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Standpunkt

Kommentar: Die Niederlage, die keine ist

In einem Spiel, das viele mit einem mulmigen Gefühl verfolgen, verliert Borussia Dortmund im eigenen Stadion gegen den AS Monaco. Und doch ist es ein Sieg, sagt Joscha Weber.

Deutschland Champions League Borussia Dortmund vs. Monaco (Reuters/K. Pfaffenbach)

Einen Schritt zu spät, weil mit den Gedanken noch bei gestern? Der BVB unterliegt Monaco knapp.

Thomas Tuchel hadert, gestikuliert, schimpft und verzweifelt. Ein Trainer der mit seiner Mannschaft leidet. Der Coach des BVB sitzt, steht, setzt sich wieder und verzieht schmerzhaft das Gesicht, weil er mit seinem Team fiebert, das einem 2:3-Rückstand hinterherjagt. Diese Emotionen im Gesicht des Trainers sind sehenswert. Denn sie zeigen Fußball-Normalität. Es sind Gefühle, die an diesem denkwürdigen Fußballabend tausendfach in der Dortmunder Arena zu sehen sind. Und sie zeigen eine Botschaft: Wir lassen uns nicht von Euch einschüchtern.

"Wir", das ist die freiheitlich-demokratische Gesellschaft. Denn Fußball ist Volkssport in Deutschland und in vielen anderen Ländern auch. Das Spiel ist Teil unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses: die unbeschwerte Hingabe zum Sport, die wohl beliebteste Freizeitbeschäftigung des modernen Menschen, der dabei vom Stress des Alltags abschalten und eben vor allem Emotionen ausleben kann. Aber längst nicht allen gefällt das und damit wären wir beim "Euch". Noch versteckt sich dahinter ein diffuses Bild der Täter, das aber langsam klarere Konturen bekommt. Die Bundesanwaltschaft geht von einem terroristischen Hintergrund aus und hält islamistische Motive für möglich, auch weil "zwei Verdächtige aus dem islamistischen Spektrum" festgenommen wurden. Jenes Spektrum, das zuletzt in Drohungen, Verlautbarungen und Bekennerschreiben immer wieder auch Freizeitevents und Sportveranstaltungen als Ziele ihres Terrors nannte. Eine perfide Strategie, denn diese so genannten "weichen Ziele" sind a) verhasste Symbole westlicher Demokratien, b) kaum zu schützen und c) medial besonders für Terrorzwecke "geeignet".

Erst Todesangst, dann Höchstleistung? Unmöglich.

Weber Joscha Kommentarbild

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Sportevents sind besonders schützenswert. Denn das Spiel ist Teil unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses."

Und gerade deswegen sind diese Events besonders schützenswert. Längst hat man sich an ein großes - und leider nötiges - Polizeiaufgebot vor den Arenen gewöhnt. Vielleicht auch deshalb fand der Anschlag auf den BVB-Bus auf dessen Weg zum Stadion in rund zehn Kilometer Entfernung statt. Keine 24 Stunden später standen die Dortmunder Profis auf dem Platz - ein Unding, trotz der Summen, die junge Fußballmillionäre heute verdienen. Die unmittelbare Spiel-Ansetzung der UEFA ohne Rücksprache mit den geschockten Dortmunder Spielern entbehrt jeglichen menschlichen Umgangs. BVB-Verteidiger Sokratis berichtete nach dem Spiel gegen den AS Monaco von "Todesangst", die er im Bus empfand und weinte vor der Südtribüne. So kurz nach dem Anschlag wieder hochkonzentriert seinem Beruf nachzugehen - unmöglich.

Die Dortmunder Profis versuchten es dennoch. Und das verdient größten Respekt. Dem Vernehmen nach wollten einige Spieler nicht spielen, taten es aber; aus Professionalität, aus Respekt vor den eigenen Fans und deren Hoffnungen sowie wohl auch aus dem Bekenntnis: für den Fußball, gegen Terror. Deshalb ist das 2:3 im eigenen Stadion keine Niederlage, auch wenn es sportlich durch die Auswärtstorregel für das Rückspiel eine erhebliche Hypothek darstellt. Es ist ein Sieg. Borussia Dortmund hat ein klares Signal gesendet: Die Angst darf nicht gewinnen. "Wir haben das Beste daraus gemacht", meinte Thomas Tuchel am Ende dieses Abends. "Die Mannschaft hat Mut und Courage gezeigt." Dem ist nichts hinzuzufügen.

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