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Deutschland

Kommentar: Der unheimliche Islam - Warum Pegida so viel Zulauf hat

Jetzt demonstrieren sie also wieder, die "Patriotischen Europäer". Wieder in Dresden und wieder gegen die "Islamisierung des Abendlandes". Die Aufregung ist groß - zu Unrecht, wie Daniel Heinrich findet.

"Pegida" ist ein Label. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein Label für eine Bewegung, die weit mehr ist als Pegida, Hogesa, die AfD oder bierselige CSU-Parteitage in Niederbayern, auf denen die Wertegemeinschaft des christlichen Abendlands beschworen wird. Denn eigentlich ist es, um beim Bayerischen zu bleiben, schon fast "wurscht" wie man das Ganze nennt. Fakt ist: In Deutschland haben viele Menschen momentan Angst vor "dem Islam". Es ist ein diffuses, unkonkretes Gefühl des Unwohlseins, das sich speist aus einer ganzen Melange von Ereignissen und Themen: der 11. September und die allgegenwärtige Angst vor islamistischem Terror, Debatten um Kopftücher und Burkas, die Radikalität des "Islamischen Staates", Muslime aus Deutschland, die als Dschihadisten dort hinreisen, der Zustrom von Flüchtlingen aus den Ländern, in denen der IS wütet - und der Dauerbrenner, ob die muslimische Türkei jetzt zur EU gehört oder nicht.

Moslem ist gleich Moslem

Viele Leute sind damit überfordert - und das ist verständlich. Denn im Gegensatz zu den durchakademisierten Meinungsmachern in Politik und Medien haben die meisten Menschen kein differenziertes Bild von Strömungen, die es innerhalb des Islam nun mal gibt. Moslem ist für sie gleich Moslem.

Auch und gerade die Presse trägt gehörig dazu bei, die unguten Gefühle zu verschärfen. Aktuelles Beispiel: die Geiselnahme in Sydney. Noch bevor konkrete Details bekannt sind, überschlägt sich bereits die Berichterstattung und pflegt die bekannten Klischees: "Dschihad", "Gotteskrieger", "Islamist". Die Schlagworte sind schnell gefunden. Wenig differenziert, immer schön drauf. In schöner Regelmäßigkeit wird das alles vermischt mit den neuesten Ausbrüchen des türkischen Präsidenten Erdogan, der den hier lebenden Türken rät, bloß nicht "zu deutsch" zu werden.

Gezielte Provokationen zeigen Wirkung

Dazu kommen die Berichte über Jungs aus Wuppertal, die allen Ernstes als "Scharia-Polizei" durch die Innenstadt ziehen und sich offen dafür einsetzen "Islam-konforme" Kleidung zu tragen. Was für ein Quatsch! Und dennoch: Was außer "Islam ist böse" soll da schon hängen bleiben beim deutschen Durchschnittsbürger? Und seien wir doch mal ehrlich: Es ist auch einfach komisch, wenn muslimische Mädchen im Strandbad Berlin-Plötzensee im Burkini ins Wasser hüpfen, oder Kaftan-tragende Männer mit Bärten in der Kölner U-Bahn zu Allah beten.

Programmvolontäre der DW 2013-2015

Daniel Heinrich

Das Problem in Deutschland ist, dass es über diese Sorgen vieler Menschen in der Öffentlichkeit keine nennenswerte Debatte gibt. Und sich diese Menschen daher nicht mehr ernst genommen fühlen. Stattdessen hagelt es Vorverurteilungen aus der Politik. Aktuelles Beispiel sind die Äußerungen von Heiko Maas. Der Bundesjustizminister bezeichnet die Dresdner Proteste als "Schande für Deutschland". Dies ist ein fatales Signal der Ausgrenzung und zeigt letzten Endes nur, wie wenig Verständnis es für das Thema wirklich gibt.

Denn dass es auch innerhalb von Maas' eigener Partei viel Zustimmung für die Ideen der Pegida gibt, zeigt eine aktuelle Umfrage: 46 Prozent der SPD-Anhänger stimmen demnach mit den Forderungen der Pegida überein. Das muss nachdenklich stimmen. Die SPD ist keine Partei, bei der man mit Huldigungen des christlichen Abendlandes Stimmen abräumt. Und die Zuordnung zum Lager rechts der Mitte würden die allermeisten Mitglieder als Affront auffassen.

Die Sorgen und Ängste sind vorhanden

Ganz ohne Zweifel ist es so, dass bei den Demonstrationen in Dresden auch Radikale vom rechten Rand mitlaufen. Aber Bewegungen wie Pegida ziehen inzwischen Menschen aus allen politischen Lagern und Schichten an. Sie alle sind Teil eines Massenphänomens. Nicht als Teil einer perfekt choreographierten braunen Masse, die unaufhaltsam durch Deutschland rollt. Sondern als symbolisches Schlaglicht einer Diskussion von Sorgen und Ängsten eines nicht unbeträchtlichen Teils der Deutschen. Und diese Sorgen, schon tausendfach geteilt an den Stammtischen, bei Grillabenden und in den Vereinsheimen der Republik, brechen sich nun sichtbar für jeden Bahn. Und immer mehr Bürger merken: "Ich bin ja gar nicht allein mit meinen Gedanken!"

Das Leugnen ihrer Sorgen oder Beschimpfen und Diffamieren der Demonstranten wird niemanden auf den winterkalten Straßen umstimmen. Ganz im Gegenteil. Das zeigt lediglich, wie weit die Politik sich von den Bürgern entfernt hat, und treibt die Menschen erst recht in die Arme der Rattenfänger vom braunen Rand.

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