1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Religion

Jeder Zweite empfindet den Islam als bedrohlich

Offenheit gegenüber anderen Religionen ist einer großen Mehrheit der Deutschen wichtig. Das geht aus dem aktuellen "Religionsmonitor" hervor. Gegenüber dem Islam gibt es jedoch deutliche Vorbehalte.

"Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Für diese Aussage erntete der damalige Bundespräsident Christian Wulff 2010 viel Lob und auch viel Kritik. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung meint offenbar weiterhin, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt.

Diese Erkenntnis stammt aus dem "Religionsmonitor" der Bertelsmann Stiftung, aus dem diese Woche erste Ergebnisse vorgestellt wurden. Für die repräsentative Studie zur gesellschaftlichen Bedeutung von Religion und Werten wurden in Deutschland und zwölf weiteren Ländern insgesamt 14.000 Menschen befragt.

Der Aussage, dass man allen Religionen gegenüber offen sein sollte, stimmen 85 Prozent der Deutschen "eher" oder "voll und ganz zu". Die meisten Religionen werden von der Bevölkerung auch als Bereicherung empfunden. Dies gilt neben dem Christentum besonders für das Judentum und den Buddhismus. Den Islam dagegen empfindet eine knappe Mehrheit von 51 Prozent als bedrohlich.

Medien prägen das Bild des Islam

Portrait von Detlef Pollack (Foto: Brigitte Heeke)

Detlef Pollack ist Co-Autor der Studie

Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie und Co-Autor der Studie, macht einen mangelnden persönlichen Kontakt von Muslimen und Christen für diese negative Sichtweise verantwortlich. In Ostdeutschland wird der Islam von noch mehr Menschen als bedrohlich empfunden als im Westen, obwohl in den neuen Bundesländern nur zwei Prozent aller in Deutschland lebenden Muslime wohnen.

Da jedoch Judentum, Buddhismus und Hinduismus deutlich positiver bewertet werden als der Islam, obwohl es zu diesen Religionen wohl noch weniger direkte Kontakte gibt, sieht Pollack auch bei den Medien eine Mitschuld: "Das Bild, was die Medien vom Buddhismus oder auch vom Hinduismus vermitteln, ist eher das einer friedensstiftenden Religion, während das Bild von den Muslimen stärker geprägt ist von Fanatismus und Aggressivität", sagt Pollack im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Muslime üben Selbstkritik

Aiman Mazyek
+++(c) dpa - Bildfunk+++

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland

Ähnliche Gründe macht auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, für die Angst vor dem Islam verantwortlich: "In den Medien sehen wir oft ein sehr verzerrtes Bild des Islam." Dort würden immer wieder extremistische Gruppen gezeigt. Auch werde oft sprachlich nicht genau zwischen Religion und Extremismus unterschieden. So sei nach den Anschlägen beim Boston-Marathon von einem "islamischen Netzwerk" der Attentäter die Rede gewesen. Mazyek sah jedoch auch Anlass zu Selbstkritik: "Die Muslime sollten jetzt noch mehr die Ärmel hochkrempeln, sich noch mehr in die Gesellschaft einbringen und deutlich machen, dass sie zu diesem Land stehen."

Seit mehreren Jahren gibt es das Bemühen von Politik und Glaubensgemeinschaften, den Dialog der unterschiedlichen Religionen in Deutschland zu fördern. Die islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland veranstalten seit 1997 am 3. Oktober den "Tag der offenen Moschee". Auch jüdische Gemeinden laden zu unterschiedlichen Terminen Nichtjuden in ihre Synagogen ein.

Besucher beim Tag der offenen Moschee in Berlin (Foto: DW)
Sehitlik Moschee Besucher 1 und 2: Besucher der Sehitlik Moschee am Tag der Offenen Moschee 2012 In welchem Zusammenhang soll das Bild/sollen die Bilder verwendet werden?: Artikel Bildrechte: - Der Fotograf / die Fotografin ist (freie) Mitarbeiter(in) der DW, so dass alle Rechte bereits geklärt sind.

Der Tag der offenen Moschee (hier in Berlin) trägt zum Verständnis des Islam bei

Nicht nur in Deutschland, auch in anderen westlichen Staaten fällt auf, dass insbesondere der Islam als eine Bedrohung wahrgenommen wird. So sagen 76 Prozent der israelischen Befragten, 60 Prozent der Spanier, 50 Prozent der Schweizer sowie 42 Prozent der US-Bürger, dass sie diese Religion als bedrohlich empfinden. In Südkorea sind es hingegen nur 16 Prozent, in Indien 30 Prozent.

Jedoch gibt es auch westeuropäische Länder wie Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande, in denen der Islam positiver bewertet wird als in Deutschland. Für den Religionssoziologen Detlef Pollack spielt dabei das Bildungsniveau der muslimischen Bevölkerungsgruppe in diesen Ländern eine wichtige Rolle. "In Deutschland haben wir unter den Zuwanderern nur sehr wenige Hochgebildete. Das prägt natürlich die Wahrnehmung, insbesondere auch der muslimischen Einwanderer." In vielen Nachbarländern seien dagegen die Bildungschancen besser und der Anteil der gesellschaftlichen Aufsteiger unter den Zuwanderern höher.

Doch die Studie hat auch ermutigende Ergebnisse: So sind Christen, Muslime und Konfessionslose in Deutschland mit deutlicher Mehrheit davon überzeugt, dass die Demokratie eine gute Regierungsform ist - bei den Muslimen und den Konfessionslosen sind es 80 Prozent, bei den Christen fast 90 Prozent. Auch die Trennung von Politik und Religion wird von allen Gruppen mehrheitlich unterstützt.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema