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Kultur

Kibbuz und Bauhaus

Tel Aviv, die weiße Stadt am Meer. Inbegriff der Bauhaus-Architektur? Nur ein Mythos, zeigt eine überraschende Ausstellung: Das Bauhaus hat in Israel am deutlichsten die Kibbuz-Bauten der zionistischen Siedler geprägt.

Junge Frauen und Männer vor einem einzelnen Holzbau, in der Hand die Axt, die Körper voller Elan, mit einem Enthusiasmus, den man sich kaum mehr vorstellen kann. Bilder aus den 1920er und 30er Jahren, von den Anfängen des Zionismus. Die Juden, die damals aus Osteuropa und Deutschland nach Palästina emigrierten oder vor der Verfolgung flüchteten, fanden eine neue Sicherheit im Kollektiv. Gemeinschaftlich betrieben sie Landwirtschaft und Ackerbau, verzichteten auf Privateigentum, erzogen die Kinder gemeinsam, außerhalb der Familie. "Kibbuz" hieß die neue Lebensform. Nirgendwo sonst wurden - freiwillig - so radikal sozialistische Prinzipien umgesetzt, wie in den Kibbuzim der zionistischen Siedler. Es war die gelebte Utopie eines besseren Lebens, ohne die patriarchalischen Strukturen des osteuropäischen "Schtetl", ohne Verfolgung, Pogrome und Deportationen.

Schwarz-weiß-Aufnahme des ersten Kibbuz Degania, gegründet 1910 (Foto: unbekannt)

Sicherheit im Kollektiv: Die Anfänge des ersten Kibbuz Degania, gegründet 1910

Das kollektive Leben erforderte auch neue Wohnformen. Welchen starken Einfluss die Bauhaus-Ideen aus Deutschland in Erez Israel hatten, zeigt eine Ausstellung in Dessau. Das Bauhaus ist vom gleichen antibürgerlichen Geist geprägt wie die Kibbuzim. Die legendäre Kunstschule, 1919 in Weimar gegründet, später nach Dessau verlegt, verstand sich als Arbeitsgemeinschaft, die die Unterscheidung zwischen Künstler und Handwerker aufheben wollte. Den Nationalsozialisten waren die linken, internationalistisch denkenden Bauhäusler ein Dorn im Auge. 1933 musste sich das Bauhaus auf deren Druck hin auflösen. Doch da galt es bereits als Inbegriff der Moderne, besonders in der Architektur.

Soziales Bauen

"Bauhaus" stand für neue Materialien, für Stahlbeton, für weiße, nüchterne Fassaden, mit Fensterbändern und Flachdächern - ganz so wie Tel Aviv. Nicht nur in Israel gilt die "weiße Stadt" am Meer als die Bauhaus-Stadt schlechthin. Falsch, sagt Philipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus, das sei ein bewusst gepflegter Mythos. Tel Aviv sei vielmehr durch den internationalen Stil Le Corbusiers geprägt. Und doch gehört das Bauhaus zu Israel, nur anders als erwartet.

Seinen reinsten Ausdruck hat das Bauhaus in den Kibbuzim gefunden, so die These der Dessauer Ausstellung "Kibbuz und Bauhaus". Nicht als architektonischer Stil, sondern als praktische Umsetzung der Idee von "sozialem Bauen", so wie es der zweite Bauhaus Direktor Hannes Meyer forderte.

Langer Tisch, zehn Stühle, Holztäfelungen: Speisesaal im Kibbuz Mizra (Foto: Stephanie Kloss, VG Bildkunst Bonn)

Speisesaal des Architekten Mestechkin im Kibbuz Mizra

Der Architekt Arieh Sharon, der Palästina verließ, um für einige Jahre am Bauhaus zu studieren, gab nach seiner Rückkehr den Kibbuzim ihr Gesicht. Wabenförmige Anlagen, im Zentrum die Gemeinschaftsbauten, Speisesaal und Kinderhaus, die Wohnhäuser zum Rande hin sind baulich uninteressant. Besonders gestaltet wurden die Kollektivbauten, denn die waren wichtig. Vor allem der gemeinsame Speisesaal. Auf den Fotos der Ausstellung sieht man kubusartige, winklige Betongebäude mit großen Fensterfronten, innen ein funktionaler, klarer Raum, der sich leicht in einen Theater- oder Versammlungsort umwandeln ließ. Das Herz vieler Kibbuzim. Sharon war nicht der einzige, 18 ehemalige Bauhäusler haben an der Gestaltung der Kibbuzim mitgewirkt.

Baukasten im Koffer

Nichts entstand spontan, alles wurde streng geplant, auch wenn die basisdemokratischen Entscheidungen oft nervenaufreibend gewesen sein müssen. Mit einem Baukasten voller Würfel und Quader im Gepäck reiste der Architekt Samuel Bickles zu den Siedlungen, die erweitert werden sollten. Die Baukastenteile, die für bestimme Funktionen standen, wurden so lange hin- und hergeschoben, bis alle Kibbuzniks damit zufrieden waren.

Speisesaal im Kibbuz Mechavia (Foto: unbekannt)

Flachdach: Speisesaal des Architekten Richard Kauffmann im Kibbuz Mechavia

Vor allem um das Dach gab es immer wieder Streit, berichtet der Filmemacher Amos Gitai über seinen Vater, den Bauhaus-Architekten Munio Weinraub. Der musste mehrmals seine ganze Überzeugungskraft gegen die Kibbuzniks einsetzen, die sich statt eines modernen Flachdachs ein hölzernes spitzes, wie aus der alten Heimat, wünschten. Weinraub, 1936 via Schweiz noch gerade aus der Nazihaft entkommen, baute sogar Theater und Museen und machte die Kibbuzim damit städtischer. Amos Gitai hat seinem Vater in Dessau eine Filminstallation gewidmet. "Traces", heißt sie, auf den "Spuren" von Munio Weinraub. Dessen soziale Haltung als Mensch und als Architekt sei bewundernswert gewesen, sagt Amos Gitai. Er glaubt, dass es dem heutigen krisengeschüttelten Israel in jeder Hinsicht - auch in architektonischer - an Gemeinschaftsgeist fehle.

Kibbuz, ein Auslaufmodell?

Die enttäuschende Bilanz, die die Ausstellung nicht verschweigt, heißt: Selbst in der Blütezeit der Kibbuzim, in den 30er Jahren, lebten nicht mehr als zehn Prozent der jüdischen Einwanderer in dieser Wohnform. Das Interesse heute ist noch geringer, auch wenn sich die Kibbuzim längst von der kollektiven Utopie verabschiedet haben. Wohnräume sind privater geworden, die Kinderhäuser sind aufgelöst, der Nachwuchs schläft längst wieder bei den Eltern.

Fast wird man melancholisch angesichts der Fotos der verfallenden Speisesäle. Manches kollektive Dorf überlebt heutzutage nur noch als Touristenanlage. Und doch, in der gegenwärtigen Krise in Israel erwacht ein neues Interesse an Formen gemeinschaftlichen Lebens. Die Ausstellung der Stiftung Bauhaus macht anschaulich, mit welchem Enthusiasmus das einst begann.

Autorin: Andrea Kasiske
Redaktion: Aya Bach

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