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Nahost

ISIS, der Krieg und das Öl

Die Dschihadisten von ISIS verkaufen Erdöl aus den von ihnen eroberten Gebieten. Damit heizen sie die Spannungen in der Region weiter an. Kurzfristig könnten ihre Geschäfte die Ölpreise aber sinken lassen.

Umkämpfte Öl-Raffinerie im irakischen Baidschi, 19.6. 2014 (Foto: dpa)

Umkämpfte Öl-Raffinerie im irakischen Baidschi

Erst Al-Omar und dann Al-Tanak: Die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) macht bei der Eroberung wichtiger syrischer Ölfelder große und schnelle Fortschritte. Zusammen mit dem irakischen Ölfeld Adschil, das die Terroristen Ende Juni erobert haben, verfügen sie über weite Fördergebiete auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze. Am Donnerstag (03.07.2014) haben die Dschihadisten Medienberichten zufolge damit begonnen, das Öl aus dem Irak zu verkaufen.

Da ISIS das Öl nicht auf dem regulären Markt anbieten kann, verkauft die Organisation es auf dem Schwarzmarkt. Agenturmeldungen zufolge beschuldigte der französische Außenminister Laurent Fabius die Terrororganisation, das Öl an das Regime von Baschar al-Assad zu verkaufen. In erster Linie kommt es ISIS offenbar darauf an, möglichst hohe Einnahmen zu erzielen und sich für kommende Kämpfe zu wappnen. "ISIS-Kämpfer verkaufen das Öl an jeden, der daran Interesse hat", sagte der Gouverneur der nordirakischen Stadt Tuz Khurmatu der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu: "Sie brauchen das Geld für Waffen und Munition."

ISIS-Kämpfer bei Parade im syrischen Raqqa, 30.06.2014 (Foto: Reuters)

ISIS-Kämpfer bei einer Parade im syrischen Raqqa

Der Verkauf könnte das Chaos in der kriegsgeplagten Region weiter vergrößern. Das Assad-Regime könnte mit dem Öl seine Panzer füllen und gegen die Aufständischen rollen lassen. Und das Geld, das ISIS für das Öl bekommt, kann die Terrorgruppe für ihren weiteren Eroberungsfeldzug in Syrien und dem Irak einsetzen. Ein hohes Risko für das Regime in Damaskus: Denn im Kampf gegen die säkularen Aufständischen sind die Dschihadisten nur ein (Handels-)Partner auf Zeit. Ihnen geht es nicht um den Verbleib Assads an der Macht. Ihr Ziel ist es, das Gebiet des am vergangenen Wochenende ausgerufenen Kalifats zu vergrößern. Bereits jetzt erstreckt es sich von der irakischen bis zur türkischen Grenze. Im Irak dehnen die Terroristen ihr Herrschaftsgebiet nach Süden aus.

Auswirkungen auf den Ölmarkt

Das Ölfeld Al-Omar befindet sich bereits seit November 2013 in der Hand von Dschihadisten. Damals hatte es die Al-Nusra-Front erobert, die es nun an ISIS abgetreten hat. Seitdem werden dort täglich 10.000 Barrel gefördert.

Die jüngsten Eroberungen heizen nicht nur die Gewalt weiter an. Sie sorgen auch für Unsicherheiten auf dem internationalen Ölmarkt. Noch im Mai hatte die Internationale Energieagentur den Irak als einen der künftig bedeutendsten Ölexporteure bezeichnet. Bis zum Jahr 2035 erwartete die Agentur einen jährlichen Ausstoß von neun Millionen Barrel - das wären mehr als dreimal so viel wie die derzeit geförderten 3,3 Millionen Barrel. Damit wäre der Irak künftig ein noch bedeutender Ölexporteur als Saudi-Arabien. Diese Erwartungen hat nun aber der Siegeszug von ISIS durchkreuzt. Deren Kämpfer können sich derzeit noch über die hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft freuen. Doch unter der Herrschaft von ISIS dürften sich kaum Förderunternehmen finden, die bereit wären, im Irak zu investieren. Bereits jetzt, schreiben die US-Politologen Gal Luft und Robert McFarlane in einem Beitrag für das "Wall Street Journal", würden nur noch 15 Prozent der Investitionen in neue Fördergebiete im Nahen Osten fließen. "Sinkt der Irak nun tiefer in einen Bürgerkrieg, werden die Investitionen weiter zurückgehen und zu weiteren Kürzungen der Fördermengen führen", so die Politologen.

Von ISIS eroberte Gebiete in Syrien und im Irak (KArte: DW)

Von ISIS eroberte Gebiete in Syrien und im Irak

Der Iran als Nutznießer

Zwar sind die größten Ölfelder im irakischen Süden und damit im schiitischen Gebiet derzeit noch nicht akut bedroht. Trotzdem könnte das Vorrücken von ISIS noch zu weiteren Verschiebungen auf dem internationalen Ölmarkt führen. Der Kampf gegen ISIS könne nur dann erfolgreich sein, wenn auch der Iran eingebunden werde, erwartet der Politologe Paul Stevens vom britischen Think Tank Chatham House. Zwar hat der Iran auch ein starkes eigenes Interesse daran, die Geburt eines radikal-sunnitischen Kalifats an seiner Nordwestgrenze zu verhindern. Trotzdem dürfte er von der internationalen Staatengemeinschaft für sein Engagement ein gewisses Entgegenkommen erwarten. Die Entwicklung im Irak lasse eine Übereinkunft geradezu zwingend erscheinen, so Paul Stevens. Diese dürfte auch die Aufhebung von Sanktionen umfassen: "Das wird den Iran in die Lage versetzen, seine Förder- und Produktionsanlagen dringend nötigen Investitionen zu öffnen."

Neue Rolle für Saudi-Arabien

Schiitische Freiwillige für den Kampf gegen ISIS, 26.06.2014 (Foto: Reuters)

Schiitische Freiwillige für den Kampf gegen die Terrorgruppe

Die neue Hinwendung zum Iran dürfte einen bisherigen Partner des Westens vergraulen: Saudi-Arabien. Falls der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki im Amt bleibt und sich - auch dank iranischer Hilfe - gegen ISIS durchsetzt, müsste sich Saudi-Arabien, die Führungsmacht der sunnitischen Muslime, auf eine starke schiitische Präsenz vor seinen Grenzen einstellen. Den neuen amerikanisch-iranischen Annäherungen habe das Königreich politisch wenig entgegenzusetzen, so Stevens. Eine Möglichkeit wäre aber, die Ölpreise zu senken. Dazu wäre Saudi-Arabien umgehend in der Lage: "Das würde dem Iran und dem Irak schaden, die beide auf sofortige Einkünfte angewiesen sind."

ISIS trägt Angst und Schrecken in die Region. Nutznießer wären, zumindest kurzfristig, die Käufer am internationalen Ölmarkt.

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