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Nahost

Assads Kampf um alles oder nichts

Der syrische Präsident Baschar al-Assad lässt weiter die Waffen sprechen: Er ruft zur Entscheidungsschlacht auf, statt ins sichere Exil zu flüchten. Damit besiegelt er wohl sein eigenes Schicksal.

Baschar al-Assad ist abgetaucht. Seit dem Anschlag auf seinen Krisenstab am 18. Juli 2012, bei dem vier seiner engsten Vertrauten starben, meidet Syriens Präsident die Öffentlichkeit. Das Staatsfernsehen zeigt Assad bei der Vereidigung neuer Minister, das Armee-Magazin zitiert ihn mit Durchhalteparolen. Ansonsten herrscht Stille. Statt sich persönlich zu Wort zu melden, lässt Assad weiter die Waffen sprechen. Vor allem in Damaskus und Aleppo, den beiden wichtigsten Städten des Landes, in denen sowohl das Regime als auch die Opposition den "Endkampf" ausgerufen haben.

Ausgerechnet Baschar, der nie Präsident werden wollte. Der das politische Erbe seines Vaters nur antrat, weil sein älterer Bruder Basel 1994 bei einem Autounfall verunglückte. Der Augenmedizin studierte und am liebsten am Computer saß. Ausgerechnet er geht über Leichen, um im Amt zu bleiben.

Gewalt statt Verhandlungslösung

Ein zerstörtes Haus in Aleppo (Foto: Reuters)

Die Chance auf eine friedliche Lösung ist längst vertan

Dabei hatte der syrische Präsident zu Beginn der Proteste von allen arabischen Potentaten die beste Ausgangsposition. Während sich der Hass der Tunesier, Ägypter und Libyer von Anfang an gegen ihre Staatschefs richtete, forderten die Syrer Freiheit, Würde und das Ende von Korruption und Geheimdienst-Willkür. Doch anstatt das Gespräch mit den Aktivisten zu suchen, ließ Assad auf sie schießen - und provozierte so den bewaffneten Kampf von heute.

Monatelang waren Oppositionelle bereit, mit Regimevertretern über einen demokratischen Übergang zu verhandeln. Ihre einzige Bedingung war, dass die Gewalt gegenüber friedlichen Demonstranten aufhört. In den vergangenen knapp eineinhalb Jahren hat Assad jedoch die Verfolgung und Ermordung von Zivilisten an keinem Tag wirklich eingestellt, um einer Verhandlungslösung eine Chance zu geben. Er hat sich anders entschieden: für einen Kampf um alles oder nichts. Ein riskantes Spiel, denn der 46-jährige Familienvater hat noch ein Leben vor sich. Er weiß, dass viele Syrer nicht ruhen werden, ehe er für die Verbrechen der vergangenen Monate bezahlt hat - ob im Gefängnis oder als öffentlich Hingerichteter.

Syriens Regierungschef Riad Hidschab (Foto: Reuters)

Zur Opposition übergelaufen: Syriens Regierungschef Riad Hidschab

Zunehmend verliert Assad die Unterstützung in der Bevölkerung. Vergleicht man Pro-Assad-Demonstrationen in Damaskus vom Sommer 2011 mit denen vergangener Monate, erkennt man einen Sympathieverlust und schwindenden Einfluss des Regimes auf Angestellte und Beamte; Schüler und Studenten lassen sich nicht mehr so einfach für den Präsidenten mobilisieren. Schon das Zuhausebleiben ist eine Form von zivilem Ungehorsam - und ein politisches Statement: Wer sich nicht traut, gegen Assad auf die Straße zu gehen, lässt sich zumindest nicht mehr als Pro-Assad-Demonstrant instrumentalisieren.

Die meisten, die jahrelang auf ein besseres Leben unter Baschar gehofft hatten, wurden schon vor Ausbruch der Revolution enttäuscht. Darunter die vernachlässigte Landbevölkerung, die verarmten Bewohner der Vorstädte, perspektivlose Studenten und Millionen arbeitsloser Jugendlicher. Anders Angestellte der Privatwirtschaft, Beamte, Geschäftsleute, Händler und Großunternehmer - die, denen es unter der wirtschaftlichen Liberalisierung Assads vergleichsweise gut ergangen ist, distanzierten sich zunehmend seit Beginn der Revolution.

Kampf um Leben oder Tod

Mitglieder der syrischen Oppositionellen-Armee schwänken eine Flagge (Foto: Syrien)

Assads Gegner hoffen auf einen baldigen Sieg

Noch gelingt Assads politisches Überleben um jeden Preis, auch weil er nicht alleine ist: Ein enger Kreis von überwiegend alawitischen Offizieren, Geheimdienstchefs und seine erweiterte Familie sind auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden. Sie haben ihr eigenes Schicksal an den Machterhalt des Regimes gekettet, indem sie die Verantwortung für die exzessive Gewalt der vergangenen Monate tragen. Dieser harte Kern kämpft um Leben oder Tod und ist zu allem bereit.

Doch seit dem Anschlag auf seinen Krisenstab ist Assad selbst verwundbar geworden. Die bewaffnete Opposition hat offenbar Unterstützer in den obersten Führungskreisen und wird alles daran setzen, den verhassten Präsidenten persönlich zur Strecke zu bringen. Das wirkt sich auch psychologisch aus: Wo fühlt sich Assad jetzt sicher? Wem kann er noch vertrauen?

Die Kämpfe in Damaskus und Aleppo zeigen, dass der Konflikt immer blutiger wird, je länger er andauert. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich, immer mehr Mitglieder des Sicherheitsapparates und der Verwaltung wenden sich ab. Übergelaufene Militärs, Politiker und Botschafter zeichnen das Bild eines maroden Regimes, das angesichts des bevorstehenden Endes wild um sich schlägt. Die Frage ist, wie lange noch.

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