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Standpunkt

Kommentar: Friedensprojekt Europa

Die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg verblassen wie eine alte Feldpost-Karte. Doch 100 Jahre nach dem großen Morden ist es Zeit, wieder an die Grundidee des Projektes Europas anzuknüpfen, meint Georg Matthes.

1. Weltkrieg Vieil Armand Hartmannsweilerkopf Soldatenfriedhof (Patrick Hertzog/AFP/Getty Images)

Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass

#Westfront wäre wohl der Hashtag in dieser Botschaft gewesen, hätten die Soldaten im Ersten Weltkrieg schon getwittert. Aber vor 100 Jahren war die Feldpost das Mittel für die Kommunikation zwischen Front und Heimat. Mehr als 28 Milliarden portofreie Feldpostkarten wurden von Soldaten im Deutschen Kaiserreich verschickt, darunter auch eine an meinen Großvater @HeinrichMatthes.

Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren schrieb ihm sein Jugendfreund Christoph eine Karte von der französischen Front. "Sende dir hier eine Fotographie von unserer Kanone. Leider etwas undeutlich, aber Du wirst uns schon erkennen. ... Uns geht es noch gut..."

Feldpostkarte (Georg Matthes)

Am 10. November 1917 wurde diese Feldpostkarte an Georg Matthes' Großvater Heinrich geschrieben

Vor ein Paar Tagen fand ich diese Mitteilung in Unterlagen meines Vaters und dachte dabei: "Die Erinnerung an die Schrecken des 20. Jahrhunderts ist verblichen." Nach einem halben Jahrhundert Frieden, Stabilität und Wohlstand im größten Teil Europas ist die Begeisterung für das Abenteuer EU bei vielen Bürgern gesunken. Die Populisten in vielen Mitgliedsländern haben das früh erkannt und die Politik hat zu spät gegengesteuert. Überall blüht der Nationalismus, auch auf regionaler Ebene. Jüngstes Beispiel: die Krise in Katalonien.

Hilfe durch den Brexit

Das einzige Land, das den Abwärtstrend der vergangenen Jahre jetzt mit einem Ruck ausbremst, ist ausgerechnet Großbritannien. Denn die Austrittsankündigung hat nicht zum von Vielen prognostizierten oder gar erhofften Zerfall, sondern im Gegenteil zu einem Erstarken der EU geführt. Das Politchaos im Vereinigten Königreich und der wirtschaftliche Abschwung dort aber wirken nicht nur abschreckend für ähnliche Spaltungsgelüste. Viele Europäer beschäftigen sich plötzlich wieder mit den Vorteilen des gemeinsamen Projektes. Zu ihnen gehört erstaunlicherweise auch die britische Premierministerin, die neuerdings die enge europäische Zusammenarbeit nicht genug loben kann, zum Beispiel in bei der Terrorismusbekämpfung, der Klimaerwärmung oder der Ukraine-Krise. Und selbst das Ringen zwischen Brüssel und London um den EU-Binnenmarkt und die Zollunion wirkt aus dieser Sicht positiv. Wäre der Austritt leider nicht auch schmerzhaft für die Europäer, sie müssten den Briten fast dankbar sein, dass ihnen die Vorteile der EU so deutlich vor Augen geführt werden.

Europa ist die Lösung, nicht das Problem

In Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung ist Europa nicht Teil des Problems, sondern dessen Lösung. Nur gemeinsam werden die Europäer ihren Markt schützen können und globale Unternehmen daran hindern, die einzelnen Nationalstaaten gegeneinander auszuspielen. Schon immer gehörte dieser Aspekt von ökonomischer Solidarität und politischem Schulterschluss mit zum Kern des europäischen Friedensprojektes. Und so gesehen erscheint die Idee der EU auf einmal überhaupt nicht mehr verblichen. Denn wer Handel treibt, wer so eng verwoben ist mit seinen Partnern, der führt auch keine Kriege mehr.

Georg Matthes Kommentarbild App PROVISORISCH

Georg Matthes ist DW-Korrespondent in Brüssel

Der Brexit zeigt, wie schwer es ist, diese gewachsenen Verbindungen auseinander zu reißen und wie viel Aggressivität dabei frei gesetzt wird. Aus vertrauten Nachbarn werden auf einmal wieder Gegner, wenn nicht sogar Feinde, wie der britische Finanzminister Philip Hammond sagte.

Frankreichs Präsident Macron hat das Problem verstanden wie kein anderer. Er hält deshalb auch an der europäischen Erinnerungskultur fest, die er als Basis für künftiges Handeln betrachtet. Man muss nicht alle seine Vorschläge zur Reform Europas gut finden. Aber er hat eine Debatte angestoßen, die es eigentlich bereits vor der großen EU-Osterweiterung 2004 hätte geben sollen. Wo wollen wir hin mit der EU? Wie kann die Integration der Nationalstaaten vorangetrieben werden, zum Beispiel in der Eurozone?

Vor allem die Deutschen, Schlüsselpartner Frankreichs in Europa, sind an dieser Stelle gefragt. Sind sie dabei, wenn es um mehr Europa geht? Und wenn ja, wie viel Rechte können und wollen sie an Europa abgeben? Berlin aber lässt sich mit der Antwort Zeit. Man ist in Koalitionsgespräche vertieft und schweigt - ausgerechnet jetzt, da Macron Hilfe dringend brauchen könnte.

Aus der Vergangenheit für die Zukunft

Mein Großvater war 18 Jahre alt und selbst Soldat, als er die Feldpostkarte seines Freundes erhielt. Hätte er voraus sehen können, was sich genau 100 Jahre danach an der ehemaligen Westfront abspielt, er hätte es kaum geglaubt. Denn Emmanuel Macron hat an diesem Tag seinen deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier eingeladen, am Hartmansweilerkopf im Elsaß ein Erinnerungszentrum einzuweihen. An einem der blutigsten Schauplätze des Ersten Weltkriegs - einem deutsch-französischen Erinnerungsort - blicken die Erbfeinde von einst gemeinsam zurück und nach vorn in die gemeinsame Zukunft. Macron wird sicherlich über seine Reformpläne sprechen und wie immer ein Paar Tweets dazu absetzten. Mein Großvater, der beide Weltkriege durchleben musste, hätte sie sicherlich "geliked".

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