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Nahost

Irans syrisches Abenteuer

Noch ist die Identität der in Damaskus entführten Iraner nicht restlos geklärt. Doch der Fall zeigt, wie riskant der Pro-Assad-Kurs für Teheran ist. Auch Irans religiöse Militanz droht sich nun gegen das Land zu wenden.

48 Iraner wurden entführt, als sie von der schiitischen Wallfahrtstätte Sajjida Zeinab in Damaskus zurück zum Flughafen der syrischen Hauptstadt kehrten. Ihre Entführer, Mitglieder der während der Revolution gegründeten Al-Baraa-Märtyrerbrigade, hatten behauptet, es fänden sich auch Mitglieder der iranischen Revolutionskämpfer unter ihnen. Zum Beweis hielten sie die Ausweise der Beschuldigten in die Kamera. Mit einiger Verzögerung erklart Iran un, es fänden sich Revolutionswächter und Armeeangehörige "im Ruhestand" unter ihnen.

Religiös-politische Bande

Was immer man über die Identität der Entführten weiter herausfinden wird, auf jeden Fall spiegeln sie den Charakter der iranisch-syrischen Beziehungen der letzten Jahrzehnte. Diese sind religiöser ebenso wie politischer Art - ohne dass sich zwischen beiden Ebenen trennen ließe: Religion und Politik erscheinen im Verhältnis der beiden Staaten wie zwei Seiten derselben Medaille. Denn beide Länder unterstehen einer schiitischen Regierung - ein Umstand, der sie in der überwiegend sunnitisch dominierten Nachbarschaft lange Zeit isoliert hat. Dieser Umstand, erklärt der Islamwissenschaftler Udo Steinbach, habe die syrische Politik seit der Machtergreifung Hafiz al-Assads zu Beginn der 1970er Jahre geprägt. "Assads alawitische Religionsgruppe hatte ein großes Interesse, sich politisch zu behaupten. Das tat sie, indem sie auf Iran zurückgriff - und zwar nicht nur aus religiösen, sondern auch aus machtpolitischen Gründen."

Neues Verhältnis zu Sunniten

Walter Posch (Foto: picture alliance)

Walter Posch: Iran muss sich auf ein Syrien nach Assad einstellen

Die Pragmatik, die hinter den religiös definierten Beziehungen der beiden Staaten durchschimmert, motiviert auch die derzeitige Politik des Iran. Die religiöse Bindung als solche stehe schon längst nicht mehr im Vordergrund der Beziehungen, erklärt Walter Posch, Iran-Experte bei der "Stiftung Wissenschaft und Politik", im Gespräch mit der Deutschen Welle. Denn die Regierenden in Teheran hätten das Assad-Regime schon längst abgeschrieben. Nun gehe es ihnen vor allem darum, sich mit der Nachfolge-Regierung zu arrangieren. Das aber bereite ihnen aufgrund ihrer bisherigen Politik erhebliche Schwierigkeiten. "Sie müssen nun sehen, den Absprung von Assad hinzubekommen. Doch das wird ihnen wahrscheinlich nicht mehr gelingen."

Das wahrscheinliche Szenario eines Sturzes der Regierung Assad vor Augen bereite es Teheran nun zunehmend Sorge, dass sich die Kontakte zu den Muslimbrüdern wie auch zu anderen sunnitischen islamistischen Gruppen massiv verschlechtert hätten. Nun fürchte man, bald überhaupt keinen Kontakt mehr nach Syrien zu haben. Das würde dann auch die Beziehungen zur libanesischen Hisbollah, Irans halbstaatlichem Verbündeten im Libanon, massiv erschweren.

Irans schwierige Zukunft

Plakat des syrischen Präsidenten Baschar Al- Assad und des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah in der schiitischen Pilgerstätte Sayyida Zainab bei Damaskus (Foto: Matthias Tödt )

Der schiitische Wallfahrtsort Sayyida Zainab in Damaskus

Für Iran brechen schwierige Tage an. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die religiöse Energie, die seine Regierungen seit der Revolution von 1979 entfacht haben, nun auf das Land zurückschlägt. Denn wenn die Region sich auch unter dem Eindruck des syrischen Bürgerkriegs religiös weiter auflädt, wird das Land noch stärker isoliert als es ohnehin bereits der Fall ist. Zusammen mit dem Irak wäre es die einzige schiitische Macht in der Region - und damit gegenüber den sunnitischen Nachbarn in einer relativ schwachen Position. Will es neue Stärke gewinnen, kann es diese kaum mehr auf eine religiöse Basis stellen. Seine künftigen Beziehungen zu den Nachbarstaaten muss es darum anders begründen. Das hätte aber auch auf Irans eigenen Charakter als islamische Republik enorme Auswirkungen.

Darum, erklärt Udo Steinbach, muss Iran versuchen, die konfessionelle Spaltung innerhalb der Region zu überbrücken. Den Ausgang des syrischen Bürgerkriegs könne Iran kaum mehr beeinflussen. Wohl aber könne das Land versuchen, einer religiösen Aufheizung der Politik entgegenzuwirken, die von Syrien künftig womöglich ausgehen könnte.

Riskante religiöse Karte

Portrait des Islamwissenschaftlers Udo Steinbach (Foto: DW)

Udo Steinbach: Iran muss konfessionelle Spaltung in der Region überbrücken

Teheran muss mit seiner Religionspolitik aufpassen, das sieht auch Walter Posch so. Denn wenn sich in Syrien neue politisch-religiöse Energien entfachten, könnten diese auch auf die iranischen Sunniten übergreifen - und die stellten die zweitgrößte konfessionelle Gruppe Irans. Teheran sähe sich also einer machtvollen religiösen Opposition im eigenen Land gegenüber.

Dies alles weiß man auch in Teheran. Ganz unabhängig davon, ob die in Damaskus Entführten nun harmlose Pilger oder Agenten des iranischen Geheimdienstes sind: Im Kampf gegen die Aufständischen spielt Iran eine sehr riskante Karte. Denn verliert Assad den syrischen Machtkampf, sieht sich Teheran einer übermächtigen, ihm wenig freundlich gesonnenen sunnitischen Nachbarschaft gegenüber.

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