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Europa

Gedenken am "Menschenfresserberg"

Im Elsass gedachten am Sonntag die Präsidenten Frankreichs und Deutschlands gemeinsam des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Denn am "Hartmannsweilerkopf" starben Tausende einen sinnlosen Tod.

Vom fast 1000 Meter hohen Berg "Hartmannsweilerkopf" - oder "Vieil Armand" auf Französisch - hat man einen weiten Blick ins Rheintal, auf eine Eisenbahnlinie und ein paar Dörfer am Fuße der südlichen Vogesen. Viel war hier nicht zu holen, aber dieser Berg wurde im Ersten Weltkrieg von deutscher und französischer Armee zur strategisch wichtigen Höhe erklärt. Er musste "gehalten" werden, koste es, was es wolle.

Deutsche und Franzosen durchzogen den Berg mit Schützengräben und Stellungen, fast 90 Kilometer lang. Teilweise lagen sich die gegnerischen Truppen an dieser Stelle der Front nur wenige Meter gegenüber, fast Auge in Auge, in Rufweite. 30.000 Soldaten kamen in einem erbarmungslosen Stellungskrieg um, bei vergeblichen Versuchen, die Gegner vom Berg zu vertreiben. Vier Jahre lang.

Der Berg bekam einen grausigen Spitznamen. "Er hieß Menschenfresser", erzählt der elsässische Schriftsteller Pierre Kretz beim Aufstieg zum weißen Gipfelkreuz.

"Absurder Krieg"

Schriftsteller Pierre Kretz (Foto: DW)

Schriftsteller Pierre Kretz am Gipfel

Pierre Kretz hat sich intensiv mit der Geschichte des deutsch-französischen Grenzgebiets beschäftigt und einen Roman geschrieben über die unglückliche ambivalente Lage des Elsass, hin- und hergerissen zwischen Deutschland und Frankreich. Der Hartmannsweilerkopf war der "Menschenfresser, weil Tausende von Menschen hier gestorben sind für absolut nichts. Die Absurdität des Krieges hat sich hier irgendwie konzentriert", sagt Pierre Kretz. "Man rückte auf die andere Seite vor, dann wieder zurück, und dann wieder auf der anderen Seite vor. Und jedes Mal kostete das Tausende von Leben für nichts und wieder nichts. Die Leben von Menschen, die Familien hatten, die Kinder hatten, die einen Beruf hatten, auf beiden Seiten."

Am Gipfel angekommen setzt sich Pierre Kretz auf einen Stein und liest aus der Autobiografie des elsässischen Bauers Dominik Richert vor. Richert war Unteroffizier in der deutschen Armee. "Ich habe gezittert vor Angst. Ich habe einfach gezittert vor Angst. Denn jeder wusste, dass dies für die meisten von uns eine Art Todesurteil ist. Ich hatte vor allem Angst, dass ich einen Splitter in die Brust bekomme. Manche haben mit dem Splitter in der Brust noch ein, zwei, drei Tage gelitten, bevor sie gestorben sind." Das Zitat beschreibe sehr gut, was die Soldaten empfanden, wenn der Befehl kam, die feindlichen Stellungen anzugreifen, meint Pierre Kretz heute, fast 100 Jahre später.

Weil der Ort so symbolträchtig ist, hatten der französische Staatspräsident Francois Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck den Hartmannsweilerkopf für ihr gemeinsames Gedenken ausgesucht. Am 3. August, als Deutschland Frankreich vor 100 Jahren den Krieg erklärte, legten die beiden Präsidenten in der Nähe des Hartmannsweilerkopfes den Grundstein für ein gemeinsames Museum. Sie besuchten den Soldatenfriedhof, wo fast 1300 christliche Betonkreuze, die Moos und Flechten angesetzt haben, und ein weißer muslimischer Grabstein an die französischen Gefallenen erinnern.

"Emile Canille. Gestorben für Frankreich" steht auf einer Plakette aus Metall auf einem der Kreuze, die in langen Reihen 300 Meter unterhalb des Gipfels stehen. Auf die deutschen Gefallenen weisen erst seit einigen Jahren Tafeln in der Krypta unter dem Mahnmal am französischen Soldatenfriedhof hin.

Am Gipfel des Berges Hartmannsweilerkopf / Vieil Armand sind in einer lebensgroßen Bronzeplastik die Schrecken des Ersten Weltkrieges dargestellt (Foto: DW)

"Zittern vor Angst": Bronze-Plastik erinnert an Soldaten

Elsass gehörte mal hierhin, mal dorthin

Mehr als 200 Jahre lang war das Elsass Teil Frankreichs gewesen - bis zum deutsch-französischen Krieg 1871. Ab dann bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörte es zum deutschen Kaiserreich. Danach in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder zu Frankreich. Im Zweiten Weltkrieg war es erneut deutsch besetzt und nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es wieder zu Frankreich.

Die Elsässer, die einen eigenen Dialekt sprechen, waren immer zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergerissen. Ganz dazu gehört hätten sie weder zu dem einen noch dem anderen Staat, sagt der Schriftsteller Pierre Kretz. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, gab es einige Familien, deren Söhne teils auf französischer, teils auf deutscher Seite dienen und sterben mussten. Und es gab viele Deserteure auf beiden Seiten, in beide Richtungen.

"In einem Dorf zum Bespiel sind gleich Anfang des Krieges 200 Elsässer auf die andere Seite übergelaufen. Es gab Familien, die auf beiden Seiten gekämpft haben. Die waren in der deutschen und auch in der französischen Armee. Das war auch im Zweiten Weltkrieg so. Da wurden Elsässer zur Wehrmacht eingezogen, aber es gab auch welche auf der anderen Seite", erzählt Pierre Kretz am Gipfel des Hartmannsweilerkopfs. Sein Fazit ist eindeutig: "Es ist so absurd wie dieser ganze Krieg, wie alle Kriege. Es ist absurd."

Der Hartmannsweilerkopf / Vieil Armand bei Kriegsende 1918 (Foto: picture-alliance)

Tote Bäume, tiefe Gräben: Hartmannsweilerkopf bei Kriegsende 1918

Rundweg über das Schlachtfeld

Die Stellungen und Schützengräben am Berg sind heute noch gut erhalten, weil sie tief in den Fels gehauen wurden. Außerdem war das Gelände hier oben nur Wald. Es gab anders als bei anderen Schlachtfeldern in der Ebene keine Bauern, die ihr Land und ihre Felder zurückhaben wollten. Eine Viertel Million Besucher kommt jährlich zum Hartmannsweilerkopf. Nach jahrelanger Arbeit einer deutsch-französischen Historiker-Kommission konnten die Texte für einen Rundweg mit 45 erklärenden Tafeln fertiggestellt werden, noch rechtzeitig vor dem Besuch der Staatsoberhäupter aus Paris und Berlin.

Der Elsässer Pierre Kretz wurde 1950 geboren. Sein Opa hat auf deutscher Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft. Weil die Elsässer im deutschen Heer an der Front nahe ihrer Heimat als unzuverlässig galten, wurde er an die Ostfront nach Russland geschickt. Das war ganz typisch, meint Kretz heute. "Ich war 17 oder 18, als mein Opa gestorben ist. Man bereut das immer nachher, dass man nicht mehr gefragt hat. Ich weiß nur noch, dass er immer von Russland erzählt hat. Da hat es geschneit und geschneit und geschneit. Das weiß ich noch, dass mein Opa immer von diesem Schnee gesprochen hat in Russland."

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