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Kunst

Kampf ums Museum - mit Sigmar Polke und Gerhard Richter

Noch ist offen, ob das Leverkusener Museum Morsbroich bald schließen muss, um die verschuldete Stadt zu entlasten. Museumsdirektoren im ganzen Land sind empört. Wie passend, dass die neue Schau "Schöne Bescherung" heißt.

Große Namen ziehen immer. Das gilt ganz besonders für Gerhard Richter und Sigmar Polke, zwei Giganten der zeitgenössischen Kunst. Richter, der vielgesichtige Maler, dessen Werke Höchtpreise auf dem Kunstmarkt erzielen und Polke, der nicht weniger experimentelle Fotograf und Maler. Nach ihrer engen Freundschaft in den frühen 1960er-Jahren hatten sie unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Gut 50 Jahre später treten ihre Arbeiten nun in einen "lockeren Dialog", wie Museumschef Markus Heinzelmann stolz verkündet. Die Schau in seinem Ausstellungsinstitut, einem prachtvollen, barocken Lustschloss inmitten der rheinischen Chemiestadt Leverkusen, könnte ein Publikumserfolg werden. Doch ob es dem Museum hilft, zu überleben?

Markus Heinzelmann, Foto: DW/Stefan Dege

Er leitet das Museum Morsbroich in Leverkusen: Markus Heinzelmann

Um die verschuldete Stadt Leverkusen zu sanieren, schlagen Wirtschaftsprüfer der Prüfungsgesellschaft KPMG nämlich elf Sparmaßnahmen vor. Die Schließung von Morsbroich zählt dazu. Mit ihr und dem Verkauf der Sammlung könne die Stadt jährlich rund 780.000 Euro an Personal- und Betriebskosten einsparen, rechnen die Berater vor. Insgesamt soll die Stadt ihren Kulturhaushalt um insgesamt 1,1 Millionen Euro entlasten. Vier Monate bleiben der Kommune, sich ein Konzept überlegen. Von Protesten aufgeschreckt, beschloss der Stadtrat, erst einmal das Museum erhalten zu wollen. Dem schloss sich auch Oberbürgermeister Uwe Richrath an. Bedingung: Einsparmöglichkeiten an anderer Stelle.

Museum Morsbroich soll mehr Geld einspielen

Doch damit ist die Kuh nicht vom Eis. Die Zahlen des KPMG-Gutachtens mit dem Titel: "Optimierungspotenziale der KulturStadtLev" sprechen eine klare Sprache: 16.500 Besucher kamen 2015 ins Museum. Nicht einmal die Hälfte zahlte Eintritt. Schulklassen oder Teilnehmer von Bildungskursen haben - per Ratsbeschluss - freien Eintritt. Schon 2014 betrug der Zuschussbedarf deshalb 181,72 Euro je Karte. Das entsprach einem Kostendeckungsgrad von 15 Prozent, Tendenz weiter sinkend. "An diesen Zahlen lässt sich nicht rütteln", sagt Kulturdezernent Marc Adomat auf Anfrage der Deutschen Welle. Auch er wolle die Schließung verhindern, versichert er. Doch müsse das Museum dafür seine Ausrichtung ändern, um seinen "Kostenwirkungsgrad" zu steigern.

Mehr Geld soll das Museum einspielen. Ein klares Bekenntnis zum städtischen Kunstmuseum, das seit der Gründung im Jahr 1951 zu den renommiertesten Häusern in Nordrhein-Westfalen zählt, klingt anders. Auch fällt auf, dass das Gutachten Fehler enthält. So rechnen die Wirtschaftsprüfer mit 255 Besuchertagen. Tatsächlich sind es 312. In die Refinanzierungsquote, zuletzt elf Prozent, wurden Sponsorengelder nicht eingerechnet. Dass der Museumsetat mit der teuren Unterhaltung der historischen Gebäude stark belastet wird, findet keine Erwähnung. War das Ergebnis des Gutachtens bestellt? Museums-Chef Heinzelmann äußert sich nicht. Kulturpolitische Fragen möge allein die Stadtspitze beantworten.

Besucherin vor einem Gemälde von Gerhard Richter, das einen Tiger zeigt, Foto: DW/Stefan Dege

Herzstück der Ausstellung: Gerhard Richters "Tiger" von 1965

Proteststurm gegen die Schließung

Wie von den Wirtschaftsprüfern vorausgesagt, löste ihr Gutachten einen Proteststurm aus. Eine Online-Petition fand binnen einer Woche 4.500 Unterzeichner. Die Kunstakademie Düsseldorf stellte sich hinter Morsbroich, der Verband Rheinischer Museen (VRM), der Internationale Kunstkritikerverband AICA und der Kulturrat NRW. Die 20 Direktoren der Ruhrgebietsmuseen schrieben an Leverkusens Oberbürgermeister Uwe Richrath: "Sie müssen wissen, welchen Schaden Sie Ihrer Stadt antun, wenn Sie sie ins kulturelle Niemandsland katapultieren." Die Direktoren der wichtigsten Museen im Rheinland wandten sich an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. "Eine Museumsschließung", heißt es darin, "hätte verheerende Auswirkungen auf die Museen im ganzen Land." Kritik äußerte auch der Maler Gerhard Richter. In einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Richrath mahnte er, eine öffentliche Sammlung sei "keine Geldanlage, die je nach Kassenlage geplündert" werden dürfe.

Die Idee, ein Museum dicht zu machen, um Kommunen finanziell zu entlasten, ist nicht neu. In der Ruhrgebietsstadt Bochum stand die Schließung des Kunstmuseums im Raum, um so 1,2 Millionen Euro zu sparen. Proteste beendeten die Debatte ebenso wie die um das Museum in Mülheim an der Ruhr. Das bei Schülern beliebte Deutsche Museum in Bonn, eine Außenstelle des großen Deutschen Museums in München, steht vor dem Aus. 2012 empörte sich die Kulturszene, als Experten in dem Buch "Der Kulturinfarkt" die Hälfte der Theater, Museen und Orchester in Deutschland für verzichtbar erklärten.

Ausstellungsraum in Deutschen Museum in Bonn, Foto: dpa

Vor dem Aus: Das Deutsche Museum in Bonn soll geschlossen werden

Museen sind wichtig für die Gesellschaft

Die KPMG-Prüfer bezweifeln, dass die Schließung von Morsbroich "in breiten Teilen der Bevölkerung als tatsächlicher Verlust wahrgenommen wird". Nur rund 3,6 Prozent der Stadtbevölkerung nutzten das Museum. "Besucherzahlen sind nicht immer der beste Indikator dafür, um zu beurteilen, wie lebendig ein Museum und wie wichtig es für eine Kommune ist", sagt hingegen Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes. "Museen haben oft keine Chance, qualitativ zu argumentieren, weil Entscheidungen allein aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen vorbereitet werden."

Wegen ihres Bildungsauftrags hätten Museen große Bedeutung für den Gesellschaftsdiskurs, so Köhne. "10.000 bis 15.000 qualitativ gut betreute Menschen, die etwas mitnehmen für sich und damit auch in die Gesellschaft hineinwirken, können wichtiger sein als 300.000, die die hundertste Macke-Ausstellung sehen", sagt Köhne, der auch Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe ist, der Deutschen Presse-Agentur. Susanne Titz, Leiterin des Museums Abteiberg in Mönchengladbach, das mit 20.000 bis 25.000 Besuchern ebenfalls zu den kleineren Häusern in einer verschuldeten Kommune zählt, unterstrich: "Kultur ist ein öffentlicher Auftrag der Städte und kein Privatvergnügen."

Richters "Tiger" hängt wieder

Für ihre Schau "Schöne Bescherung" hat das Leverkusener Museum ungewöhnliche Fundstücke von zumeist privaten Sammlern entliehen, darunter einen von Polke auf Deutsch umgestalteten italienischen "Diabolik"-Comic oder auch ein zerfleddertes Schreibheft mit Tintenklecksereien. Sehenswert ist auch das Foto, für das die Künstlerfreunde sich in einer Badewanne ablichten ließen - allerdings ohne Wasser, wie der heraushängende Stöpsel beweist.

Gerhard Richter, Foto: dpa

Einer der bedeutendsten Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts: Gerhard Richter

Richter und der neun Jahre jüngere Polke studierten zusammen an der Kunstakademie Düsseldorf. Anfangs hatten sie ähnliche künstlerische Herangehensweisen. Doch ihre enge Freundschaft hielt nicht. Polke war wilder, Richter arbeitete systematisch. "Das Oeuvre der beiden entwickelte sich auseinander", sagt Morsbroich-Direktor Markus Heinzelmann. "Polke wollte ständig neue Dinge ausprobieren, Richter schaffte große Werkgruppen." Ergänzt wird die Ausstellung mit Gemälden und Grafiken von Richter aus der Museumssammlung - die nach Ansicht der Wirtschaftsprüfer verkauft werden sollte. Hauptwerk der Schau ist Richters berühmtes Schwarz-Weiß-Gemälde "Tiger" (1965), das in großen Ausstellungen um die Welt tourte. Der Ausstellungstitel "Schöne Bescherung" wurde beschlossen, lange bevor die Schließungsdebatte losbrach. Gerhard Richter ließ wissen: "Der Titel passt ja jetzt noch viel besser! Großartig!"

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