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Digitales Leben

Jarvis: "Innovation passiert im Unbekannten"

Er ist Journalist, Blogger und ein "Internetguru". Streitbar, neugierig und mit dem unbedingten Willen, die Möglichkeiten des Internets voll auszuschöpfen. Jeff Jarvis im DW-Interview am Rande des Global Media Forums.

DW: Herr Jarvis, wie würden Sie die Rolle des Journalismus im digitalen Zeitalter definieren?

Jeff Jarvis: Journalisten sind wichtig. Viel wichtiger als je zuvor, weil es viel mehr Informationen gibt als je zuvor. Journalisten müssen ihre Rolle aber auch neu überdenken. Sie sind nicht mehr nur die Überbringer. Menschen können ihre Informationen durch das Internet nun selbst austauschen. Journalisten müssen dem jetzt eine höhere Bedeutung beimessen. Und das Wichtigste überhaupt: Journalisten müssen die Fragen stellen, die beantwortet werden wollen. Wir Journalisten werden auf jeden Fall gebraucht, aber wir müssen uns in dieser neuen Welt mit all den neuen Möglichkeiten neu erfinden.

Liegt es auch daran, dass es durch das Internet neue und andere Informationsquellen gibt?

Nicht nur das. Wir kommunizieren durch das Netz auch viel mehr mit der Öffentlichkeit - das ging früher nicht mit unseren 'Einbahnstraßen-Medien'. Nun müssen wir als allererstes lernen zuzuhören. Dort, wo ich Journalismus lehre, arbeiten wir gerade an einem neuen Bildungsweg - wir nennen ihn 'Social Journalism'. Hier sollen die Journalisten lernen, den Communities im Netz genau zuzuhören. Und dann ihre Bedürfnisse zu bedienen.

In Deutschland haben wir ja ein ziemlich spezielles Verhältnis zur Privatsphäre im Netz einerseits und Transparenz andererseits. Was raten Sie den Deutschen?

Privatsphäre ist sehr wichtig. Vielleicht in diesen Zeiten wichtiger als bisher. Aber: Privatsphäre ist nicht alles. Wir haben nun die Möglichkeiten, alles mit der Öffentlichkeit zu teilen. Und das Netz ist das Werkzeug dazu. Und das Teilen an sich ist ein großzügiger Akt. So lernen wir viel mehr voneinander.

Ich weiß, dass Datenschutz in Deutschland ein großes Thema ist. Das sollte aber kein Grund für eine Art Technophobie sein. Es ist beschämend, dass etwa durch das Verpixelungsrecht, das in Deutschland aufgrund von Google Streetview eingeführt wurde, Streetview in Deutschland eigentlich gar nicht stattfindet. So haben die Deutschen etwas verloren. Also muss eine Balance gefunden werden: Ja, wir müssen die Privatsphäre schützen, und andererseits müssen wir lernen, großzügiger mit anderen zu teilen.

Haben Sie auch Google Glasses?

Ja klar. In meiner Tasche. (lacht)

Und nutzen Sie sie?

Nicht so viel. Es ist ein bisschen umständlich. Jetzt arbeitet Google an der Google Watch (deutet auf die Smartwatch an seinem Handgelenk). Sie übernimmt einige Funktionen von Google Glass.

Jeff Jarvis auf dem Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn (Foto: DW/K. Danetzki)

Diskussionsbereit: Jarvis auf dem Global Media Forum

Nur über die Kamera müsste man sich noch Gedanken machen. Ich glaube aber, dass die nächste Kamera, die herauskommt, ein riesiges rotes Licht hat, damit alle sehen können, dass sie gerade aufnimmt. Wissen sie, die Leute glauben, dass Google Glass irgend so eine verstohlene, geheimnisvolle Angelegenheit ist. Ist sie aber nicht. Wenn Sie mich dabei beobachten würden, wie ich mit der Brille filme, dann würde das so aussehen: Ich wackel mit dem Kopf hin und her, rufe: 'Google, aufnehmen!!' - da ist wirklich nichts Heimliches dabei.

Die Romane des Softwareentwicklers und IT-Beraters Daniel Suarez beschreiben, wie Technik sogar Menschen töten kann, wenn sie mehr und mehr unserer Kontrolle entgleitet und selbständig agiert. Wie weit sind solche Szenarien von der Wirklichkeit entfernt?

Immer, wenn es eine neue Technik gibt, gibt es auch Ängste und Unruhe. In den USA wurde erstmals überhaupt über das Recht auf Privatsphäre diskutiert als die Kodak-Kamera erfunden wurde. Das war um 1890. Da hatten die Leute Angst davor, dass irgendwo Bilder von ihnen auftauchen könnten. Doch die Kameras entwickelten sich bis heute weiter und die Menschen sind mitgegangen. Heute macht jeder Selfies. Wir lieben das geradezu. Wir haben uns also angepasst. Und so wird uns das mit dem Internet auch gehen. Das Schlimmste, das wir tun könnten, ist der Versuch, den Möglichkeiten, die uns das Netz bietet, die Luft abzudrehen, nur weil wir Angst vor dem Unbekannten haben. Das Unbekannte aber ist der Ort, an dem Innovation passiert. Und das sollten wir auf jeden Fall weiter stärken.

Die Politik tut sich da ja eher schwer. Wie kann denn nun die Netzgemeinde Politiker zu einem angemessenen Umgang mit dem Internet erziehen?

Wir müssen versuchen, die Politiker davon zu überzeugen, dass sie ihre Finger vom Netz lassen sollen. Das ist übrigens kein rein deutsches Problem. In den USA haben wir das auch. Regierungen handeln ja oft in gutem Glauben. Aber das Internet gehört nicht unter deren Kontrolle. Viele Politiker und auch Unternehmen fürchten die Macht des Internets. Das stört sie auch. Und so versuchen Regierungen auch immer wieder, das Netz zu kontrollieren. Wir aber, das Volk, müssen das umgehen und neue Möglichkeiten und neue Freiheiten entdecken, die die neuen Technologien für uns bereithalten.

Jeff Jarvis ist US-Journalist, lehrt das Fach Journalismus an der City University in New York und bloggt auf

buzzmachine.com

über Medien, Technik und sozialkritische Themen. Bekannt wurde er, als er gegen die Computerfirma Dell den ersten "Shitstorm" im Netz auslöste. Sein Buch "Was würde Google tun" wurde ein Bestseller.

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