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Nahost

Jemens Opposition hat unterschiedliche Ziele

Jemens Präsident Ali Abdullah Salih hat gleich mit mehreren oppositionellen Gruppen zu kämpfen. Sein Vorteil: Sie verfolgen völlig unterschiedliche Interessen.

Demonstrationen im Jemen (Foto: dapd)

Auch die Opposition im Jemen ging jetzt auf die Straße

Ali Abdullah Salih hat viel zu verlieren: Macht, Geld und Sicherheit zum Beispiel. Seit Jahrzehnten regiert der jemenitische Präsident sein Land - autoritär und weitgehend unbemerkt vom Rest der Welt. Vor einigen Tagen schien die von Tunis ausgehende arabische Revolution in der Hauptstadt Sanaa angekommen zu sein: Zehntausende Jemeniten protestierten lautstark gegen ihren Präsidenten. Doch anders als in Kairo konnte das jemenitische Regime ähnlich viele Anhänger zu einer Demonstration für Saleh mobilisieren, und anders als in Kairo verliefen beide Demonstrationen friedlich.

Dabei handelt es sich bei der Republik Jemen um das ärmste Land der arabischen Welt. Fast die Hälfte der 23 Millionen Jemeniten müssen mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen; etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Der Jemen kann sich schon lange nicht mehr selbst ernähren, die Wasserreserven schrumpfen und die verhältnismäßig geringe Erdölförderung geht immer weiter zurück. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt mit weniger als 2000 US-Dollar pro Jahr gerade einmal 40 Prozent des ägyptischen Durchschnitts.

Die Opposition wird nicht gefährlich

Doch trotz dieser sozialen Krise handelt es sich im Jemen nicht um

Präsident Salih (Foto: DPA)

Präsident Ali Abdullah Salih hält sich seit 1990 an der Macht

ein spontanes Aufbegehren. Seit Ende der 1980er Jahre gibt es im Land eine lebhafte Opposition, die dem Regime zwar nie gefährlich wird, sich aber gewisse Freiräume bewahren konnte. Sie besteht aus Islamisten, arabischen Nationalisten, Sozialisten aus dem ehemals kommunistischen Südjemen und aus Zaiditen, einer zu den Schiiten zählenden religiösen Minderheit. Außerhalb der Städte regieren die mächtigen Stämme, die traditionell das Zusammenleben der Jemeniten in ihrem schwachen Staat bestimmen.

Was bisher für Frieden in Sanaa sorgt, ist die Angst der Opposition, dass ein gewaltsamer Sturz des Regimes zum Auseinanderbrechen des jemenitischen Staates und damit zu einem "zweiten Somalia" führen könnte. Die gleiche Angst veranlasst die USA, das Regime Salihs weiter großzügig im Antiterrorkampf zu unterstützen - eine Hilfe, die auch oft gegen die verschiedenen Oppositionsgruppen eingesetzt wird.

"Es ist in den letzten Jahren immer wieder geschehen, dass das, was an Unterstützung für die Terrorismusbekämpfung geflossen ist, von der jemenitischen Regierung missbraucht wurde für den Bürgerkrieg im Norden oder auch für andere Unterdrückungsmaßnahmen der Opposition im Süden", sagt Guido Steinberg, Nahost-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Interview mit DW-WORLD. "Das ist immer wieder das Problem, wenn man unkritisch mit solchen Regimen zusammenarbeitet."

Zusätzlich hat Salih seine Macht dadurch abgesichert, dass er viele Schlüsselpositionen im Staat mit Familien- und Stammesangehörigen besetzt hat. Gefährlich wird für sein Regime allerdings die tiefe Wirtschaftskrise, die es für Salih immer schwieriger macht, Teile der Opposition aufzukaufen und sein weitverzweigtes Klientelnetz zu finanzieren.

Größte Gefahr – Der bewaffnete Aufstand

Die Armee der jemenitische Regierung im Kampf gegen die Houthi-Rebellen (Foto: AP)

Der Präsident geht mit allen Mitteln gegen die Houthi-Rebellen vor

Die größte Gefahr für Salih – und inzwischen auch für die Einheit des Landes – geht allerdings von den Kräften aus, die sich seit Jahren im bewaffneten Aufstand befinden. Im bis 1990 unabhängigen Süden sind die immer gewaltsameren Proteste gegen die als "fremde Besatzung" empfundene Herrschaft Salihs zur Massenbewegung geworden. Die Situation im Norden ist noch bedrohlicher. Seit 2004 befindet sich die an Saudi-Arabien grenzende Bergregion Saada im Aufstand. Die so genannten Houthi-Rebellen gehören zu den im Norden dominierenden schiitischen Zaiditen. Sie fühlen sich als traditionelle Zaiditen unterdrückt, lehnen Salehs Herrschaft als unislamisch ab und kritisieren sein Bündnis mit den USA.

Immer wieder versucht Salih, die Opposition als ein Bündnis zwischen den Houthis, den Separatisten und den im ganzen Jemen aktiven terroristischen Extremisten darzustellen. Guido Steinberg bezweifelt, dass die drei Gruppen - wie vom Regime in Sanaa behauptet - kooperieren: "Es gibt keinerlei Allianz zwischen den drei großen Oppositionsgruppen, also den Houthis im Norden, den Separatisten im Süden und Al Kaida, auch mehrheitlich im Süden", erklärt er. "Es gibt keine Belege dafür, dass dort zusammengearbeitet wird. Das hat wahrscheinlich etwas mit ideologischer Disposition zu tun: Die Houthis sind Zaiditen, die Separatisten im Süden sind mehrheitlich Sozialisten, und Al Kaida sind sunnitische Fanatiker. Das sind drei Ideologien, die einfach sehr, sehr schlecht zusammengehen."

Solange diese drei bewaffneten Oppositionsgruppen völlig unterschiedliche Ziele verfolgen, wird sich Salih wohl halten können – und weder auf Macht, noch auf Geld oder Sicherheit verzichten müssen. So bleibt der Jemen der arabische Staat, in dem die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel, gar eine Demokratisierung, am unwahrscheinlichsten ist.

Autoren: Anne Allmeling/Johannes Krug
Redaktion: Diana Hodali

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