. Aber auch ihm wird es nicht gelingen, die Uhr sofort komplett zurück zu drehen. Wenn die kubanische Führung  jetzt geschickt agiert, werden europäische, chinesische und natürlich russische Investoren vielen US-Unternehmern ein Geschäft wegnehmen, auf das sie sich schon gefreut hatten. Kuba gilt übrigens auch als Einfallstor für weitere Märkte in Lateinamerika. Einschüchtern lässt sich der Inselstaat jedenfalls nicht: Nach Trumps Sieg verkündete die Parteizeitung sofort ein einwöchiges Militärmanöver.

Amerika ist viel größer als die USA

Südamerika beginnt erst südlich von Mittelamerika und besteht allein aus zwölf Staaten. Und das könnte zumindest für Donald Trump etwas Neues sein, denn konkrete Pläne hat man von ihm nur zu einem Land gehört: Er will die venezolanische Opposition unterstützen - was an sich nicht verwerflich ist, aber den gerade zaghaft beginnenden Dialog im Lande gefährden könnte. Mit Argentiniens Präsident Macri hat er früher einmal, nicht sonderlich erfolgreich, Geschäfte gemacht. Vielleicht nicht die richtige Erfahrung um die wirtschaftlichen Chancen zu sehen, die sich allein in Argentinien und Brasilien gerade ergeben. Aber auch dort, ebenso wie in Chile, Ecuador, Peru und Bolivien, gibt es andere Interessenten. Und Kolumbien wird andere Unterstützer für den Friedensprozess finden, wenn Trump sich nicht dafür interessiert; Deutschland ist auf jeden Fall dabei.

Trumps Wahlsieg, und das ist die letzte Lehre, könnte die schon gescheitert geglaubte lateinamerikanische Integration vorantreiben. Ein gemeinsamer Gegner eint mehr als alles andere. Und Lateinamerika ist schon lange nicht mehr der Hinterhof der USA und deshalb hat Barack Obama schwer daran gearbeit, dort wieder Boden gut zu machen. Make America great again? Wer das ernst meint, müsste bedenken, dass Amerika größer ist als die USA, viel größer. Trump macht "sein" Amerika kleiner.

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