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Kommentare

Kommentar: Exit eines Clowns

Boris Johnson war das Gesicht der "Leave"-Kampagne und brachte ihr den Sieg. Er galt als Nachfolger des Premierministers, bis ein Mitstreiter ihn zu Fall brachte. Ein Glück für Großbritannien, meint Barbara Wesel.

Die Briten nennen ihn die "blonde Bombe". Das hat weniger mit Sex-Appeal, aber viel mit seiner auffälligen Frisur und seiner politischen Durchschlagskraft zu tun. Wo Boris Johnson auftrat, wuchs rhetorisch kein Gras mehr. Auf den Parteitagen der Konservativen brillierte er mit seinen Sottisen und kassierte jubelnden Applaus. Boris konnte die Vögel von den Bäumen herunter reden, und die lachten noch, während er ihnen den Hals umdrehte. Er unterhielt sein Publikum mit einem Strom von Wortspielen, lateinischen Zitaten, Schmeichelei und Witzen auf Kosten seiner Gegner. Und die Briten liebten ihn dafür.

Der Mann, der den Brexit machte

Es war Boris Johnson, der dem Brexit in der Abstimmung vor einer Woche zum Durchbruch verhalf. Er ist schuld am EU-Austritt des Königreiches - neben David Cameron selbst. Und der Premierminister wusste, dass seine Chancen auf einen Sieg schlagartig gesunken waren, als sich Boris Johnson nach wochenlangem Zögern plötzlich auf die Seite der "Brexiteers" schlug. Nicht einmal seine Freunde unterstellten, dass etwas anderes als persönlicher Ehrgeiz den früheren Londoner Bürgermeister zu diesem Schritt getrieben hatte. Der Wettstreit zwischen Johnson und Cameron reicht bis in die privilegierte Schul- und Studienzeit der beiden Altersgefährten in Eton und Oxford zurück. Und Boris wollte immer "König der Welt" werden.

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

Barbara Wesel ist DW-Korrespondentin in Brüssel

Johnson ist ein Genie des Populismus, dem das Anliegen völlig egal ist, für das er seine Gaben einsetzt. Noch am Morgen vor der Abstimmung turnte er auf dem Londoner Fischmarkt herum, küsste für die Fotografen einen Barsch, und machte sich im weißen Arbeitskittel rundum zum Affen. Sein Geheimnis aber ist, dass wohl alle Zuschauer hinterher für ihn gestimmt haben. Boris könnte Gebrauchtwagen verkaufen, Schrottimmobilien oder wertlose Aktien - er würde garantiert Millionen damit machen. Nur in der Politik ist der Mann ein Verhängnis.

Post-faktisches Zeitalter?

Einige Publizisten riefen angesichts der Lügen und Verdrehungen der "Leave"-Kampagne schon das "post-faktische" Zeitalter aus. Was nur ein intellektuell verbrämter Begriff für das Ende jeglicher Wahrheitstreue in der Politik ist. Zur Wahrheit hatte Boris Johnson übrigens schon immer ein gespaltenes Verhältnis. In seinen Anfangsjahren als Journalist in Brüssel schrieb er für ein britisches Boulevardblatt jahrelang und systematisch die EU in Grund und Boden. Die passenden Geschichten erfand er frei oder bog die Fakten für seine Story zurecht. Das war alles ziemlich lustig und schließlich musste niemand den "Telegraph" kaufen.

In der Politik jedoch ist der amüsante Lügner eine Gefahr. Viele Menschen finden es offenbar schwierig, zwischen Fernsehserien und Realität zu unterscheiden. Wer sie zum Lachen bringt, hat schon gewonnen, egal wie haltlos und absurd die Behauptungen sind. Parallelen zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump sind hier kein Zufall.

Am Ende stach Michael Gove, sein engster Mitstreiter in der Brexit-Kampagne Boris Johnson den Dolch in den Rücken, weil er dessen Versprechen auf ein Ministeramt in der neuen Regierung nicht mehr traute. Gove meldete überraschend die eigene Kandidatur an. Seine notorische Unzuverlässigkeit brachte Boris zu Fall. Höhere Mächte hatten wohl ein Einsehen mit Großbritannien.

Gefährliche Volksverführer

Vertraute, die ihn noch als Bürgermeister von London erlebten, wussten längst, dass Boris Johnson untauglich für hohe politische Ämter ist. Er lese keine Akten, hasse Details, sei entscheidungsschwach und essentiell arbeitsscheu, so schrieb jüngst eine Biographin. Die Briten sind in der Brexit-Kampagne einem begnadeten Volksverführer aufgesessen, der jetzt die Brocken hinwirft und mit den Folgen der Entscheidung nichts zu tun haben will. Britische Zeitungen erfanden das Wortspiel vom "Boris-Coni", in Anlehnung an den früheren italienischen Premierminister. Der hat sein Land auch bestens unterhalten, ihm aber gleichzeitig sehr geschadet. Boris Johnson hat das sogar geschafft, ohne Premierminister zu werden.

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