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Filme

Karl-May-Mythos: Wie Winnetou und Old Shatterhand die Herzen der Deutschen eroberten

Seit über 100 Jahren schwärmen Deutsche für Karl May. Doch woher kommt der Winnetou-Kult, den drei Fernsehfilme neu beleben wollen? Susanne Spröer auf Spurensuche.

Beliebter Posterboy in der Jugendzeitschrift BRAVO der 1960er Jahre: Pierre Brice als Winnetou (Foto: Bauer Media Group/BRAVO)

Beliebter Posterboy in der Jugendzeitschrift "BRAVO" der 1960er Jahre: Pierre Brice als Winnetou

Es war Heiligabend und ich acht oder neun Jahre alt. Die kleinen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum hatte ich ausgepackt, als mein Vater sagte, dass im Keller noch eine Überraschung warte. Endlich! Jetzt bekam ich wohl Winnetous "Silberbüchse", die ganz oben auf meinem Wunschzettel stand. Nur, warum wir für ein Spielzeuggewehr in den Keller mussten, verstand ich nicht.

Cowboy und Indianer im Deutschland der 1970er Jahre

Seit meiner ersten Hörspiel-Schallplatte mit Karl Mays Wildwest-Geschichten war ich Winnetou-Fan. Stundenlang lag ich vor dem Plattenspieler und lauschte, wie Karl May als Old Shatterhand in den Wilden Westen kam, wie er dort vom Ingenieur, der eine Eisenbahnlinie durch Apachenland bauen wollte, zu Winnetous Blutsbruder wurde und an seiner Seite für die Rechte der Indianer kämpfte.

Winnetou-Bücher und -Hörspiele (Foto: DW/S. Spröer)

Kultobjekte für Winnetou-Fans: Bücher, Schallplatten und Hörspiele aus den 1970er Jahren

Wenn wir Cowboy und Indianer spielten, spielte ich Winnetou, der Feinde lieber kampfunfähig machte als tötete, ganz wie es der Ehrenkodex der Blutsbrüder verlangte. Mit meiner besten Freundin schloss ich Blutsbrüderschaft, wir schnitten uns am Daumenansatz in die Handflächen. Die Geschichten begeisterten uns - wie Generationen zuvor.  

Dem Hörspiel-Boom der 70er-Jahre waren die legendären Karl-May-Kinofilme vorausgegangen, in denen Winnetou vom französischen Schauspieler Pierre Brice verkörpert wurde. Tarzan-Darsteller Lex Barker spielte Old Shatterhand. "Weihnachten 1962 war die Uraufführung von 'Der Schatz im Silbersee'", erinnert sich Michael Petzel, Autor des "Karl May-Lexikons" und Leiter des Karl-May-Archivs in Göttingen.

Umlagert von jungen Fans: Winnetou Pierre Brice gibt 1964 Autogramme zur Uraufführung des Films Winnetou 2. Teil in der Lichtburg in Essen (Foto: Willy van Heekern/Fotoarchiv Ruhr Museum)

Umlagert von jungen Fans: "Winnetou" Pierre Brice gibt 1964 Autogramme

 "Das hat bei den Jugendlichen in einer Weise eingeschlagen, wie man es sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Filme haben in Deutschland für drei Jahre die Jugendszene bestimmt, vor den Beatles und James Bond. Sie waren für damalige Verhältnisse sehr modern, für uns Zuschauer war das ein Aufbruch in eine bis dahin nicht gekannte Welt."

Karl May: Ein straffälliger Träumer wird zum Bestseller-Autor

Es war die Welt des Karl Friedrich May (1842-1912), der sich ein Wildwest-Universum ausdachte, das mit der Realität wenig zu tun hatte. Die erste Winnetou-Geschichte veröffentlichte er 1875, Amerika kannte er da nur aus Büchern. Als Ich-Erzähler "Old Shatterhand" (oder "Kara Ben Nemsi" in den Orient-Romanen) entfloh er einer tristen Wirklichkeit, in der er als Lehrer entlassen worden war und wegen Diebstählen und Betrügereien im Gefängnis gesessen hatte. Durch Winnetou wurde aus dem Sohn armer Weber (zehn seiner 13 Geschwister starben kurz nach der Geburt) der erfolgreichste Jugend-Schriftsteller Deutschlands.

Karl May als Old Shatterhand auf dem Karl-May-Lexikon von Michael Petzel und Jürgen Wehnert (Foto: DW)

Karl May als Old Shatterhand auf dem Karl-May-Lexikon von Michael Petzel und Jürgen Wehnert

Seine so genannten "Reiseberichte" trafen den Nerv der Zeit. "Im 19. Jahrhundert gab es viele Auswanderer, da war das Interesse an Nordamerika groß", sagt Michael Petzel. "Es war ja das Land, in das eventuell auch eigene Vorfahren ausgewandert waren." Dass diese Sehnsuchtswelt mit der Realität wenig zu tun hatte, störte nicht, es wusste ja auch kaum einer.

Erwachsen werden mit Winnetou: Vom Auszug in die große, weite Welt

Über 200 Millionen Mal sind Karl Mays "Reiseberichte" bis heute verkauft und in über 40 Sprachen übersetzt worden. Aber nirgendwo sonst haben sie so eingeschlagen wie in Deutschland. Die Liste prominenter Karl May-Fans ist lang, sie reicht vom Schriftsteller Carl Zuckmayer über die Bundespräsidenten Theodor Heuss und Roman Herzog bis zu Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl und Showmaster Thomas Gottschalk. "Es ist eine Art von Literatur, die genau auf die Bedürfnisse von Jugendlichen in der Pubertät zugeschnitten ist", beschreibt Michael Petzel die zeitlose Faszination. "Das ausfahrende Abenteuer in die weite Welt, die große Freundschaft mit jemandem, auf den ich mich absolut verlassen kann. Das Gute gewinnt, die Welt wird immer wieder gerade gerückt", sagt Petzel. "Das sind klassische Topoi der Jugendliteratur und die gibt es in dieser Reinkultur bei wenigen Autoren so wie bei Karl May. Und bei wenigen so unpädagogisch wie bei Karl May, der ja selber ein Leben lang irgendwie Kind geblieben ist. Das macht ja auch den Erfolg aus."

Karl May und die Nazis: War Hitler Winnetou-Fan?

Auch Adolf Hitler, der deutsche Diktator und millionenfache Mörder, hat Karl May wohl gern gelesen. In einer Zeitungsreportage hieß es 1933: "Auf einem Bücherbord stehen politische und staatswissenschaftliche Werke, einige Broschüren und Bücher über die Pflege und Zucht des Schäferhundes, und dann - deutsche Jungens, hört her! Dann kommt eine ganze Reihe Bände von - Karl May! Der Winnetou, Old Surehand, der Schut, alles liebe Bekannte."

Bücherregal mit Karl May-Bänden (Foto: picture alliance / dpa)

Die grünen Karl May-Bände standen bei Generationen von Deutschen im Bücherregal

Einen Fotobeleg gibt es dafür nicht und die Presse war zu diesem Zeitpunkt schon von den Nazis gelenkt. Aber auch der Historiker Joachim Fest bestätigt in "Hitler. Eine Biographie", dass dieser Karl May gelesen habe. Ob er die Bücher auch seinen Generälen zur Nachahmung empfohlen hat, wie immer wieder behauptet wird, ist dagegen nicht zweifelsfrei belegt. "Die Stellung von Karl May unter den Nazis war umstritten", meint auch Petzel vom Karl-May-Archiv. "Er hat ja auch ganz andere Bücher geschrieben, Bücher mit einer Friedenshoffnung, und die waren echten Nazis suspekt."

Von Winnetou zu den Grünen

Zugegeben, diese friedfertigen und oft kitschigen Geschichten aus Karl Mays späteren Büchern fand ich als Kind langweilig, ich wollte lieber aktiv gegen die Schurken kämpfen, Kinder brauchen zur Orientierung ja klare Grenzen zwischen gut und böse. Aber auch als ich der Wildwest- und Winnetou-Phase entwachsen war, blieb mein Interesse für Indianer. Ich beschäftigte mich mit der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner, las indianische Selbstzeugnisse und erfuhr von ihrer grausamen Unterdrückung und Verfolgung.

Häuptling Sitting Bull (Foto: Imago/United Archives International)

Mit der Geschichte amerikanischer Ureinwohner (hier Sioux-Häuptling Sitting Bull, um 1880) haben die Karl-May-Geschichten wenig zu tun

Als ich Mitte der 90er Jahre in den USA für eine Reportage über die amerikanische Forschungs- und Bildungseinrichtung "Smithsonian Institution" recherchierte, besuchte ich auch das "National Museum of the American Indian" in New York. Deutsche, erzählte mir eine Indianerin dort, hätten immerhin oft ein erfreulich positives Bild der Ureinwohner - dank Winnetou. Auch wenn dieses Bild an der Realität natürlich total vorbeiginge.

In den USA ist Karl May so gut wie unbekannt, die Winnetou-Begeisterung ist ein vorwiegend deutsches Phänomen. Der Boom der 1960er Jahre könne auch mit der deutschen Geschichte zu tun gehabt haben, vermutet Michael Petzel: "Nach dem Krieg wollten die Deutschen gern die Guten sein. Und der Deutsche Old Shatterhand war ein Guter, er zog ins Ausland und sorgte für Gerechtigkeit. Bis zur heutigen Kultur der Grünen-Partei, die sich einsetzen für verfolgte Minderheiten, sind wir alle bisschen Erben von Karl May und Winnetou, weil wir auf der Seite der Verfolgten stehen und Gutes tun wollen."

Winnetou – das deutsche Pendant zu Harry Potter

Auch wenn sie in Wellen auf- und abebbt - in Deutschland ist die Begeisterung für Winnetou ungebrochen. Sie lebt auch auf den Freilichtbühnen weiter, die jedes Jahr mit ihren Aufführungen Hunderttausende Besucher anziehen, Wildwest-Erlebnisparks für Familien, mit ganzjährigem Showbetrieb.

Klamauk-Parodie der Winnetou-Filme: Ranger (l.) und Abahachi in Der Schuh des Manitu 2001 (Foto: picture-alliance/dpa)

Klamauk-Parodie der Winnetou-Filme: "Ranger" und "Abahachi" in "Der Schuh des Manitu" 2001

Die Winnetou-Saga ist ein modernes Märchen, ein deutsches Pendant zu "Harry Potter" oder dem "Herrn der Ringe". Der Mythos hält vieles aus, sogar seine Parodie: Die 2001 erschienene Klamauk-Komödie “Der Schuh des Manitu“ ist einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilme überhaupt. Die Helden: Apachenhäuptling "Abahachi" (sprich: Aba Hatschi - Hatschi beschreibt im Deutschen das Geräusch des Niesens) und “Winnetouch“, sein schwuler Zwillingsbruder.

Ob die neuen Winnetou-Filme, die Weihnachten im deutschen Fernsehen beim Sender RTL laufen (Budget: 15 Millionen Euro), wieder einen Boom auslösen, bleibt abzuwarten. Aber auch dieses Jahr werden Kinder mit leuchtenden Augen ihre Geschenke auspacken - wie ich damals, als ich in freudiger Erwartung der "Silberbüchse" Eltern und Bruder in den Keller folgte. Dort wartete eine Holzkiste, mit einem Tuch abgedeckt. Als ich es wegzog, schaute uns mit großen Augen ein schwarzes Zwergkaninchen an. Als Kriegskinder hielten meine Eltern nämlich gar nichts von Spielzeugwaffen, aber viel von Verantwortung für andere. Wir nannten das Kaninchen Mucki. Und guckten "Winnetou" im Feiertagsprogramm.

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