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Nahost

"Assads Soldaten stehen unter Schock"

Der syrische Ministerpräsident Riad Hidschab ist zurückgetreten und hat sich der Opposition angeschlossen. In Aleppo wird weiter heftig gekämpft. Einer der wenigen Ausländer vor Ort ist der Journalist Kurt Pelda.

DW: Herr Pelda, Sie halten sich derzeit in Aleppo auf. Wie stellt sich Ihnen die Situation in der umkämpften Stadt dar?

Kurt Pelda: Die Kämpfe haben natürlich an Intensität zugenommen. Vor allem die Luftangriffe werden immer schrecklicher. Eigentlich kreisen fast den ganzen Tag über und jetzt auch über große Teile der Nacht Kampfhubschrauber über der Stadt. Vor einer Stunde hat ein Kampfbomber gleich hier um die Ecke versucht, eine Schule zu bombardieren, die zu einem militärischen Hauptquartier der Rebellen umfunktioniert wurde. Die Bombe verfehlte die Schule. Stattdessen traf sie ein Wohnhaus und tötete 14 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder.

Am Montag hat der syrische Ministerpräsident Riad Hidschab seinen Rücktritt bekanntgegeben. Er ließ mitteilen, er habe sich von dem "mörderischen und terroristischen Regime" abgewandt und sich der "Revolution der Freiheit und Würde" angeschlossen. Was halten Sie von dieser Entscheidung: moralische Einsicht oder politischer Opportunismus?

Der zurückgetretene syrische Regierungschef Riad Hidschab (Foto: Reuters)

Der zurückgetretene syrische Regierungschef Riad Hidschab

Ich kenne den Mann nicht persönlich, darum ist die Einschätzung ein bisschen schwierig. Aber wer so spät in einem Krieg die Seiten wechselt, der muss sich wohl Opportunismus vorwerfen lassen. Dennoch ist er der prominenteste Überläufer bisher nach dem General Manaff Tlass, der kürzlich die Seiten wechselte. Das ist ein Schock für das Regime und seine Anhänger. Aber die Bevölkerung hier in Aleppo jubelt. Sie sieht natürlich, dass die Ratten das sinkende Schiff verlassen. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist die, ob sich dieser Seitenwechsel nun auch auf die anlaufende Großoffensive im Raum Aleppo auswirken wird. Entscheidend ist jetzt, ob die Generäle, die hier das Kommando haben, ebenfalls das Handtuch werfen. Damit käme die ganze Offensive ins Stocken. Es ist gut denkbar, dass die Überläufer der Grund sind, warum die schon lange versprochene Offensive auf sich warten lässt. Sicher ist dagegen, dass der Endkampf in Syrien begonnen hat. Der kann sich noch Wochen oder Monate hinziehen, aber ich glaube, ein Zurück in die Zeit vorher gibt es nicht mehr.

Es heißt, für viele hohe Mitarbeiter der Regierung sei es sehr schwierig, die Seiten zu wechseln, da ihre Angehörigen leicht als Geiseln genommen werden könnten. Womöglich hat darum auch Riad Hidschabs Seitenwechsel eine angeblich mehrere Monate lange Vorbereitungszeit erfordert?

Der zu Teilen zerstörte Staatssender in Damaskus (Foto: AP)

Ein weiterer Schlag gegen das Regime: der zu Teilen zerstörte Staatssender in Damaskus

Ich weiß wenig Konkretes über die Seite auf der anderen Seite der Front. Aber es ist ganz klar, dass diese langen Vorbereitungen dazu beitragen sollten, auch die Familie nach Jordanien zu bringen. Und wenn meine Informationen korrekt sind, dann hat ja Hidschab einen großen Teil seiner Familie, wenn nicht sogar die ganze, mit nach Jordanien gebracht. Wie er das konkret gemacht hat, wen er dafür bestochen hat, das ist natürlich eine Frage, die werden wir erst in den nächsten Tagen oder Wochen beantworten können. Aber sicher ist diese Geiselhaft von Verwandten und Bekannten potentieller Überläufer ein wichtiger Grund, weshalb nicht schon noch mehr Leute die Seiten gewechselt haben.

Derzeit kann man den Eindruck haben, das Assad-Regime verliere mehr und mehr die Kontrolle über Syrien. Wie erklären Sie sich diesen Machtverlust – hat er eher ökonomisch-militärische oder moralische Ursachen?

Ich würde sagen, ein ganz wesentlicher Grund für die Schwäche des Regimes ist vor allem die Moral der Soldaten. Die Tatsache, dass erst jetzt um Aleppo gekämpft wird, hat ja eine Vorgeschichte: Assads Truppen waren gezwungen, sich im ganzen Norden, entlang der türkischen Grenze zurückziehen. Andere wurden von den Rebellen vernichtend geschlagen. Die wichtigsten Waffen, die die Rebellen einsetzen - und das tun sie jetzt auch in Aleppo - waren selbstgemachte Bomben, Sprengfallen, Minen, mit denen die Panzer der Regierungsarmee vernichtet wurden. Das war ein Schock für die Soldaten und für die betroffenen Offiziere. Diesen Schock haben sie auch jetzt, während der Offensive gegen Aleppo, noch nicht verwunden. Zudem ist die Armee extrem verstreut. Assad hat zwar eine große Armee. Aber er kann nur noch den wenigsten Einheiten vertrauen. Zudem müssen seine Truppen an den verschiedensten Brennpunkten eingreifen. Das haben die Rebellen ziemlich geschickt gemacht: Sie haben auf diese Weise zunächst in Damaskus angegriffen – und dann in Homs, in Hama und nun hier in Aleppo. Die Armee ist verzettelt und hat zu wenige Kräfte, um all diese Städte, all diese Gebiete unter Kontrolle zu halten.

Welchen Eindruck haben Sie denn von den bewaffneten Kräften der Opposition? Es heißt, sie seien zu großen Teilen islamistisch geprägt.

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee macht eine Pause, in Aleppo (Foto: Reuters)

Kampfpause. Ein Soldat der Freien Syrischen Armee in Aleppo.

Was Mut macht, ist der Umstand, dass man in Aleppo wie auch in den ländlichen Gebieten um die Stadt herum gewisse lokale Regierungsstrukturen beobachten kann. Es gibt zum Teil zwar auch Gerichte, die nach der Scharia Recht sprechen, aber immerhin gibt es auch eine rudimentäre Justiz. Es gibt Behörden, die Müllbeseitigung zum Beispiel in Angriff nehmen. In den ländlichen Gebieten wird zum Teil der Wiederaufbau in Angriff genommen. Es bilden sich lokale Strukturen. Das Problem ist aber, dass es noch keine National-Struktur gibt.

Wie stehen denn die Vorbereitungen für eine Zeit nach Assad?

Hier gibt es vor allem ein Problem: Der im Ausland residierende Syrische Nationalrat vereint eigentlich nur Exilpolitiker. Die Leute, die wirklich das Sagen haben, kämpfen aber hier im Landesinnern. Die Frage ist jetzt, ob die Syrer, die hier im Land kämpfen und unter Waffen stehen, in dieser Übergangsregierung, die angeblich im Entstehen begriffen ist, genügend Mitspracherecht bekommen. Der Einfluss der Exilpolitiker muss sich unbedingt verringen. Denn nur dann kann es eine nationale Übergangsregierung geben, die diesen Namen auch wirklich verdient.

Kurt Pelda ist freier Journalist mit dem Spezialgebiet Naher Osten. Dieser Tage hält er sich in Aleppo auf.

Das Interview führte Kersten Knipp.

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