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Nahost

Der Herrscher-Clan von Damaskus

Baschar al-Assad ist der Präsident Syriens, aber nicht der alleinige Machthaber. An wichtigen Entscheidungen sind noch andere Führungspersönlichkeiten beteiligt.

Wenn in Syrien Wohngebiete beschossen werden, Kampfjets aufsteigen und Truppen um die Kontrolle von Aleppo kämpfen, dann sind das nicht die Entscheidungen eines allmächtigen Diktators, sondern die eines Führungsstabes, auf den Baschar al-Assad angewiesen ist. Ihm gehören Verwandte, langjährige Geheimdienstchefs und Militärs an, die sich bis Mitte Juli 2012 im Zentrum der Hauptstadt Damaskus in Sicherheit wähnten.

 Am 18. Juli zerstörte eine Bombe diese Illusion. Bei dem Anschlag auf den Nationalen Sicherheitsrat starben vier von Assads engsten Vertrauten – darunter sein Schwager Asef Shaukat, dessen Tod den Assad-Clan besonders traf. Shaukat hatte zusammen mit Assads jüngerem Bruder Maher jahrelang den Sicherheitsapparat dominiert. Jetzt kann sich der syrische Präsident nur noch auf seinen Bruder hundertprozentig verlassen.

Der kaltblütige Bruder

Eine Porträtaufhnahme von Baschar al-Assad (Foto: AP)

Baschar al-Assad ist kein unumschränkter Herrscher

Maher al-Assad befehligt die Vierte Division des Militärs, die vielerorts die Niederschlagung des Aufstands anführt, sowie die Republikanische Garde, die auch für den Schutz der Assads zuständig ist. Beide Einheiten gelten als gut ausgestattet und loyal. Maher selbst soll die harte rechte Hand Bashars sein, ihm wird Kaltblütigkeit und Führungsstärke nachgesagt. In der aktuellen Krise trägt er die Hauptverantwortung für die Gewalt gegen Demonstranten und den Beschuss von "oppositionellen" Wohnvierteln und Ortschaften.

Als potenzieller Nachfolger seines Vaters schied Maher nach dem Unfalltod seines ältesten Bruders Basel 1994 wohl wegen seines aufbrausenden Charakters aus. Im Streit soll er 1999 sogar seinem Schwager Asef Shaukat in den Bauch geschossen haben. Dieser überlebte und die beiden wurden später aus machtpolitischen Interessen ein sicherheitsstrategisches Team.

Die unnachgiebige Schwester

Obwohl Shaukat inzwischen tot ist, lohnt es sich, seine Verbindung zu den Assads zu beleuchten, denn sie sagt einiges über die Verhältnisse innerhalb der Familie aus. Der 62-Jährige war mit Bushra, der älteren Schwester der ursprünglich vier Assad-Söhne verheiratet (neben dem verunglückten Basel starb Majed, ein weiterer Bruder, 2009 nach langer Krankheit). Mitte der 1980er Jahre lernte der junge alawitische Offizier die einzige Tochter des langjährigen Präsidenten Hafiz al-Assad,  Bushra, kennen, die damals an der Universität von Damaskus Pharmazie studierte. Die Verbindung fand weder die Zustimmung des Vaters noch des ältesten Bruders.

Basel soll Shaukat insgesamt viermal verhaftet haben lassen, um Treffen mit seiner Schwester zu verhindern. Vergebens. Bushra gilt als intelligent und durchsetzungsstark, ideologisch soll sie die Hardlinerin der Familie sein – bekannt für ihre kompromisslose anti-israelische und anti-islamistische Haltung. Wie unnachgiebig sie sein kann, zeigte sich ein Jahr nach Basels Tod, als sie 1995 den zehn Jahre älteren Asef Shaukat gegen den Willen ihrer Familie heiratete.

Die Stütze Baschars

Eine Porträtaufhnahme von Hafiz al-Assad (Foto: AP)

Früher der Mächtigste: Hafiz al-Assad

Um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, nahm Hafiz al-Assad den unerwünschten Schwiegersohn kurz darauf offiziell in die Familie auf. Dieser freundete sich mit Baschar an, der sich in Fragen der Sicherheit zunehmend auf Shaukat verließ. Überzeugt von dessen Fähigkeiten wies der alternde Präsident Shaukat an, "niemals von Baschars Seite zu weichen". Und tatsächlich stärkte der General dem jungen zukünftigen Staatschef im Hintergrund den Rücken.

Bei Hafiz' Begräbnis im Juni 2000 stand Shaukat demonstrativ an Bashars rechter Seite. Shaukat leitete jahrelang den militärischen Geheimdienst und war seit September 2011 stellvertretender Verteidigungsminister. Als einflussreicher Strippenzieher innerhalb des Sicherheitsapparates führte Shaukat den Überlebenskampf einer Herrscherfamilie an, der er selbst seinen Aufstieg verdankte.

Die ausgleichende Mutter

Ein Foto der Familie al Assad (Archivfoto: AP)

Eines der seltenen Fotos, auf denen die Familie noch vereint ist

Eine einende Rolle hinter den Kulissen spielt wohl Anisa Makhluf, die heute weit über 70-jährige Mutter der Assad-Geschwister. Sie soll im Falle von Streitigkeiten ausgleichend wirken. Anisas wichtigsten Beitrag zur Sicherung der Macht liefert ihre Verwandtschaft, die erweiterte Makhluf-Familie, denn sie ist es, die das Regime finanziell absichert. Ihr Bruder Mohammed Makhluf, der ehemalige Finanzberater von Hafiz al-Assad und inzwischen 80-jährige Senior des Clans, machte aus der einst armen alawitischen Familie ein weitverzweigtes Wirtschaftsimperium.

Mit ihren Aktivitäten im Bereich Telekommunikation, im Handel und bei der Stromerzeugung, in der Erdöl- und Gasbranche sowie im Bankensektor kontrollieren die Makhlufs heute den Großteil der syrischen Wirtschaft. Mohammeds ältester Sohn Rami Makhluf gilt als reichster Geschäftsmann des Landes. Als Besitzer von Syriens erstem Mobilfunkanbieter Syriatel ist er in der Bevölkerung zum Symbol für Vetternwirtschaft und Kleptokratie geworden und als solcher einer der am meisten gehassten Regimevertreter. Ramis Brüder und ein weiterer Cousin mütterlicherseits sitzen in führenden Geheimdienstpositionen.

Die mächtige Verwandschaft

Auch Bashars Verwandtschaft väterlicherseits ist mit dem undurchdringlichen Netzwerk aus Militär, Geheimdiensten und Milizen verwoben. Unter ihren Kindern sind hochrangige Armeevertreter, einige der Cousins sind in die Machenschaften der gefürchteten Shabiha-Milizen verstrickt. All diese Familienangehörigen stehen auf der Sanktionsliste der Europäischen Union, weil sie die Gewalt gegen Zivilisten befehligen, verantworten, finanzieren oder anderweitig fördern.

Insgesamt stützt sich der syrische Machtapparat auf so viele loyale Mitglieder und ist innerhalb der Präsidentenfamilie so weit verzweigt, dass offensichtlich selbst das Ausscheiden einer zentralen Figur wie Asef Shaukat nicht zum Zusammenbruch führt. Das ist wichtig zu wissen für all die Planspiele, die die Zeit nach dem Assad-Regime betreffen. Denn dann geht es darum, wer welche Rolle im Sicherheitsapparat gespielt hat, wer zur Verantwortung gezogen werden muss, was mit den Geheimdiensten geschehen soll und welche Regime-Insider bei einem geordneten Übergang mitwirken könnten.

Kristin Helberg war jahrelang als Korrespondentin in Damaskus tätig. Im September erscheint ihr Buch "Brennpunkt Syrien - Einblick in ein verschlossenes Land".

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